Sittensen : "Wir sind alle geschockt"

Nach der Bluttat mit sechs Toten in einem chinesischen Restaurant im 5500-Seelen-Ort Sittensen sind die Bewohner schockiert. Auch für die Polizei handelt es sich bei der Tat nicht um einen "normalen Mord".

Sittensen - Die Passantin ist sichtlich mitgenommen. "Das waren sehr nette, liebe, freundliche Menschen", sagt die Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte. Sie ging häufig zum Essen in das einzige chinesische Restaurant namens "Lin Yue" in dem 5500-Seelen-Ort Sittensen (Kreis Rotenburg/Wümme). "Ich weiß nicht, wer ihnen das angetan haben soll", sagt sie mit Tränen in den Augen. Unbekannte Täter haben in der Nacht zum Montag in dem Restaurant sechs Menschen erschossen, ein schwer verletzter Mann rang am Nachmittag noch um sein Leben.

Ob auch das Betreiberehepaar unter den Toten ist, wollte die Polizei zunächst nicht sagen. Polizeisprecher Detlev Kaldinski geht aber davon aus, dass unter den Opfern keine Gäste sind. Die Passantin, die am Montag fassungslos an der Polizeiabsperrung vor dem China-Restaurant steht, kannte die Inhaber des Restaurants nach eigenen Angaben gut. Die Mutter des Mannes wohne bei ihr mit im Haus. Die Oma passte auch häufig auf die kleine Tochter des Paares auf.

"Man traf sich beim Einkaufen, auf der Straße, immer haben sie freundlich gegrüßt und gefragt, wie es geht", sagt die Frau. "Sie hatten immer ein liebes, nettes Wort." Das Restaurant sei zudem immer gut besucht gewesen, es zähle zu den besten in der Gegend.

Sonderkommission ermittelt

Die große Gaststätte nimmt die komplette erste Etage eines modernen Hauses ein, darüber im Dachgeschoss wohnte das Betreiberehepaar mit der kleinen Tochter. Unten im Haus sind ein Pizzaservice, ein Finanzdienstleiter und eine Fahrschule untergebracht. Spezialisten des Bundes- und des Landeskriminalamtes untersuchten auch noch am Nachmittag den Tatort. Die Polizei richtete eine Sonderkommission ein.

Nach Auffassung von Kaldinski handelt es sich bei der Bluttat nicht um einen "normalen Mord". Die Opfer seien zum Teil gefesselt gewesen. Bei den Ermittlungen würden "alle Register gezogen", versichert er. "Wir wollen jede Spur finden." Von außen ist durch die geöffneten Vorhänge des Restaurants nichts zu erkennen, außer dass immer noch Licht brennt.

Ein ganz normaler Ort

Sittensen sei ein ganz normaler Ort, betont der Polizeisprecher. Kriminelle Strukturen kenne man hier nicht. Über mögliche Tatmotive wollen die Ermittler nichts sagen. Bislang sei nicht bekannt geworden, dass örtliche Restaurants möglicherweise von Mafia-Organisationen bedroht worden seien. Der Name "Triaden" - der Oberbegriff für weltweit operierende, unter anderem auch auf Schutzgelderpressung spezialisierte chinesische Gruppen - wird von Beobachtern ins Spiel gebracht, aber: "Es gibt keine Vorgeschichte. Das war nicht zu erwarten", betont Kaldinski.

Ein anderer Stammgast des China-Restaurants, der mit seinem Hund vorbei kommt, ist überzeugt, dass hinter der Bluttat "etwas Großes steckt". "Das sollte eine Warnung sein", sagt der 38-Jährige, der die Inhaber ebenfalls gut gekannt haben will. Aus dem Ort könnten die Täter jedenfalls nicht gewesen sein, findet er: "Hier kennt jeder jeden."

Vor rund zehn Jahren habe das Restaurant eröffnet, nie sei etwas auffällig gewesen. Das bestätigt auch Polizeisprecher Kaldinski. "Das Restaurant hatte einen guten Ruf. Es gab nie einen polizeilichen Einsatz." Auch der 38-jährige Stammgast betont: "Sie werden von niemandem etwas Schlechtes hören über das Restaurant. Wir sind alle geschockt." (Von Janet Binder, ddp)

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