Skyguide-Prozess : Verteidigung fordert Freispruch

Leitende Mitarbeiter der Schweizer Flugsicherung Skyguide tragen nach Ansicht ihrer Verteidiger keine Schuld am Flugzeugunglück von Überlingen. Der Fluglotse sei für das Zusammenstoßen der beiden Flugzeuge verantwortlich.

Bülach - Sein Mandant, einer der Chefs der Luftraumkontrolle Zürich, sei vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung in 71 Fällen freizusprechen, sagte Anwalt Tobias Fankhauser im Strafprozess vor dem Bezirksgericht im schweizerischen Bülach. Verantwortlich für die Katastrophe seien fatale Fehler des Lotsen in der Unglücksnacht, nicht der Ein-Mann-Betrieb im Kontrollraum. "Mit solch einem Versagen eines Luftverkehrsleiters konnte nicht gerechnet werden", sagte der Anwalt. Er sprach zum Auftakt der bis Ende Mai angesetzten Verteidiger-Plädoyers.

Der bis heute bei Skyguide arbeitende Angeklagte bat nach dem Plädoyer die Hinterbliebenen um Entschuldigung: "Ich hatte keine Möglichkeit, das Unglück vorauszusehen oder zu verhindern." Die Anklage wirft den acht angeklagten Skyguide-Mitarbeitern dagegen Pflichtverstöße vor und fordert Strafen von sechs bis 15 Monaten. So habe der Skyguide-Stab Sicherheitsstandards missachtet und den Solo-Lotsen zugelassen, obwohl wegen Wartungsarbeiten Telefon, Radar und Warnsysteme teilweise abgeschaltet waren. Bei dem Zusammenstoß zweier Flugzeuge im von Skyguide kontrollierten Luftraum bei Überlingen waren am 1. Juli 2002 alle 71 Insassen gestorben. Der Unglückslotse war 2004 von einem Hinterbliebenen getötet worden.

Die Flugzeuge wurden vergessen

Der Anwalt verteidigte den Ein-Mann-Betrieb: "Der Lotse war entgegen der Staatsanwaltschaft nicht allein auf weiter Flur." Er hätte einen pausierenden Kollegen alarmieren können, statt weitere Maschinen Richtung Friedrichshafen an einem zweiten Arbeitsplatz zu betreuen. Der Verteidiger spielte Radarbild und Funk der letzten 20 Minuten vor dem Unglück ein. "Für den Lotsen hätte reichlich Zeit bestanden, die drei Flugzeuge vorausschauend zu koordinieren", sagte Fankhauser. Stattdessen habe er unbedrängt zwei Flugzeuge auf gleiche Höhe beordert "und dann vergessen".

Der bis heute bei Skyguide bestehende Personalmangel habe damals keine Rolle gespielt, erklärte der Anwalt. Zudem habe sein Mandant daran nichts ändern können. Weitere Plädoyers der Verteidigung folgen. Der Prozess soll am 31. Mai zu Ende gehen. Der Termin für die Urteilsverkündung ist offen. (tso/dpa)

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