Small Talk : "Sind Sie was Besonderes?"

Christoph Amend und Matthias Stolz haben eine Plattitüdensammlung veröffentlicht - einen echten Small-Talk-Seller. Mancher fühlt sich in dem interaktiven Mitmachbuch grausam ertappt.

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Small Talk ist für viele Menschen ein Graus. Meist liegt das daran, dass sie denken, man müsse ihn einfach so beherrschen. Das stimmt nicht, Small Talk kann man lernen und trainieren, wie alle anderen Fertigkeiten auch. Auf eine Konversation übers Wetter kann man sich vorbereiten wie auf ein Klaviervorspiel. Wer Angst hat, dass die Kreativität nicht ausreicht oder schlicht zu faul ist, sich selbst etwas einfallen zu lassen, kann auf ein neues Standardwerk zurückgreifen. Die ultimative Sammlung der 1000 beliebtesten Meinungen unserer Zeit ist ein echter Small-Talk-Seller. „Sind Sie was Besonderes?“ lautet der Titel des interaktiven Mitmachbuchs. Dafür kann man 236 Seiten lang Kreuzchen machen hinter Sätzen, die man auch schon so verwendet hat oder denen man zustimmt. Am Ende jedes Kapitels kann man seinen Besonderheitsquotienten ausrechnen, so wie in den psychologischen Persönlichkeitstests von Hochglanzmagazinen. Das ist unterhaltsam und sogar gut für den Adrenalinspiegel, denn manche Sätze sind so schnöselig oder so gutmenschig oder auch schlicht so spießig, dass man sich gar nicht eingestehen möchte, wie oft man sie schon gehört oder gar selber gesagt hat. Trotzdem: Wer nicht auffallen oder gar anecken, sondern immer schön mainstreamig plaudern möchte und keine kantigen eigenen Meinungen besitzt, sollte dieses Buch zu seinem besten Freund machen. Wie genau Christoph Amend und Matthias Stolz den Hippen aufs Maul geschaut haben, das ist schon fast ein bisschen unheimlich, sagt aber auch ziemlich viel darüber aus, dass es einen nationalen Labercharakter durchaus gibt. Mit solchen Vorräten an Redewendungen kommt man auch sicher durch alle Tabuzonen, die da heißen Religion, Sex und Geld, und sagt immer das, was alle gerade so sagen. „Diese ganzen Kreditkarten verführen einen nur zum Geldausgeben.“ Oder: „Mit dem Fahrrad ist man in der Stadt schneller unterwegs als mit dem Auto.“ Oder: „Mir gehen Leute auf den Keks, die immer nur Plattitüden von sich geben.“ In vielen Sätzen schwingt ein leichter Dünkel mit, deshalb sollte man die Anwendung streng auf deutschen Small Talk beschränken. Sätze wie „Mit Musicals konnte ich noch nie was anfangen“ oder „Ich gehe nie in die Kirche, aber an Weihnachten gehört es einfach dazu“ wären in Gesprächen etwa mit Amerikanern eher kontraproduktiv. Auch ein anderer Satz geht nur hier: „Die Political Correctness in Deutschland ist furchtbar – aber zum Glück noch nicht so schlimm wie in Amerika“.

Mancher dürfte sich ertappt fühlen. „Ich kaufe am liebsten regionale Produkte – die schmecken auch besser“ oder „Der Champagner bei Aldi ist richtig gut“ oder „Unmöglich sind ja die Leute, die selbst zum Bäcker um die Ecke mit dem Auto fahren“. Das Buch fasst sich selbst in einem Satz zusammen: „Ehrlich gesagt, in mir steckt auch ein kleiner Spießer.“

Christoph Amend, Matthias Stolz: Sind Sie was Besonderes? Die 1000 beliebtesten Meinungen unserer Zeit, Knaur Verlag, München 2010, 12,99 €

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