Welt : Smog! Atemnot in Indonesien und Malaysia

DANIEL KESTENHOLZ

Wegen Feuerrohdungen auf Sumatra ist im Umkreis von hunderten Kilometern die Luft schwarzVON DANIEL KESTENHOLZSenioren, verzichtet auf euer traditionelles Tai Chi-Morgenturnen! Eltern, verwahrt eure Kleinkinder in den Stuben! Damit warnen Singapurs Behörden ihre Bevölkerung vor der Smog-Glocke, die seit Ende Juli über dem Stadtstaat hängt.Die Quelle des Dunstes sind riesige Waldbrände auf Indonesiens Inseln Kalimantan und Sumatra, die gefährliche Konzentrationen an Rauch und Schwebestoffen über Singapur, Teilen Indonesiens, Malaysias und dem Süden Thailands ablagern.Bedrohlich ist die Situation derzeit im malaysischen Bundestaat Sarawak.Dort wurde am Freitag der Notstand ausgerufen.Alle Schulen blieben geschlossen, nachdem die Belastung als "gefährlich" eingestufte Werte überschritten hat.Der Unterricht bleibt ausgesetzt, solange die Belastung nicht deutlich zurückgeht. Atemschutzmasken werden in Rekordzahlen verkauft, der Flugverkehr in der Region ist behindert, Autos fahren selbst tagsüber mit Scheinwerferlicht.Kuala Lumpurs Stadtsilhouette geht in den Smog-Schleiern verloren.Selbst die Spitzen der 88stöckigen Petronas-Towers, der höchsten Gebäude der Welt, entschwinden im gelblichen Giftnebel.Malaysias Premier Mohamad Mahathir will bundesweit den Ausnahmezustand ausrufen, sollte die Dunstbrühe noch kritischere Werte erreichen.Laut Indonesiens Umweltminister Sarwono Kusmaatmadja könnten 20 Millionen Menschen von Atemproblemen und Augenreizungen betroffen sein. Indonesien hat am 17.September eine "Regenmacher"-Operation gestartet.Zwei Propellerflugzeuge werfen 800 Kilogramm an einer Salzlösung ab, die Regenwolken ballen soll - bisher erfolglos.Zudem leidet die Region unter dem Bann eines pazifischen Wetterphänomens, des sogenannten "El Nino".El Nino ereignet sich alle drei bis fünf Jahre und löst rund um die Welt Klimastörungen aus.In Indonesien, dem östlichen Australien, Zentralamerika und der Karibik verursacht El Nino ein trockeneres Klima mit weniger Regenfällen.Im Kontrast dazu nehmen die Niederschläge über Teilen Chiles, Argentiniens, Uruguays und Brasiliens zu.1982 bis 1983 wurde El Nino weltweit für Schäden von acht Milliarden US-Dollar verantwortlich gemacht.Sie reichten von Ernteausfällen bis zu Erdrutschen. El Nino dürfte auch die für Oktober erwartete Regenzeit über dem versmogten Südostasien massiv abschwächen und die Schwelbrände weiterwüten lassen.El Nino hat bereits weite Teile von Indonesiens Kaffee- und Reisernte zerstört.Papua Neu Guinea erleidet derzeit seine schlimmste Trockenheit seit Jahrzehnten.Meteorologen sind heute im Stande, die klimatischen Auswirkungen El Nios vorauszusagen.Doch eine Kuriosität setzt selbst die Wissenschafter in Staunen: Die äquatoriale Strömung, die warme Wassermassen nach Norden treibt, ist nicht nur für Überflutungen und Dürren verantwortlich, sondern auch für den ersten Merlin, der Anfang September vor dem US-Bundesstaat Washington aus dem sonst eisigen Wasser gefischt wurde.Mit Wassertemperaturen fünf Grad über dem Schnitt, wird auch Kalifornien Küste von Schwärmen an Tintenfischen, Baracudas und anderen Exotika heimsucht, die sonst vor Mexico oder Costa Rica heimisch sind.Das Phänomen begann im Juni, als erste, nie dagewesene Kolonien an Tintenfischen vor Kalifornien auftauchten, während auf der anderen Seite des Pazifiks Dürren drohen, welche die Katastrophe der Brandrodungen, die inzwischen zum jährlichen Ritual geworden sind, noch hochschrauben.Allein dieses Jahr haben Siedler auf Sumatra und Kalimantan rund 300 000 Hektar Wald durch die Brände, die sie legten, niedergeschwärzt. Sie bereiten die Böden für die Regenzeit vor, wenn die neuen Saaten gesteckt werden.Doch unter der Oberfläche Kalimantans liegt eine mehrere tausend Quadratkilometer grosse, bis zu drei Metern dicke Torfschicht, die Schwelbrände unterirdisch weiterträgt und in nachbarlichen Wäldern aufbrechen lässt.Der Aschenregen sprüht noch über Dörfern nieder, die von den Feuern Hunderte von Kilometern entfernt liegen.In Singapur ist die Sonne seit Anfang August kaum mehr gesehen worden.Asthma, Lungenentzündungen und Augenreizungen sind sprunghaft angestiegen.Menschen halten sich feuchte Schnupftücher vor die Nase, alltägliche Arbeiten wie Kleiderwaschen werden zum Albtraum.Eine indonesische Zeitung zitiert einen 28jährigen Mann auf Kalimantan, der seine Jeans seit zwei Wochen nicht mehr gewaschen hat: "Es dauert drei Tage, bis die Hosen trocken sind.Draussen kann man nichts aufhängen.Alles würde sofort wieder schmutzig in all dem Rauch." Trotz eines Regierungsverbotes, Landbesitzer klären ihre Böden weiterhin illegal mit Feuer, in der Aussicht, nächstes Jahr eine profitable Plantage zu besitzen.Ein Boom in Palmöl heizt das Problem noch an.Inzwischen sind die Schwelbrände zu einem regionalen politischen Ärgernis angewachsen.Soeben haben die Aussenminister des Staatenbundes der Asean (Association of South East Asian Nations) ihr Jahrestreffen in Kuala Lumpur schulterklopfend beendet. Mit der Giftglocke brechen jedoch alte Animositäten auf, wer für die Luftverpestung verantwortlich sei.Indonesiens Präsident Suharto, in dessen Hauptstadt Jakarta die Sonne unvermindert scheint, hat sich bei seinen Nachbarn entschuldigt.Doch Kalimantans brandrodenden Siedler nehmen die politische Ellenböglerei zwischen Jakarta, Singapur und Kuala Lumpur kaum wahr. Auch wenn ihre radikale Rodungspraxis bereits 1982 rund drei Millionen Hektaren Wald zerstört hat, die Siedler werden auch nächstes Jahr wieder Feuer legen.Es ist ihre einzige Hoffnung, einem Leben am Rande des Existenzminimums wenigstens zeitweilig zu entrinnen.

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