Smog in China : Alarmstufe rot in Peking

Viele Millionen Menschen leiden in China unter der hohen Feinstaubbelastung. Nun sind in der Luft dazu noch Spuren von antibiotikaresistenten Bakterien nachgewiesen worden.

Ning Wang
Mitte Dezember riefen die chinesischen Behörden das erste Mal die höchste Alarmstufen für Luftverschmutzung aus.
Mitte Dezember riefen die chinesischen Behörden das erste Mal die höchste Alarmstufen für Luftverschmutzung aus.Foto: Zhao Wang/AFP

Was sich nach einem Actionfilmtitel anhört, war Realität geworden. In Peking herrschte Alarmstufe rot. Die Menschen sollten sich nicht unnötig lange draußen aufhalten, sondern in den eigenen vier Wänden bleiben und sich vor der extremen Luftverschmutzungen schützen. Es war das erste Mal, dass die chinesischen Behörden die höchste Alarmstufe ausriefen.

Messungen für gefährlichen Feinstaub hatten am Dienstag Werte von mehr als 450 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ergeben – das Achtzehnfache des Grenzwertes der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Am schlimmsten war die Lage in Shijiazhuang, der Hauptstadt der an Peking angrenzenden Provinz Hebei. Dort betrug die Belastung sogar mehr als 700 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Am Donnerstagmorgen dann durften alle Autos wieder fahren, Schulen und Kindergärten wurden wieder geöffnet. Fabriken mussten ihre Produktion nicht mehr ganz so stark drosseln oder gar ganz aussetzen. Denn nach fünf Tagen wurde die höchste Smogwarnstufe „rot“ vorerst aufgehoben worden. Der Himmel über Peking war beinahe blau; das grundsätzliche Problem aber bleibt. Insgesamt sollen in ganz China 460 Millionen Menschen in sechs Provinzen zuletzt „stark verschmutzter“ oder „gefährlicher“ Luft ausgeliefert gewesen sein, teilte die Umweltorganisation Greenpeace mit.

864 DNA-Proben ausgewertet

Was in den chinesischen Medien mittlerweile allerdings kaum erwähnt wird, ist die Tatsache, dass schwedische Forscher in Pekinger Luftproben DNA-Spuren von antibiotikaresistenten Bakterien (ARG) nachgewiesen haben. Joakim Larsson, der Direktor des Zentrums für Antibiotic Resistance Research an der Universität von Gothenburg und sein Team hatten Anfang Oktober eine Studie in der Fachzeitschrift Microbiome veröffentlicht.

Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass nach der Analyse von 864 DNA- Proben, die sie weltweit von für Menschen, Tieren und Umwelt relevanten Bakterienarten nahmen, der Pekinger Smog die meisten Arten von Genen beinhaltete, die identisch mit oder sehr ähnlich denen von antibiotikaresistenten Bakterien seien.

Larsson selbst erklärte, die ARGs im Smog müssten nicht unbedingt dazu führen, dass Menschen, die die Pekinger Luft einatmen, nicht mehr auf Medikamente ansprechen oder gar durch die Smogluft mit ARG infiziert werden könnten. Dennoch ist die Sorge in China groß. Woher kommen diese hohen ARG-Spuren, die in der Pekinger Smogluft nachgewiesen worden sind? „Heißt das nun, dass einige Medikamente auf uns keinen Effekt mehr haben, wenn wir für einen längeren Zeitraum unter den Einfluss des Smogs leben“, lautet die Frage eines besorgten Nutzers auf den sozialen Netzwerken.

Chinesische Behörden messen anders

Die Zeitung „Global Times“, die als Sprachrohr der Partei gilt, lässt einen Wissenschaftler des Instituts für Atmosphärische Physik der chinesischen Wissenschaftsakademie zu Wort kommen, der die Chinesen etwas beruhigen könnte. Der Smog bestehe zu 99 Prozent aus Feinstaub, besonders Mikroorganismen können sich daran anhängen, sagt der Experte Wang Gengchen. So hätte der Feinstaub kurzfristig sehr wenig Einfluss auf Menschen.

Die Feinstaubwerte aber, die in China im Moment erreicht werden, nennt man nicht umsonst hazardous – milde übersetzt gesundheitsgefährdend. Dazu muss man wissen, dass die offiziellen Messungen der Luftwerte in China anders berechnet werden, als etwa die von ausländischen Organisationen wie der amerikanischen Umweltschutzbehörde Epa. So messen die meisten chinesischen Stationen nicht mehr Werte über 500 – das ist die Konzentration von Feinstaubpartikeln pro Kubikmeter Luft. Je kleiner die Partikel, desto gefährlicher sind sie, weil sie direkt über die Lunge ins Blut gelangen können und Langzeitfolgen etwa wie Krebs verursachen können.

Laut Ma Jun, Direktor des Instituts für Umweltfragen in Peking, gelte die Luft als „gut“, wenn der offizielle Luftindex der Regierung unter 100 Punkten liegt. Viele Chinesen halten sich an die Angaben: Sie lüften an solch „guten“ Tagen, treiben Sport und machen Ausflüge. Dabei gilt laut dem Standard der WHO bereits ein Wert von mehr als 35 als ungesund. Doch was will man machen in einem Land, in der giftiger Smog zum Lebensalltag gehört.

Die Chinesen, die es sich leisten können, fliehen. „Ich will nur noch weg hier und mit meiner Tochter irgendwohin, wo die Luft gut ist“, sagte etwa die Schauspielerin Zhang Ziyi, die aus dem Film „Die Geisha“ bekannt ist, Anfang Dezember, als die Luftwerte schon einmal auf mehr als 500 angestiegen waren. Sie hat sich mit ihrem Kind damals in ein Flieger gesetzt und Peking fluchtartig verlassen. Ihre Tochter ist gut ein Jahr alt. Seit dieser Zeit versucht auch Pekings Regierung verstärkt, die Luft in Chinas Großstädten zu verbessern. Bisher allerdings ohne großen Erfolg.

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