Welt : "SO": Auswege sind überflüssig

Stephan Pabst

Glaubt man Siegfried Kracauer, dann betrat in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein neuer Mensch die Bühne der Gesellschaft: der Angestellte. Der erste neue Mensch wohl, an dem nichts neu oder wenigstens originell war und dessen Leben, obgleich er zu Hunderttausenden die Städte besiedelt, "unbekannter ist als das der primitiven Volksstämme, deren Sitten die Angestellten in den Filmen bewundern".

Kafka, der wohl bedeutendste schreibende Angestellte, hat diesen neuen Typus zur selben Zeit mit der ihm entsprechenden Wahrnehmung ausgestattet. Sie besteht darin, nicht mehr durchzublicken. Die Steuerungsmechanik der Gesellschaft bleibt seinen Protagonisten verborgen. Was wie und warum es so ist, wie es ist, bleibt ihnen unbegreiflich. Die Nachfahren dieser Pioniere der amtlichen Desorientierung bevölkern "SO", den Debütroman von Norbert Zähringer. Und sie stellen die Frage, die sich hinter dem Titelwort verbirgt, das immer auf das Faktische zielt: Was ist wirklich?

Es treten auf: der junge Amokläufer, der nach vollbrachtem Amoklauf feststellt, dass alles noch "so" ist wie vorher und sich eine Kugel in den Kopf jagt, um danach im jahrelangen Koma erst recht zum klinischen Gespenst zu werden. Der Filialleiter Gummer, der Kunden erfindet, um schließlich selbst nicht mehr zu wissen, welche existieren und welche nicht. Der Bankdirektor, der darüber nachdenkt, was wäre, wenn er nicht er, sondern sein Chauffeur wäre. Der Terrorist alias Guevara alias Wolf, der sich als Bankbeamter tarnt, um Jahre später hinter der Banalität seiner Tarnung die Existenz, die sie tarnen sollte, aus dem Auge zu verlieren.

Mit letzterem schleicht die Erinnerung an eine Revolution durch den Roman, an eine Zeit, in der man noch wusste, "gegen wen es ging". Che Guevaras Revolution - steckengeblieben wie die kubanische Drei-Peso-Münze, deren Rückseite sein Konterfei zeigt, in einem deutschen Zigaretten-Automaten. So wie der Terrorist einen Kampfnamen annimmt, um diesen dann wiederum zu tarnen und damit der staatlichen Verfolgung zu entgehen, verschweigen Bankdirektoren ihren Namen, um der Verfolgung durch Terroristen zu entgehen. Und schließlich sind alle nur einem entgangen, nämlich sich selbst.

Außer dem Kapital, dessen Einfluß auf die Protagonisten seines Romans Norbert Zähringer in allen Erscheinungsformen - als Aktie, als Bargeld, als Bankraub - durchrechnet, ist vor allem eines global geworden: Verwirrung und Agonie. Zu viele Alternativen, meint der Schalterbeamte Hagen, und wünscht sich "endlich mal keinen Ausweg mehr zu haben", ein Wunsch, dessen Erfüllung sein Selbstmord verspricht. So irren die Angestellten geschichtsvergessen durch ein Gestrüpp von Geschichten, die sich nur zufällig berühren, aber aufeinander verweisen. Im Gegensatz aber zu Zähringer und zum Leser wissen diese Angestellten von den Zusammenhängen nichts.

So lose ihre Geschichten, von Zähringer dramaturgisch geschickt und mit trostloser Komik verknüpft, miteinander zusammenhängen, so zufällig ragt zuweilen ein Stück Geschichte in ihre postmoderne Gegenwart. Willy Bein, der auf der Suche nach einem unterirdischen Einstieg in den Banktresor den Untergrund der Stadt durchwühlt, fördert Geschichtsmüll zutage, den Zähringer zum Sprechen bringt. Das Geflecht der Erzählungen arbeitet sich nicht nur an den zufälligen Berührungen seiner Protagonisten entlang, sondern auch an der Geschichte der Dinge; Weltkriegsreste, Spuren der Katastrophen, die das Gedächtnis der Akteure gelöscht hat.

Alle sind sie auf der Suche nach ihren "Wurzeln". Die losen Enden der Geschichte glotzen hohl wie Che Guevaras Konterfei vom T-Shirt eines Life-Style-Artisten in eine Gegenwart, die mit ihnen nichts anzufangen weiß. Und weil sich in dieser Gegenwart niemand mehr zu verankern weiß, sind die ebenso flüchtigen wie flüchtig dargestellten Existenzen permanent vom Verschwinden bedroht. "Irgendjemand hatte errechnet, in der Stadt verschwänden mehr Menschen als Hunde ...". Was sonst den Anfang eines Romans ausmachte, der Auftritt des Helden, wird hier in sein Gegenteil verkehrt. Robert Schulz tritt auf, um eine Seite später auf Nimmerwiedersehen im Dickicht des Romans zu verschwinden.

Fortwährende Absenz - das ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich diese Angestelltenspezies bringen läßt. Norbert Zähringer hat ein Gegenwartspanorama gezeichnet, dessen soziologisch differenzierte Perspektivenwahl der Gefahr entgeht, zur sozialen Betroffenheitsliteratur zu verkommen. Nicht zuletzt deshalb, weil sich seine Ästhetik der kleinen Geschichten und der lethargischen Figuren immer wieder ihrer literarischen Vorbilder wie Melville und Kafka besinnt. Und die Bewusstlosigkeit, in der jeder einzelne seiner Protagonisten das Leben verdammt, wird im Gefüge der zufälligen Begegnungen doch wieder zum Ort der Reflexion. So mag denn auch hier Kracauers Wunsch in Erfüllung gegangen sein, für die zu sprechen, die "nur schwer von sich selbst sprechen können".

0 Kommentare

Neuester Kommentar