Welt : So deutsch ist Istanbul

1) Die Türkei will nach Europa – das stößt hierzulande auf Widerstand. 2) Berlin ist die drittgrößte türkische Stadt außerhalb der Türkei. Frage: Wie geht’s eigentlich den Deutschen am Bosporus?

Jürgen Gottschlich

Die Buchhandlung liegt direkt am unteren Ende der Istiklal Caddesi, der prominentesten Fußgängerzone von Istanbul. Im 19. Jahrhundert lebte hier die europäische Upper-Class, zwischen den Botschaften ihrer Länder. Heute sind die Botschaften nur noch Konsulate, aber die Istiklal ist immer noch das westliche Schaufenster der Stadt. Cafés, Kinos und Kneipen ziehen Spaziergänger an, und fast jeder deutsche Besucher stolpert hier irgendwann über den Laden von Thomas Mühlbauer. Im Schaufenster liegen die „Spiegel“-Bestseller-Titel von vor vier Wochen und Türkei-Bücher, die Deutsche besonders interessieren könnten. Doch weder von Belletristik noch von den Sachbüchern könnte Thomas Mühlbauer leben. „Unser Geschäft machen wir mit Schulbüchern.“ Ganz in der Nähe des Ladens liegt das Deutsche Gymnasium, auch das Österreichische Lyzeum ist nicht weit von hier.

Wie viele Deutsche insgesamt in der Zehn-Millionen-Stadt leben, weiß zwar weder der Buchhändler noch das deutsche Konsulat, aber zwischen 15 000 und 30 000 dürften es sein, schätzt Thomas Mühlbauer. Für viele deutsche Istanbuler ist seine Buchhandlung eine wichtige Anlaufstelle. Im Foyer hängt eine Zetteltafel, an der Inga eine Wohnung sucht, oder Ahmet Türkisch-Kurse für Deutsche anbietet. Drinnen sieht es aus, wie es vor 30 Jahren in Buchhandlungen aussah. Etliche Suhrkamp-Bände aus den 70er Jahren hat Thomas Mühlbauer bis heute nicht verkauft. Einige Besucher kommen auch gar nicht, um Bücher zu kaufen. „Oft sucht jemand einen Job und fragt mich, ob ich ihm einen Tipp geben könnte, oder Leute suchen eine kurzfristige Unterkunft für den Anfang. Leider melden die meisten sich später nicht mehr wieder.“

Anders als in Berlin, wo sich die meisten türkischen Einwanderer in Kreuzberg, Neukölln oder im Wedding niedergelassen haben, gibt es in Istanbul keinen Stadtteil, in dem sich die Deutschen konzentrieren. „Außer in Cihangir vielleicht“, glaubt Thomas Mühlbauer, „dort triffst du ja an jeder Ecke einen Landsmann.“

Cihangir ist unter den europäisch geprägten Stadtteilen Istanbuls das europäischste. Entlang der Siraselviler Caddesi, die sich vom zentralen Taksim Platz zum Bosporus hinunter schlängelt, gibt es Kneipen, Restaurants, Hotels und Supermärkte, die genauso in Paris oder Berlin stehen könnten. Die Straßenzüge in Cihangir erinnern an manche Viertel in Charlottenburg, die meisten Häuser sind Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts im europäischen Stil gebaut. Der größte Unterschied zu Berlin ist ihre Lage. Cihangir liegt an einem Hang, der bis zum Bosporus hinunterführt. Fast jede Wohnung hat ab der dritten Etage einen fantastischen Blick aufs Wasser. Auf halber Höhe findet man das Alman-Hastanesi, das Deutsche Krankenhaus, das heute einem türkischen Konzern gehört, aber immer noch zu den besten Hospitälern der Stadt zählt. Ein paar Meter weiter hat die ARD ihr Studio, in einer Seitenstraße der Siraselviler residiert die „Villa Zürich“, das beste Hotel im Viertel. In Cihangir lebt die linksliberale Intelligenz Istanbuls, es ist der einzige Stadtteil der gesamten Türkei, in der die ÖDP – eine Partei, die am ehesten mit den deutschen Grünen vergleichbar ist – zweistellige Wahlergebnisse erzielt.

Ein typischer Vertreter der Deutschen in Cihangir ist Günther Seufert, der frühere Leiter des Orient-Instituts, oder wie es in Langfassung heißt, der Istanbuler Dependance der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Seufert ist in Istanbul geblieben, nachdem seine Zeit als Leiter des Orient-Instituts abgelaufen war, der Liebe wegen und weil er sich in Istanbul einfach zu Hause fühlt. Er arbeitet als freier Publizist und ist seit seinem Buch „Café Istanbul“, das die Entwicklung der islamischen Bewegung in der Türkei beschreibt, ein gefragter Referent auf allen möglichen Türkei-Konferenzen. Dieser Tage erscheint bei C.H.Beck ein neues Buch von ihm.

Wie bei den türkischen Einwanderern in Berlin wurde er hier ganz allmählich heimisch. Aus der Liebe wurde eine Familie, statt immer Miete zu zahlen, hat man sich irgendwann eine Wohnung gekauft. „Warum nach Deutschland zurückgehen, wenn die politische Entwicklung in der Türkei gerade so spannend ist, und es sich in Istanbul darüber hinaus so angenehm leben lässt?“

„Ich bin ja kein Vereinsmeier“, sagt Seufert, „aber wenn du willst, kannst du in Cihangir auch einmal in der Woche zu einem deutschen Stammtisch gehen.“

Das Zentrum des Deutschtums stand an der Garip Dede Caddesi, der Straße, die von der Fußgängerzone an der Istiklal Caddesi hinunterführt zum Galata-Turm, dem historischen Genuesen-Zentrum, ein Viertel, das sich heute nach einer langen Phase des Niedergangs zur hippesten Gegend des multikulturellen Istanbul entwickelt. Vor gut zehn Jahren haben sich rund um den Galata-Turm die ersten Künstler, Literaten und Ausländer niedergelassen und angefangen, die heruntergekommenen Häuser zu sanieren. Mittlerweile gibt es Galerien, Antiquitätenläden, Musikclubs und Kneipen, in denen die ganze Nacht das Licht nicht ausgeht. In der Nähe des Turms steht ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, eine Trutzburg mit dem bezeichnenden Namen „Teutonia“. Im Verein Teutonia, der das Haus gegen Ende des 19. Jahrhunderts bauen ließ, versammelten sich regelmäßig die in Istanbul ansässigen Deutschen.

Auch die Phase des „Tausendjährigen Reichs“ ging an der Teutonia nicht spurlos vorüber. Nach anfänglichem Widerstand setzten sich die Faschisten im Verein durch, was zu Spannungen mit der neutralen Türkei führte, die gerade dabei war, etliche Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich nach Ankara einzuladen. Vor allem jüdische Akademiker, Sozialdemokraten und andere Gegner des NS-Regimes, wurden von der türkischen Regierung eingeladen, sich am Aufbau der Universitäten, Krankenhäuser und Kulturinstitutionen zu beteiligen. Die bekanntesten Emigranten waren der spätere Berliner Bürgermeister Ernst Reuter, dessen Sohn Edzard – seit er seinen Job als Vorstandsvorsitzender bei Daimler-Benz abgegeben hat – sich heute wieder engagiert am deutsch-türkischen Dialog beteiligt, und der Architekt Bruno Taut, der 1936 an die Universität nach Ankara wechselte und 1938 in Istanbul starb.

So ergab sich die absurde Situation, dass auf dem Gelände der Sommerresidenz der Deutschen Botschaft, einem riesigen Park im Bosporus-Vorort Tarabya, den schon Sultan Abdül Hamid Kaiser Wilhelm vermacht hatte, SA-Gruppen marschierten, während gleichzeitig deutsche Emigranten in Ankara bei der Entwicklung und dem Aufbau verschiedener Institutionen der jungen laizistischen Republik mithalfen.

Heute benutzen das Goethe-Institut und die Deutsche Schule die Räume der Teutonia, das frühere Vereinsleben ist nur noch Geschichte. Die Deutsche Schule dagegen, ebenfalls eine altehrwürdige Institution in Istanbul, spielt nach wie vor eine wichtige, allerdings nicht unumstrittene Rolle. An der Schule können sowohl deutsche wie türkische Kinder ihr Abitur machen. Doch während der Zugang für deutsche Kinder selbstverständlich ist, müssen ihre türkischen Mitschüler erst eine schwere Prüfung absolvieren, bei der aus Hunderten Bewerbern die Besten ausgewählt werden. Als deutsche Kinder gelten nur solche, deren Elternteile beide deutsch, zumindestens aber der Vater Deutscher ist. Die Diskriminierung von Kindern aus binationalen Ehen, vor allem eben solcher mit deutscher Mutter und türkischem Vater, war einer der Gründe für den Zusammenschluss deutscher Frauen in der „Brücke e.V.“, die schließlich selbst eine private Schule gründeten, auf der ihre Kinder Deutsch lernen konnten.

Im Goethe-Institut ist man da schon viel weiter. Der Leiter, Rüdiger Bolz, findet, besser könne es gar nicht laufen. Kaum aufzuzählen seien die ganzen Veranstaltungen, die im Austausch zwischen deutschen Städten und Istanbul stattfinden. Die Schaubühne aus Berlin oder das Tanztheater Pina Bausch aus Wuppertal drängen an den Bosporus, Ausstellungen von Otto Dix bis Josef Beuys waren große Publikumserfolge. „Die Theater, Orchester und Musikgruppen, die einmal hier waren, wollen immer wieder kommen, so begeistert sind sie über ihren Empfang und das Interesse.“

Rüdiger Bolz muss lachen, wenn er an die Reaktionen der meisten Besucher aus Deutschland denkt. „Die denken, das sähe hier wie ein bisschen größeres Kreuzberg aus und sind dann total erstaunt, wenn sie eine moderne Metropole vorfinden, gegen die Berlin eine kleine Stadt ist.“ Selbst Leute, die regelmäßig zwischen beiden Städten pendeln, sind immer wieder erstaunt, wie ruhig Berlin im Vergleich zu Istanbul ist.

Bei Angehörigen der zweiten oder dritten Generation türkischer Einwanderer nach Deutschland ist Istanbul in den letzten Jahren sehr populär geworden. Waren Rückkehrer früher vor allem ältere Leute, die im Rentenalter wieder in ihre alte Heimat gingen, sind es heute auch gut ausgebildete Söhne und Töchter und Enkel der ersten Generation, die ihr Glück zwischen Berlin und Istanbul versuchen.

Einer von ihnen ist der Sohn einer Einwandererfamilie aus Bursa, Senol Ince, der als Kleinkind mit seinen Eltern nach Berlin kam, dort zur Schule ging, eine Ausbildung absolvierte und erfolgreich als Immobilienmakler arbeitete. „Irgendwann“, sagt der 36-Jährige, hatte ich dazu keine Lust mehr und wollte etwas Neues machen.“

Senol kam Ende der 90er Jahre nach Istanbul und stürzte sich gleich ins Getümmel. Im vornehmen Sisle mietete er ein Büro und begann, biologischen Dünger zu importieren.Er wollte die ökologische Landwirtschaft in der Türkei ankurbeln, um dann Ökoprodukte nach Deutschland zu exportieren. Senol rackerte rund um die Uhr, hatte nach einem schweren Start erste Erfolge, bis ihm die Wirtschaftskrise im Februar 2001 in den vorläufigen Ruin trieb. „Danach bin ich erst einmal nach Berlin zurück, um mich wieder zu erholen.“ Berlin bedeutet für ihn Beschaulichkeit. „Istanbul ist spannend, aber auch sehr viel anstrengender als Berlin.“ Alles ist ungeregelter und chaotischer, aber es gibt auch mehr Möglichkeiten, etwas Neues anzufangen. Längst ist er zurück am Bosporus. „Dieses Mal werden wir Erfolg haben“, ist er fest überzeugt.

Der prominenteste Deutsche in Istanbul ist derzeit der Filmemacher Fatih Akin aus Hamburg, der gerade einen Dokumentarfilm in der Stadt dreht. Nach seinem Riesenerfolg mit „Gegen die Wand“ ist Akin in der Türkei ein Star. Das war vor wenigen Monaten natürlich noch ganz anders. Rüdiger Bolz vom Goethe-Institut erzählt, wie ein Mann namens Ömer Riza Cam bei ihm auftauchte, und um Unterstützung für die Präsentation eines jungen deutsch-türkischen Filmemachers in Istanbul bat. Der Mann, stellte sich heraus, war Filmverleiher. Nachdem er in Deutschland „Gegen die Wand“ gesehen hatte, besorgte er sich spontan die Rechte für die Türkei und 50 Kopien des Films. Danach war er so pleite, dass er Akin und seinen Schauspielern nicht mehr die Flugtickets nach Istanbul zahlen konnte.

Das Goethe-Institut sprang ein und organisierte eine Preview. Jetzt ist Akin wieder hier, um eine Hommage an Istanbul zu drehen. Es geht um den Sound der Stadt, die multikulturelle Vielfalt der Musik Istanbuls. Falls er damit an die Erfolge seiner bisherigen Filme anknüpfen kann, wird in Berlin wohl bald niemand mehr glauben, Istanbul sei so etwas wie die größere Ausgabe von Kreuzberg.

Der Autor lebt seit sechs Jahren in Istanbul. Im Juli erschien von ihm das Buch: „Die Türkei auf dem Weg nach Europa – ein Land im Aufbruch“ im Berliner Christoph Links Verlag.

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