Welt : So ein Käse

Wie sich die Andechser Klosterbrauerei und die Andechser Bio-Molkerei um die Macht im Dorf streiten.

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Pilgerstätte der Biertrinker. Sommerliche Gäste auf dem Heiligen Berg.
Pilgerstätte der Biertrinker. Sommerliche Gäste auf dem Heiligen Berg.Foto: ddp

Bei gutem Wetter stürmen im Sommer Woche für Woche Scharen von Sonntagsausflüglern den Heiligen Berg und besetzen den Biergarten. Junge Männer radeln viele Kilometer an zu ihrem ersten Besäufnis. Und auch die CSU-Parteigranden treffen sich gerne im Kloster Andechs zur Besprechung hinter verschlossener Tür. Die Benediktineranlage in Oberbayern ist vor allem wegen ihres dort gebrauten Andechser-Bieres im ganzen Land bekannt.

Die zweite herausragende Institution in der 3300-SeelenGemeinde nahe dem Ammersee ist die Molkerei Andechs, genauer: die „Bio-Molkerei“ Andechs, deren Milch und Joghurt auch weit über Bayern hinaus Verbreitung finden. „Wir sind deutschlandweit die größte Bio-Molkerei mit 190 Angestellten“, sagt Firmensprecherin Stefanie Miller.

Seit einiger Zeit aber treffen sich Vertreter der Mönchsgemeinschaft und der Molkerei nurmehr in München vor Gericht. Der Frieden im idyllischen Andechs ist tief gestört, die beiden größten Arbeitgeber am Ort befehden sich. Zur Verhandlung vor dem Oberlandesgericht steht der Begriff der „Andechser Frischkäsezubereitung“. Es klagt der Milchbetrieb gegen die Klostergastronomie. Letztere könnte, so lautet der Vorwurf, mit dem Namen vorgaukeln, dass der Käse von der ortsansässigen Molkerei stamme – was nicht so ist. Der Begriff Andechser stehe, so meint die Firmenchefin Barbara Scheitz, im Milchbereich ausschließlich für Produkte ihrer Molkerei. Nun gibt es die Berufungsverhandlung, nachdem das Landgericht München die Unterlassungsklage „insgesamt als unbegründet“ zurückgewiesen hatte.

Doch auch die Ordensmänner waren in der Vergangenheit recht kleinlich gegenüber der Molkerei. Sie nahmen es ihr übel, dass deren in Grün verpackte und mit Bioland-Siegel versehene Becher mit Joghurt, Quark oder Crème fraiche das Label „Andechser natur“ tragen. Und dann auch schon „seit 1908“ – wo es doch vor mehr als einem Jahrhundert noch gar keine Öko-Landwirtschaft gab.

Früher haben die Klosterbrauerei und die Molkerei gut zusammengearbeitet. Dann kam es zu ersten Nickeligkeiten. Im Jahre 2009 stoppte das Kloster in seinem Bräustüberl den Verkauf von „Andechser Klosterkäse“, den die Molkerei lieferte. Grund seien „Qualitätsprobleme“ gewesen, wie der Sprecher Martin Glaab sagte. Das lässt die Molkerei nicht auf sich sitzen. Über noch etwas klagt das Kloster. Die Gottesmänner seien nicht darüber informiert worden, dass die Molkerei Teile der Produktion zeitweise nach Österreich verlagert habe. Wo „Kloster Andechs“ draufstehe, „stehen das Kloster und seine Wirtschaftsbetriebe auch dahinter“, sagte Glaab. Die Gemeinschaft mit ihren 200 Beschäftigten lege „großen Wert auf die Sicherung seiner Namens- und Markenrechte“.

So ein Käse. Winkeladvokatischer Hickhack. Nichtigkeiten. Aber nein, es steckt Großes dahinter: Tradition, Machtanspruch, die Hoheit über den Namen mit dem magischen Klang: Andechs. Diesen hat sich die Molkerei durchaus zunutze gemacht, diesem verdankt sie einen Teil ihres Erfolges, seit der Urgroßvater von Barbara Scheitz zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Molkerei gründete. Mittlerweile liefern 600 Biobauern ihre Milch bei Andechser ab. Die Firmenzentrale trägt die Adresse „Biomilchstraße 1“.

Aber was sind schon 100 Jahre Milch. Das Kloster und der Heilige Berg haben eine 1000 Jahre alte Tradition. Und was ist schon aufstrebendes weltliches Unternehmertum gegen klerikalen Machtanspruch? Hinter Altötting ist Andechs die zweitgrößte bayerische Pilgerstätte. Da sieht man es auch nicht gerne, wenn die Molkerei ein neues großes Verwaltungsgebäude im Stile des Künstlers Friedensreich Hundertwasser errichten will – einen Hundertwasser-Turm. Selbst ein Andechser SPD-Lokalpolitiker sagt, dass es ausschließlich Vorrecht des Klosters und der Pfarrkirche sei, einen Turm zu haben, der die Landschaftssilhouette prägt. Schon Wilhelm Busch hat dies so empfunden, als er in seiner kirchenkritischen „Frommen Helene“ über Andechs dichtete: „Hoch von gnadenreicher Stelle winkt die Schenke und Kapelle.“

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