Welt : So schön schwach

Nick Nolte kann sein Innerstes nicht verbergen – das haut jeden Gegner um. Und jede Ehefrau

Daniela Sannwald

Nein, wie ein Gentleman sieht Bob Montagnet nicht aus: Seine Haare sind zu lang, strähnig, ungepflegt, sein Hemd hängt ihm aus der Hose, die Lederjacke wirkt abgetragen, und er geht ein bisschen unsicher: ein verlebter, müder Mann, dessen raues Flüstern auf unzählige durchsoffene Nächte in verrauchten Bars schließen lässt. Aber Bob Montagnet kann auch anders: Im nüchternen Zustand funktioniert sein Gehirn ausgezeichnet, und an Kaltblütigkeit ist er nicht zu übertreffen. Schließlich macht er, geduscht, rasiert, frisiert und in einen Smoking gesteckt, durchaus eine gute Figur – als Gentleman-Verbrecher. Das Geheimnis Bob Montagnets ist eine unendliche Willenskraft, mit der er sich selbst den Versuchungen erfolgreich widersetzen kann, denen Drogen, Alkohol, die Rennbahn und die Frauen ihn aussetzen.

In Neil Jordans magisch-rätselhaftem Movie „The Good Thief“ spielt Nick Nolte eine der schönsten Rollen seines Lebens. Er spielt diesen abgehalfterten Fatalisten mit so viel Ambivalenz, dass man zwischen Mitleid und Bewunderung schwankt. Und wenn er eben noch aussah wie ein trauriger alter Bluthund, dann blitzt im nächsten Moment ein Funken von Verschlagenheit in seinem Gesicht auf. Ebenso schnell changiert er zwischen onkelhafter Betulichkeit und weltläufiger Eleganz. Und seine kaum sichtbaren, aber bestimmten Gesten beim Blackjack-Spiel im Casino muss ihm erst mal einer nachmachen. Noltes Understatement passt perfekt zur künstlichen, unterkühlten Aquariumsatmosphäre dieses großartigen Films. Ja, Nick Nolte kann sich im Fach Gentleman-Gauner durchaus mit seinen legendären Kollegen wie Cary Grant, Steve McQueen und Pierce Brosnan messen.

Nick Nolte wurde wahrscheinlich 1940 - die Angaben über sein Geburtsjahr schwanken zwischen 1934 und 1941 - in Omaha, Nebraska, geboren. Am College machte er als Football-Spieler von sich reden, und eigentlich wollte er die Profilaufbahn einschlagen. Aber einer seiner Lehrer brachte ihn zum Theater: Sowohl an der Universität als auch später in Phoenix, Minneapolis, New York und Los Angeles stand er auf der Bühne, bevor er 1975 fürs Kino entdeckt wurde. Den Durchbruch schaffte er allerdings erst über die TV-Familienserie „Rich Man, Poor Man" (1976).

Blond und vierschrötig, wie er als ehemaliger Footballspieler war, schien sein Rollenspektrum begrenzt - auf Sportler („North Dallas Forty“, 1979) und Polizisten („Nur 48 Stunden“, 1982; „Ausgelöscht", 1987; „Q & A – Tödliche Fragen", 1990; „Der Gejagte“, 1997). Aber Nolte bewies, dass er viel mehr konnte: Seine Figuren waren oft raubeinige Männer mit weichem Kern, so sein Kriegsfotograf in „Under Fire" (1983) oder der mit seiner Vergangenheit ringende Familienvater, Barbra Streisands Psychoanalyse-Patient in „Herr der Gezeiten" (1991), für den er seine erste Oscar-Nominierung erhielt.

In den letzten zehn Jahren hat sich Nick Nolte äußerlich enorm verändert: Seine derbe Bulligkeit ist verschwunden, er wirkt ausgezehrt, vom Leben gezeichnet. Das mag daher rühren, dass er immer wieder mit Alkoholproblemen zu kämpfen hat, auch mit anderen Drogen soll er experimentiert haben. Katharine Hepburn, die 1985 seine Filmpartnerin war, hat ihm einmal vorgeworfen, schon in jeder Gosse von Los Angeles aufgewacht zu sein, woraufhin Nolte würdevoll antwortete, „ein paar fehlen mir noch".

Nolte hat außerdem drei Ehen hinter sich, aber so tragisch sein persönliches Schicksal auch sein mag, im Hinblick auf seinen Beruf haben ihm die Krisen genützt, vielleicht um Erfahrungen bereichert, die den Gefestigten fehlt: Sein Spiel wird immer intensiver, je älter und vielleicht auch desillusionierter er selbst ist.

Als der letzte Woche verstorbene Regisseur Elia Kazan 1999 den Oscar für sein Lebenswerk erhielt, blieb Nick Nolte mit bösem Gesicht demonstrativ sitzen, während ein großer Teil des Publikums stehend applaudierte. Er wollte nicht jemandem Beifall klatschen, der während der McCarthy-Ära Namen angeblicher Sympathisanten des Kommunismus genannt und dafür gesorgt hatte, dass eine ganze Reihe von Filmschaffenden Berufsverbot bekam.

Journalisten gegenüber, so hat Nolte einmal gesagt, lügt er prinzipiell.

Vielleicht ist das die einzige Rettung für einen Mann, dem es so wenig gelingt, seine Schwächen vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen.

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