Song Contest : Bonbon für Belgrad gesucht

Fünf Kandidaten bewerben sich am Donnerstag um das Ticket zum European Song Contest. Wer sind die Glücklichen - und wer hat sie überhaupt ausgesucht?

Horst Heinrich
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Carolin Fortenbacher geht in Hamburg an den Start. -Foto: Imago

BremenSie ist eine Castingshow der besonderen Art: Die Vorauswahl für den European Song Contest, kurz ESC. Der „größte Musikwettbewerb der Welt“, wie NDR-Unterhaltungschef Rolf Quibeldey sagt, braucht einen deutschen Teilnehmer, und der wird am 6. März im Hamburger Schauspielhaus ermittelt. Fünf Kandidaten treten an, jenen zu küren, der sich am 24. Mai in Serbiens Hauptstadt Belgrad mit den Besten Europas messen darf.

Kann man den ESC, diese inzwischen mehrtägige kontinentale Castingshow, die vorgibt, den besten europäischen Song auszuwählen, meistens aber nur Trash auswirft, überhaupt noch Ernst nehmen? Für die Beteiligten ist das keine Frage, weshalb die Organisatoren der deutschen Vorauswahl am Donnerstag wieder mit großem Ernst, Furor und Bohei an die Sache herangehen werden.

Und wer hat die fünf Glücklichen ausgesucht, die in Hamburg antreten? „Wir treffen die Entscheidung in enger Abstimmung mit allen großen Plattenlabels in Deutschlands“, erklärt Rolf Quibeldey. Da trifft es sich gut, dass die Teilnehmerschaft ganz wunderbar das aktuelle Machtgefüge nicht nur des deutschen, sondern auch des globalen Tonträgermarktes abbildet: die mächtige Universal stellt drei Anwärter für Belgrad, die nicht ganz so mächtige Warner zwei.

Universal schickt die No Angels, Cinema Bizarre und Tommy Reeve ins Rennen, für Warner gehen Carolin Fortenbacher und die Gruppe Marquess an den Start. Es ist ja längst nicht mehr so, dass um die Titel ein geheimnisvolles Gewese gemacht wird, und sie erst am Tag des Vorentscheids erstmals das Ohr des Entscheidungsträgers erreichen dürfen – nein, die Songs sind längst allgemein zugänglich.

Der Papierform nach muss den No Angels die Favoritenbürde auf die Stimmbänder gepackt werden. Die vier Mädels genießen hierzulande Starstatus, sehen nett aus und feiern seit 2001 Charterfolge. Außerdem sollte für sie ein professioneller Auftritt kein Problem sein. Ihr „Disappear“ allerdings ist zwar recht flott im Tempo, hat aber wenig Wiedererkennungswert und hinterlässt einen flauen Eindruck auf dem Trommelfell. Dutzendware, leider. Carolin Fortenbacher hat bis 2007 die „Donna“ im ABBA-Musical „Mamma Mia“ gesungen. Sie ist eine schöne Frau mit einer mächtigen Stimme und macht im Abendkleid eine fantastische Figur, klar, dass sie eine klassische ESC-Ballade singt. „Hinterm Ozean“ klingt zunächst wie ein Rosenstolz-Song, der es dann doch nicht aufs Album geschafft hat, dann wird es dramatisch und ganze Streicher-Bataillone werden in die Schlacht geworfen. Nicht übel, aber da schon im letzten Jahr die Serbin Serifovic mit balladeskem Herzblut gewonnen hat, ist damit 2008 nicht zu rechnen. Auch der Münchener Beau Tommy Reeve versucht es eher traditionell: Sein Liebeslied „Just one woman“ ruft nicht nur durch den Titel Assoziationen an Dylans „Just like a woman“ und „Only one woman“ hervor. Die Mädchen werden Tommy Reeve mögen.

Aber lieben werden sie wohl eher Cinema Bizarre, eine sehr junge Band, die optisch wohl nicht zufällig so wirkt, als hätten sich Tokyo Hotel um einen fünften Knaben verstärkt. Sie entlehnen ihren Look dem in Japan beliebten „Visual Kei“, einem den Manga-Comics nachempfundenen Styling. Das ist auf der Höhe der Zeit, ihre Musik ist es aber nicht. Was Cinema Bizarre Glam-Rock nennt, ist eine Mischung aus schlechten Sweet und grauenvollem Sigue Sigue Sputnick-Elektronik-Gedöns, „Forever or never“ heißt ihr Titel und man möchte ihnen zurufen: „Never!“ Recht bizarr nimmt sich auch die fünfte Band aus, Marquess – aus Hannover. Immerhin mit Sommerhitehren bekränzt, besingen die Scheinlatinos in fragwürdigem Spanisch „La Histeria“; sollte der Song nicht wegen seines an das alte Celentano-Schlachtross „Azzuro“ erinnernden Melodie-Einfalls ein Hit werden, dann wegen der epochalen Eingangszeile „La senorita es como un bonbon“!

Bei der Beurteilung der Chancen der einzelnen Belgrad-Kandidaten muss wohl davon ausgegangen werden, dass die telefonische Abstimmung wieder von dem „bescheuerten 17-Jährigen, der nur Klingeltöne runterlädt“ ( Thomas Gottschalk am Samstag bei Wetten dass...?)dominiert wird, und nicht vom „gemütlichen 52-Jährigen in seinem Fernsehsessel“. Also No Angels oder Cinema Bizarre, mit leichter Tendenz zu dem Knabenquintett. Oder es kommt ganz anders.

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