Song Contest : "Wie eine drittklassige Bauchtänzerin"

Hadise und das Haremskleid: Die 23-Jährige zählt beim Eurovision Song Contest zu den Favoriten. Das Bühnenkostüm der türkischen Sängerin sorgt jedoch am Bosporus für Debatten.

Susanne Güsten
Hadise
Hadise vertritt die Türkei in Moskau. -Foto: dpa

IstanbulSingen kann sie, da sind sich alle einig. "Aber was hat sie da bloß an?", fragten sich etliche Türken, als die Sängerin Hadise, die Vertreterin ihres Landes beim Eurovisions Song Contest in Moskau, diese Woche im Halbfinale in einem roten und zweiteiligen Haremskleid auf die Bühne kam. "Wie eine drittklassige Bauchtänzerin" habe die 23-jährige Hadise ausgesehen, kommentierte der Modemacher Vural Gökcayli. Er ist mit dieser Kritik nicht allein. "Ich war geschockt, als ich das gesehen habe", schrieb der Teilnehmer eines Internet-Forums.

Hadise zählt mit ihrem Lied "Düm Tek Tek", das sie in Moskau in englischer Version unter dem Titel "Crazy for you" singt, zu den Favoriten beim diesjährigen Eurovision Song Contest. Beim ersten Halbfinale am Dienstag erhielt sie die größte Zustimmung aller zehn Interpreten, die sich für das Finale am Samstag qualifizierten. In einer Google-Beliebtheitsskala lag Hadise am Donnerstag auf dem ersten Platz aller Eurovisions-Teilnehmer. Nach dem ersten türkischen Eurovisions-Sieg von Sertap Erener im Jahr 2003 hofft die Türkei nun auf einen erneuten Triumph durch Hadise, deren Namen auf Deutsch "Ereignis" heißt.

In gewisser Hinsicht ist Hadise tatsächlich ein Ereignis für die Türkei. Sie ist die erste Eurovisions-Künstlerin ihres Landes, die nicht in der Türkei geboren wurde: Die Sängerin ist Tochter einer in Belgien lebenden Migrantenfamilie und begann ihre musikalische Karrier auch in Belgien, nicht in der Türkei. Sie ist also so etwas wie eine Außenseiterin.

Stolz in der Heimatprovinz von Hadises Familie

Dennoch: In der Provinz Sivas, der zentralanatolischen Heimat ihrer Familie, kann Hadise im Streit um ihr Bühnen-Outfit auf Unterstützung zählen. Im Herkunftsort der Familie, dem Dorf Yavu, ist man stolz auf die junge Frau. "Dass eine von uns die Türkei international vertritt, ist ein großes Glück", sagte Ortsvorsteher Kenan Batur der türkischen Presse. Und was Hadise bei ihrem Auftritt trage, gehe niemanden etwas an. Bei früheren Auftritten sei sie in zerrissenen Jeans auf die Bühne gekommen und sei damals auch dafür kritisiert worden. Ihm selbst hätten sowohl die Jeans als auch das Haremskostüm gefallen, sagte der Bürgermeister.

Das sehen der Modemacher Gökcayli und andere Kritiker ganz anders. Wenn Hadise in Moskau in kurzen Jeans aufgetreten wäre, dann "wäre das für uns als Land viel schöner gewesen", sagte er. Die Designerin Dilek Hanif stimmte zu: "So ein schönes Mädchen, so ein schönes Lied, und sie vertritt schließlich die Türkei", sagte Hanif. "Da hätte man schon was Vernünftigeres nehmen können." Hinter solchen kritischen Äußerungen stecken nicht nur Mode-Argumente, sondern auch Fragen nach der Botschaft, die von Hadises Outfit ausgeht: Harem, Bauchtanz - das erinnere an das alte osmanische Reich und habe nichts mit der modernen Republik zu tun.

Der türkische Staatssender TRT, der Hadise als Kandidatin für die Eurovision auswählte, erklärte, er werde sich nicht in die Kleiderfrage einmischen. Wichtig sei allein die Künstlerin selbst. So viel Toleranz hatte TRT freilich nicht immer an den Tag gelegt. Anfang des Jahres weigerte sich das von der Opposition als islamistisch unterwanderter Sender beschimpfte Staatsfrensehen, ein Video der Sängerin auszustrahlen - die Aufnahmen der jungen Frau in knappen Kleidchen und Badeanzügen waren den Bürokraten in Ankara zu sexy.

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