Welt : "Sonnenfinsteris": Antikommunistisch

Gregor Dotzauer

Die Diagnose einer ewigen Tragödie: "Niemand kann regieren, ohne schuldig zu werden", steht über dem ersten Kapitel von Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis". Darunter: Saint-Just. Und einen Satz weiter: "Die Zellentür schlug hinter Rubaschow ins Schloss." Und schon ist man von der französischen zur russischen Revolution gelangt, die Ende der 30er Jahre ihren eigenen Tugendterror entfaltet. Koestlers berühmtestes, auf englisch erstmals 1941 erschienenes Buch, ist eine Variation auf die Säuberungsprozesse, die Stalin in Moskau abhalten ließ, und das bewegendste Dokument seiner Abkehr vom Kommunismus, dem er wie viele Intellektuelle zugetraut hatte, den Nationalsozialismus zu verhindern. Aus der Perspektive des ehemaligen Volkskommissars Rubaschow, in dem sich Züge von Trotzki und Bucharin finden, erzählt er von quälenden Verhören, die den Angeklagten zu einem öffentlichen Schuldeingeständnis bringen sollen, auf das es seinen Peinigern letztlich mehr ankommt, als ihn zu liquidieren. Die ideale Lektüre für Wochen, in denen sich die Renegaten von 1968 ff. gegenseitig die Leviten lesen und die konservative Revolution den medialen Schauprozess eröffnet hat.

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