100 Jahre Büstenhalter : „Nichts aus Hollywood ist erotisch“

Sie fand „Penthouse“ besser als den „Playboy“, Lady Gaga hält sie für überschätzt. Weshalb Camille Paglia im Interview den Wonderbra als Meilenstein bezeichnet und Tabus vermisst.

Interview: Hermann Vaske
Camille Paglia
Camille PagliaFoto: Michael Lionstar

Frau Paglia, vor 100 Jahren wurde das Patent auf den BH zugelassen. Lassen Sie uns also über Büstenhalter sprechen. Ihre Teenagerjahre fielen in die 60er Jahre, als Frauen gerade anfingen, BHs zu verbrennen ...

... das hatte ja eine Vorgeschichte. Zuvor war Frauenbekleidung sehr beengend gewesen, geradezu klaustrophobisch. Man erwartete von uns, dass wir Hüte tragen und Gürtel, die Wäsche war schwer und unbequem. Sogar die Badeanzüge sahen aus wie Korsetts, überall drückte irgendetwas. Da kamen die 60er Jahre wie eine Befreiung von allen Beschränkungen, die Frauen damals erlebten.

War der Büstenhalter eine Provokation ?

Das war er schon länger, nur ganz anders. Die Wurzeln liegen in den 20er Jahren, der Flapper-Ära, den flatterhaften Jahren, wie wir sie in den USA nennen. Die Frauen trugen ihre Haare zum Bubikopf kurzgeschnitten, die Brüste sollten möglichst flach sein.

Ein eher androgynes Erscheinungsbild.

Es klingt vielleicht seltsam, aber das war eine Reaktion auf den Ersten Weltkrieg, als all die jungen Männer gemeinsam in den Schützengräben hockten. Eine irgendwie homoerotische Welt. Dieser Versuch, alles Weibliche zurückzudrängen, war ja ein radikaler Bruch mit dem Eieruhr-Look der Belle Epoque, als Wespentaillen neben ausladenden Hüften und Dekolletés gefragt waren.

Stand nicht Hollywood und die junge Filmbranche zur gleichen Zeit für das Ausstellen weiblicher Reize?

Der Busen erlebte bald sein Comeback, und als Hollywoodhistorikerin würde ich sagen, es fing in den 20er Jahren mit Jean Harlow an. Aber da spielte der BH noch keine Rolle, ihre Brüste wurden durch sinnliche Seidenstoffe hervorgehoben. Es dauerte eine Weile, bis der Büstenhalter zu einem Objekt mit sexueller Konnotation wurde. Damit verbinde ich vor allem Jane Russell und die unglaubliche Ingenieurleistung bei ihrem Outfit, die sie ihrem Förderer Howard Hughes verdankt. Der hatte Erfahrung als Flugzeugkonstrukteur. Jane Russells BH in „Geächtet“ von 1943 spannte die Bluse, als würde gleich eine Rakete abheben.

Ist diese Präsentation der weiblichen Brust ein rein westliches Phänomen?

Die Erotisierung der Brust ist nicht universell. In der traditionellen japanischen Kultur ist der Busen kein Merkmal der begehrenswerten Frau. Die Brust wird mit Mutterschaft assoziiert. Im alten Ägypten stand die kleine Brust für Jugend. Und niemand kann wirklich behaupten, dass die Riesenbrüste der steinzeitlichen Venus von Willendorf Schönheit signalisieren sollten. Sie sind einfach nur ein Fruchtbarkeitssymbol.

Der Regisseur Russ Meyer sah das ganz offensichtlich anders. Für den waren große Brüste erotisch.

Im 20. Jahrhundert, unter dem Einfluss von Comic-Kunst und Videospielen wurde ein neuer Frauentyp kreiert, kampfstarke Amazonen mit überproportionalem Busen. Russ Meyer war ein frühes Beispiel, Lara Croft die Fortsetzung. Ich behaupte mal, die Amerikaner waren in den 50ern so brustfixiert, weil sie zu viel Milch tranken. Dieses geradezu obsessive Verhältnis zur Milch ging einher mit der Faszination für Frauentypen wie Jayne Mansfield. Es gibt ein wundervolles Foto von ihr aus dem Film-Musical „Schlagerpiraten“, da hält sie zwei Milchflaschen hoch, eine vor jede Brust.

Das Bild mit der Milchflasche klingt noch nicht nach kampfstarker Amazone.

Als ich in den 50ern in den USA aufwuchs, erlebte ich Unterdrückung, Konformität und Puritanismus. Es gab einen Kult der Jungfräulichkeit, den Doris Day durchsetzte, von Film zu Film. Dann kam Liz Taylor in „Butterfield 8“ und spielte ein Edel-Callgirl, üppig und verführerisch. Kurz darauf stieg Ursula Andress in dem James Bond-Film „Dr. No“ als Harpunenfischerin aus dem Meer, in einem wunderbaren Bikini, ein Messer an der Taille. Ein neuer Typ Femme fatale, nicht die Frau aus dem Boudoir, sondern eine, die sich wehren kann. Sie und Raquel Welch in „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“, ansonsten ein vollkommen uninteressanter Film, standen für eine Zeitenwende in Hollywood und die Art, wie die Filmindustrie dort erotische Vorstellungen von Frauen entwarf.

Wir sprachen eingangs über die 60er Jahre, eine Zeit, in der Frauen gegen den BH protestierten. Wie erlebten Sie diese Jahre?

Auf dem College sah ich zum ersten Mal junge Frauen, die oben ohne gingen. Das war ein Teil der Bewegung zurück zur Natur, da war dieses Woodstock-Gefühl. Parallel zur Hippie-Bewegung kam aus London der Swinging-Sixties-Look, die kleine Brust wurde zum Ideal, der elfenhafte Typ, den man mit Twiggy und Mary Quant verbindet, aber auch mit Edie Sedgwick, Andy Warhols Muse und bei uns das It-Girl jener Zeit. Das hielt eine Weile an, gerade unter Feministinnen, die den Büstenhalter für ein Symbol der Unterdrückung hielten.

So wie das Korsett des 19. Jahrhunderts.

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