17.000 Mark für eine Fremde : Wie Holger all sein Geld verlieh

Anfangs verleiht er nur kleine Beträge, und er bekommt sein Geld immer wieder. Dann nimmt ihn Alexandra S. aus wie eine Weihnachtsgans. Die Geschichte eines Mannes, der das Neinsagen nie gelernt hat.

Fabienne Hurst
Holger war sich sicher: Er tat ein gutes Werk.
Holger war sich sicher: Er tat ein gutes Werk.Foto: Fotolia

Holger wohnt schön. In Berlin, Altbau, saniert, zusammen mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern. Nichts erinnert mehr an die blöde Geschichte von damals. Nur ein Ordner im Keller. Holger hat es noch nicht geschafft, ihn wegzuwerfen, er verstaubt dort irgendwo. Lange war Holgers Gedanke: Vielleicht brauche ich ihn ja eines Tages, wenn es doch noch zum Gerichtstermin kommt. Dann könnte er die vielen Quittungen, Unterlagen und Belege noch einmal herzeigen. Beweismaterial, wie in einem Krimi. Doch heute, nach 15 Jahren, hat Holger die Hoffnung aufgegeben. Jetzt ist der Ordner ein ungeliebtes Stück Vergangenheit, in dem er seine eigene Dummheit dokumentiert hat.

Holger ist nicht sein richtiger Name. Es wäre ihm peinlich, wenn alle wüssten, was ihm passiert ist. Es ist nämlich so: Holger ist nicht dumm. Er ist Fachjournalist, ein renommierter. In Talkshows hat er meist die schlagfertigsten Antworten. Holger ist ein 49-Jähriger mit dem Charme eines Jungen: lustige Augen hinter einer eckigen Drahtbrille, wuschelige Haare, Lachfältchen, er trägt ein ausgeblichenes Baumwoll-Sweatshirt und Jeans. Wenn er seine Geschichte erzählt, wirkt er halb amüsiert, halb fassungslos. Holger spricht von sich selbst wie über einen alten Bekannten. Er sagt, es sei, als sitze dann sein 34-jähriges Ich neben ihm. Über dieses Ich schüttelt er immer wieder den Kopf und sagt: Was für ein Idiot.

Holger hatte damals einen neuen Job angefangen. Er machte ein bisschen Karriere, Redakteur bei einer großen Tageszeitung in einer großen Stadt. Ein linkes Blatt, viele Sozialreportagen. Das Gehalt war klein, 1100 Mark Netto, aber groß war der Traum von einer besseren Welt. Holger war froh, auf der richtigen Seite zu sein.

Er ertrug es nicht, wenn es anderen Menschen schlecht ging. Er konnte keinem Bettler die Hastemalnemark verwehren, selbst wenn er ahnte, dass diese sofort in Schnaps investiert würde. Holger kaufte Obdachlosenzeitungen. Auf seinem Küchentisch lagen am Ende des Monats oft vier identische Ausgaben. Er dachte: Andere haben eben nicht so viel Glück wie ich. Holger wohnte sogar mietfrei, eine Bekannte war auf Weltreise gegangen, und er musste für die 80 Quadratmeter nur ihre Blumen gießen. Das Leben war schön.

Wäre er doch nur nicht ans Telefon gegangen.

Dann kam der kalte Wintertag, an dem er Frau S. kennenlernte. Die Kollegen waren zum Mittagessen gegangen, Holger übernahm den Telefondienst. Es klingelte. Wäre er doch nur nicht rangegangen.

„Hallo. Ich brauche Hilfe.“

„Was kann ich für Sie tun?“

„Gibt es bei Ihnen einen Hilfsfonds für Bedürftige?“

„Leider nein.“

„Ich brauche dringend meine Medikamente. Ich bin sehr krank, die Leber, die Niere. Aber mein Krankengeld ist aufgebraucht.“

„Leider können wir nichts für Sie tun.“

„Ich bin wirklich verzweifelt. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich habe auch ein kleines Kind.“

„Um wie viel geht es denn?“

„100 Mark. Ich zahle natürlich alles zurück.“

Holger hatte 100 Mark. Und die arme Frau schien wirklich in Not zu sein, sonst würde sie nicht bei Fremden anrufen. Er könnte mit einer kleinen Geste jemandem wirklich aus der Patsche helfen, einfach so, etwas Gutes tun. Der Monat war bald vorbei, dann bekäme er es ja zurück.

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