Abenteurer Arved Fuchs : Expedition ins Ich bei Minus 52 Grad

Er hat als Erster in nur einem Jahr Nord- und Südpol zu Fuß erreicht. Arved Fuchs ist Abenteurer von Beruf - und geht dabei an die eigenen Grenzen.

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Durchfegt. Arved Fuchs hat am Nordpol 1989 Temperaturen von minus 52 Grad erlebt.
Durchfegt. Arved Fuchs hat am Nordpol 1989 Temperaturen von minus 52 Grad erlebt.Foto: Arved Fuchs

Wenn einer weiß, wie es ist, voll auf die Zwölf zu bekommen, dann er. Erst vergangenen Sommer, auf der Rückreise von Patagonien nach Deutschland, geriet Arved Fuchs mit seinem Haikutter Dagmar Aaen bei den Falkland-Inseln in „schweres Wetter“. So nennt er das.

Schweres Wetter ist in der Sprache der Seeleute dasselbe wie Sturm, ein Wort, das sie selten benutzen. Sei es, dass es zu präzise auf Windgeschwindigkeiten gemünzt ist, ein Sturm auf dem Meer aber aus sehr viel mehr Gefährlichem als bloß Wind besteht; sei es, dass Seeleute unter schwerem Wetter praktisch alles verstehen, was ihnen die Laune verdirbt.

Die Dagmar Aaen geriet also in schweres Wetter. Die Böen erreichten Windstärke 10, erzählt Fuchs, der Vollbart und die Schläfen ergraut. Seit einem Vierteljahrhundert bereist der 62-Jährige jene frostigen Erdregionen, in denen die schärfsten Winde toben und Eiskristalle mit einem ortlosen Rauschen über endlos weite Ebenen treiben. Doch furchteinflößend ist, was der Wind mit dem Meer anrichtet. Große, vornüber kippende Brecher seien über das Schiff gerollt und hätten es unter sich begraben.

„Das ist eine elementare Erfahrung gewesen“, sagt Fuchs. Es sei ja nun kein großes Schiff, lediglich 18 Meter lang, und man selbst auch ziemlich winzig. „Eine brechende Welle, die sich über das Deck ergießt, wäscht einen einfach weg, man kann sich nicht festhalten.“ So viele Tonnen Gewicht und kinetische Energie, wie in einer solchen Walze stecken – „dem hast du nichts entgegenzusetzen. Das ist dann schon ein Überlebenskampf.“ Und eine Frage der Sicherheitsleine.

Für Dramen sind Engländer zuständig

Dass Fuchs Monate später an einem kreisrunden Tisch in seinem Haus in Bad Bramstedt davon so unaufgeregt wie möglich erzählt, zeigt natürlich, „dass es viel schlimmer hätte kommen können“. Aber auch: dass Fuchs das Gemüt eines Mannes besitzt, für den von A nach B zu kommen ein technisches Problem darstellt.

Er macht nicht viel Wind darum. Sicher, eine Geschichte sollte schon dabei herausspringen, aber kein Drama.

Für Dramen sind Engländer wie der Polarforscher Robert Falcon Scott zuständig, die den Heldentod starben, aber eigentlich nur schlecht vorbereitet waren.

Seit Fuchs 1989 als Erster in nur einem Jahr Nord- und Südpol zu Fuß erreichte, führt er das Leben eines Abenteurers. Er erwarb seinen seetüchtigen Kutter und konnte das Haus kaufen, in dem er als Kind aufgewachsen war. In die Ferne bricht er von demselben Zuhause auf. Im Erdgeschoss das Expeditionsbüro. Hier werden die nächsten Polarfahrten vorbereitet und die Vortragsreisen organisiert, mit denen er das Geld für seine Exkursionen verdient.

Die See ist ein gnadenloser Lehrmeister

Das Besprechungszimmer mit dem runden Tisch ist eingerichtet wie ein Museum. Schwemmgut vergangener Unternehmungen ist apart liegen geblieben. Eine Wand wird von einer monströsen Weltkarte bedeckt. Auf ihr sind Fuchs’ Seereisen mit fein gezogenen Strichellinien verzeichnet.

Er ist ein amphibisches Wesen. Ein Seemann, der an Land steigt, um mit Hundeschlitten oder auf Skiern über das Eis zu fahren. Schon im Jahr 1980 wollte er zum Nordpol, allein, war der logistischen Herausforderung jedoch noch nicht gewachsen. Er betrachte sich nicht als Einzelkämpfer, sagt Arved Fuchs. Seine Mannschaften bestehen aus treuen Mitstreitern, die ihn seit Jahren immer wieder begleiten. Mehrfach haben sie auf der Dagmar Aaen im Eis überwintert und gemeinsam lange Stunden in der Finsternis verbracht.

Mit Schlittenhunden durchquert Fuchs’ Mannschaft Grönland.
Mit Schlittenhunden durchquert Fuchs’ Mannschaft Grönland.Foto: Arved Fuchs

Fuchs sieht sich als romantischer Vertreter des „klassischen Expeditionsreisens“. Die Langsamkeit der Fortbewegung bewirke, dass er sich viel stärker mit der Aufgabe identifiziere, sagt er.

Hinzu kommt, dass er nicht der Typ ist, der überrumpelt werden möchte. Man merkt es an seiner sachlichen Korrektheit, wenn er sagt, dass „man in einem Sturm gedanklich die ganze Zeit beschäftigt“ sei. Nicht, dass Denken die Wogen glätten würde. Aber es ist doch besser, auf ein losgeschlagenes Teil vorbereitet zu sein und eine Anweisung für die Mitsegler an Bord parat zu haben. Er selbst muss nicht mehr hinauf in den Mast, auch wenn er es könnte, wie er betont, das übernehmen heute Jüngere, die darauf brennen. „Die See ist ein gnadenloser Lehrmeister“, meint Fuchs. „Was einen immer wieder ernüchtert, ist ihre Gleichgültigkeit dir selbst gegenüber“, und seine Augen sehen bei diesen Worten ein bisschen kummervoll aus.

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