Magazin : Advent, Advent

... ein Weihnachtsbaum brennt! Wie sich Brenda und Holger jedes Jahr über Tannennadeln streiten. Ein lustiges Drama.

von
Illustration: Rudi Hurzelmeier
Illustration: Rudi Hurzelmeier

Ich heiße Holger, bin von Beruf Systemadministrator und seit elf Jahren mit Brenda zusammen. Es ist eine wunderbare Beziehung, in jeder Hinsicht. Ich glaube, da spreche ich auch für Brenda. Wenn wir uns jemals gestritten haben, dann immer nur an Weihnachten. Und zwar jedes Mal wegen des Baumes.

Brenda hat sehr genaue Vorstellungen von einem Weihnachtsbaum. Es darf keine kahlen oder schütteren Stellen geben. Die Nadeln müssen eine intensive grüne Farbe haben, aber nicht zu intensiv. Sonst sieht es nach Plastik aus. Und so weiter. Der Baum, den ich anbringe, ist immer falsch. Es gibt immer irgendein Detail, das nicht stimmt.

„Brenda, Häschen“, sage ich dann, „komm doch einfach mal mit zum Baumkaufen.“ Wenn sie zum Aussuchen mitkommen würde, könnte Brenda sehen, dass es wirklich keinen schöneren Baum gab. Es war der schönste Baum. Punkt. Brenda hätte garantiert genau den gleichen genommen, wenn sie ihn gesehen hätte, vorher, bevor ich ihn in die Wohnung gebracht habe.

Aber in dem Moment, in dem der Baum die Wohnungsgrenze überquert, ist er nicht mehr irgendein Baum, ein Baum, den man objektiv betrachtet, nein, es ist der Baum, den der Holger ausgesucht hat und der wieder einmal nicht der richtige Baum ist.

Ich sage: „Brenda, macht dir das Spaß? Machst du das gerne, Häschen, das mit dem Baum? Immer zu schimpfen? Gibt dir das was? Schau ihn dir doch einfach mal an, ganz in Ruhe, vergiss, dass ich diesen Baum gekauft habe, denk, dass es irgendein Baum ist, dann merkst du, wie schön er ist. Hier, die Nadeln, grün, keine einzige gelbe oder braune, der Stamm, die Äste, alles perfekt, die Höhe, komm, Brenda, komm her, mein Häschen, fass den Baum an, er ist schön.“

Brenda fragt: „Wo kommt der Baum in diesem Jahr denn her? Aus Bangladesch?“ So fängt der Streit meistens an.

In diesem Jahr war der Baum zu groß. Sagt Brenda, und zwar am Morgen des 24. Dezember. Der Baum war einen Meter und achtzig hoch, wie immer.

Brenda fragt: „Siehst du nicht, dass er an die Decke stößt? Die Spitze biegt sich.“ Außerdem war ihr der Baum zu breit. Er war zu ausladend.

Ich sage, dann säge ich eben ein Stück ab von dem Baum, ich kürze die Äste, und die Seite mit den gekürzten Ästen stellen wir an die Wand. Da fällt das überhaupt nicht auf.

Brenda macht nur ein Geräusch, ein „Pfff“ oder „Puh“, was weiß ich.

Zuerst musste ich den Baum aufstellen. Ich habe den Baumständer aus der Kammer geholt. Der Stamm war zu dick und passte nicht in die Öffnung von dem Baumständer. Also habe ich die Axt genommen.

Brenda sagt: „Das ist nicht dein Ernst.“

Ich sage, doch, doch, das ist mein Ernst. Der Stamm ist zu dick, und jetzt mache ich den dicken Stamm dünner, damit er passt. Und das ist mein Ernst, ja, durchaus.

Brenda sagt: „Aber doch nicht in der Wohnung auf dem Parkett.“

Da habe ich den Baum in Richtung Balkon geschleppt. Der Baum passte nicht auf den kleinen Balkon, das sah man sofort. Also habe ich den Teil mit den Ästen in der Wohnung gelassen und nur den unteren Teil, den Teil mit dem Stumpf, auf den Balkon gezogen. Der Baum war halb drinnen, halb draußen. Ich also mit der Axt an den Stamm.

Brenda sagt: „Wie kann man nur so einen Baum kaufen, so ein Monstrum, für eine Wohnung von 90 Quadratmetern.“

Dann geht sie zum Glück in die Küche, Plätzchen backen.

Ich hacke und hacke, und bin natürlich nervös wegen der dauernden Kritik. Deswegen rutscht mir die Axt aus. Sie trifft den Blumentopf mit dem Bonsai, der Ziereiche, die Brenda so liebt. Die Krone der Ziereiche habe ich mit einem einzigen Axtschlag abgehauen. Ich denke, nicht das auch noch. Also habe ich den Rest von dem Blumentopf und den Rest von der Ziereiche in eine Tüte gestopft, damit Brenda das erst mal nicht sieht. Im Winter geht sie nicht oft auf den Balkon. Ich dachte, wir klären das später, nach Weihnachten.

Nun wollte ich also den Baum aufstellen und habe gemerkt, dass ich zu viel von dem Stamm weggehauen hatte. Der Stamm war unten nur noch so dünn wie ein Babyärmchen. Ich wollte es halt besonders gut machen, wegen Brendas dauernder Kritik. Der Stamm war jetzt zu dünn für den Ständer, aber ich konnte unmöglich losgehen und einen neuen Ständer kaufen, das hätte nur wieder zu Kritik geführt.

Ich habe versucht, Tempotaschentücher in die Öffnung zu stopfen, damit der Stamm hält. Aber die Taschentücher waren zu weich, der Baum ist immer wieder umgekippt. Ich hatte dann eine Idee, die wirklich gut ist. Ich habe ein, zwei Kerzen genommen und angezündet und habe, auf dem Boden kniend, mit einer Hand an dem Baum, Wachs in die Öffnung geträufelt, bis die Öffnung voller Wachs war. Das Wachs wurde hart, und der Baum stand in dem harten Wachs so fest, als ob er in Beton gegossen wäre.

Dann bin ich aufgestanden und habe mir den Baum angeschaut. Ich habe gemerkt, dass der Baum tatsächlich oben an der Decke angestoßen ist. Der Baum war tatsächlich ein bisschen zu groß. Warum? Weil es im Jahr davor wochenlang Kritik daran gegeben hatte, dass der Baum zu klein ist. Ich wollte es diesmal nur richtig machen. Das Problem war, dass ich jetzt unten den Stamm nicht mehr absägen konnte, weil der Stamm in den Baumständer einbetoniert war und weil ich nur diesen einen Baumständer hatte und weil von dem Stamm unten sowieso fast nichts mehr übrig war. Tausend Gründe. Das war ein richtig großes Problem.

Ich habe die Säge genommen und habe aus der Mitte des Baums ein ungefähr 20 Zentimeter langes Stück herausgesägt. Dann habe ich die zwei Baumteile mit Alleskleber zusammengefügt. Ich habe mit dem Kleber Erfahrung, der ist wirklich gut und hält bombig. Das herausgesägte Stück habe ich auf dem Balkon klein gehackt und habe die Reste, weil mir auf die Schnelle nichts Besseres eingefallen ist, im Bad in den Korb mit der Schmutzwäsche getan, ganz unten, wo Brenda es erst mal nicht merkt. Ich dachte, kein Problem, wenn Brenda demnächst wieder mal bei der Fußpflege ist, nehme ich das mit und entsorge es.

Das klingt jetzt vielleicht alles ganz einfach und locker, wenn ich es erzähle. Aber ich war bestimmt zwei, drei Stunden am Ackern, obwohl ich mich extrem beeilt habe. Und dauernd war da in mir so eine Angst, dass Brenda auftaucht und mich wieder kritisiert. Wenn sie am Backen ist, vergisst sie aber zum Glück die Zeit und ist richtig happy.

Gerade, als ich fertig geworden bin, erst dann, biegt Brenda um die Ecke, Plätzchenduft weht in die gute Stube, und ich sehe Brenda sofort an, dass sie gut drauf ist.

Ich sage: „Na, Brenda, wie findest du unser Bäumchen?“

Brenda sagt: „Könnte schlimmer sein.“

Dann wollten wir den Baum schmücken. Brenda legt dazu immer Weihnachtsmusik auf. Sie hat den Baumschmuck selber gebastelt, sogar die Kugeln, weil sie mal in einem Glasbläserworkshop gewesen ist. Da haben die das gelehrt. Es sieht hübsch aus, na gut, ein bisschen kitschig vielleicht, aber an Weihnachten darf es ruhig mal kitschig sein. Dazu ist Weihnachten ja da. Brenda will den Weihnachtsschmuck holen, da fällt es mir wie Schuppen von den Augen, und mir wird klar, dass der Weihnachtsschmuck in genau der Tüte sein muss, die sie vorsorglich aus dem Keller geholt und auf den Balkon gestellt hat. Die Tüte, in die ich den enthaupteten Bonsai hineingestopft habe.

Brenda sagt gar nichts. Wenn sie schweigt, ist das nach meiner Erfahrung ein schlimmeres Zeichen, als wenn sie redet. Solange es Kommunikation gibt, ist auch Verständigung möglich, sage ich immer.

Ich verspreche Brenda, dass ich ihr als Ersatz sogar zwei Bonsais kaufen werde. Großes Ehrenwort. Ich sage, Häschen, wenn du möchtest, räumen wir mein Arbeitszimmer aus und machen einen Bonsaigarten daraus. Herr im Himmel – es ist nur ein Baum.

Brenda schweigt. Sie packt den Weihnachtsschmuck aus und fängt an, den Baum zu schmücken. Sie beißt sich dabei auf die Lippen. Wenn sie wütend ist, sieht Brenda immer besonders süß aus. Ich gehe zu ihr, ich versuche, sie zu umarmen, ich flüstere ihr ins Ohr, dass wir es uns nach dem Baumschmücken so richtig gemütlich machen, mit allem, was dazugehört, aber Brenda versucht sich aus meiner Umarmung zu lösen, mit aller Kraft. Dabei bleibt sie am Baum hängen, und der Baum fällt um, genau auf die Tüte mit dem Weihnachtsschmuck. Der Baum zerbricht dabei in zwei Teile, weil der Alleskleber doch nicht so gut ist, wie ich vorhin behauptet habe.

Ich sage: „Schau nur, was du da in deiner Wut angerichtet hast, Häschen. Die ganzen Glaskugeln sind kaputt. Und der Baum ist auch hinüber. War dein Bonsai das wirklich wert?“

Diese Bemerkung werfe ich mir bis heute vor. Das war einfach nicht okay von mir. Ich habe so getan, als ob Brenda den Baum kaputt gemacht hätte, obwohl alles nur meine Schuld gewesen ist. Ich wollte mich schützen. Sich zu schützen ist, glaube ich, bis zu einem bestimmten Punkt legitim. Aber da bin ich zu weit gegangen.

Brenda ruft: „Weihnachten können wir dieses Jahr vergessen!“ Und dann sagt sie, dass sie mir mein Geschenk genauso gut jetzt gleich geben könne, rennt ins Bad, wo sie das Geschenk versteckt hat, im Wäschekorb, wo sonst, und im Wäschekorb findet sie den abgesägten, zerkleinerten Mittelteil des Weihnachtsbaums.

Ich gebe sofort alles zu. Ich sage, dass es mit dem Aufstellen des Weihnachtsbaumes einfach ein bisschen blöd gelaufen ist dieses Jahr, und dass ich nur gelogen habe, weil ich Zeit gewinnen wollte, und dass wir vielleicht insgesamt zu perfektionistisch an Weihnachten herangehen. Es kommt doch überhaupt nicht auf Äußerlichkeiten an. Wie der Baum aussieht, ist doch egal, es kommt auf die innere Harmonie an, auf Ying und Yang und auf die Haltung, die man hat. Das denke ich wirklich. Dann nehme ich die Kerzen und stecke sie auf den unteren Teil des Weihnachtsbaumes, den Stumpf. Ich zünde die Kerzen an und sage, schau, der Baum sieht scheiße aus, das sieht jedes Kind, aber es ist unser Baum, der Baum, den das Schicksal uns nun mal zugeteilt hat, das ist unser Baum, Häschen, und darum ist er schön, egal, wie er für andere Leute aussieht.

Brenda heult. Ich nehme sie in den Arm, ich bin jetzt total fürsorglich und verständnisvoll und entschuldige mich ungefähr tausendmal. Ich sage, komm, lass uns in die Badewanne gehen. Das hat sie gern. Wir ziehen uns im Wohnzimmer aus, ich lasse Wasser einlaufen, tue das chinesische Entspannungsöl hinein, und Brenda sagt: „Holger, warum baust du nur immer so einen Mist?“

Ich sage: „Nächstes Jahr fahren wir an Weihnachten weg und kaufen überhaupt keinen Baum.“ Brenda nickt, sie schluchzt noch ein bisschen, aber sie beruhigt sich. Wir setzen uns in die Wanne, hören von draußen die Weihnachtsmusik, und nach etwa zwei Minuten sind wir mittendrin im schönsten Versöhnungssex.

Nachdem wir fertig sind, höre ich eine Lautsprecherstimme. Brenda hört sie auch. Die Stimme sagt: „Achtung, Achtung, verlassen Sie das Haus nicht über die Treppen, ich wiederhole, nehmen Sie nicht die Treppe.“

Ich steige aus der Wanne und schaue ins Wohnzimmer. Das Wohnzimmer brennt. Es ist wohl so gewesen, dass die Hitze der Kerzen das Wachs, in dem der Baum stand, irgendwie weich gemacht hat, oder vielleicht war das Wachs generell keine gute Idee. Der Baum ist jedenfalls umgestürzt, und jetzt brennt alles. Sogar die Kleider, die wir im Wohnzimmer liegen gelassen haben.

Wir schauen aus dem Badfenster. Unten hat sich jede Menge Feuerwehr versammelt. Sie haben ein Sprungtuch aufgespannt. Während wir rausschauen, fällt an uns die alte Dame vorbei, die in der Wohnung über uns wohnt, also im fünften Stock. Sie landet im Sprungtuch, springt noch zwei- oder dreimal hoch, dann kriegen die Feuerwehrmänner sie zu packen. Die Feuerwehrmänner sehen uns und rufen, dass wir springen sollen, am besten zeitnah.

Brenda sagt, dass sie ohne Kleider auf gar keinen Fall springt. Unten stehen viele unserer Nachbarn. Ich sage: „Brenda, du musst deinen Körper wirklich nicht verstecken, und ich glaube, das weißt du auch.“ Brenda sagt, dass sie versuchen will, wenigstens mein Geschenk und ein paar von den Plätzchen aus der Wohnung zu holen. In dem Moment fällt mir ein, dass ich noch gar kein Geschenk für Brenda besorgt habe, das will ich noch machen, bis vierzehn Uhr haben die Geschäfte ja auf, mindestens.

Das klingt extrem romantisch, und es war auch romantisch. Wir sind Hand in Hand gesprungen, beide nackt. Es hatte minus zwei Grad. In der freien Hand hat Brenda mein Geschenk gehalten, ein Reisenecessaire aus echtem Leder, ich hielt Brendas Plätzchendose. Und kaum waren wir unten, ist etwas Wunderbares passiert. In der kleinen Zwei- Zimmer-Wohnung in zweiten Stock wohnt eine chinesische Familie, die haben immer einen Haufen Feuerwerkskörper gebunkert, und auf einmal sind die alle explodiert. Brenda und ich standen auf der Straße, bekleidet nur mit Decken von der Feuerwehr, umgeben von etwa zweihundert Leuten. Über uns zischten diese chinesischen Raketen in den Himmel und explodierten in allen Regenbogenfarben. Vor uns brannte das Haus nieder, wir küssten uns, und es war uns völlig klar, dass wir uns lieben bis in alle Ewigkeit und genau jetzt das tollste Weihnachtsfest erleben, was es in diesem Jahrhundert gegeben hat. Ich glaube, da spreche ich auch für Brenda.

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