Airport Walks : Zu Fuß von Kreuzberg nach Kopenhagen

Zu Fuß zum Flughafen: "Airport Walks" sollen den entfremdeten Großstadtbewohner mit seiner Metropolregion versöhnen. Ein Reisebericht.

Sarah Pepin
Berlin, Hermannplatz. Etwa 14 Kilometer beträgt der Marsch von Neukölln zum Flughafen Schönefeld – hinter Gropiusstadt immer geradeaus.
Berlin, Hermannplatz. Etwa 14 Kilometer beträgt der Marsch von Neukölln zum Flughafen Schönefeld – hinter Gropiusstadt immer...Foto: Mike Wolff

Donnerstagnachmittag um 15 Uhr brechen wir auf. Nach Dänemark. Zu Fuß.

Na gut, nicht ganz. Aber immerhin von Kreuzberg zum Flughafen Schönefeld, und später wollen wir vom Flughafen Kastrup in die Kopenhagener Innenstadt laufen.

Warum? Weil von A nach B reisen selten etwas mit Bewegung zu tun hat. Oft verbringt man die Zeit hinter schallschluckenden Fenstern, in dunklen Tunneln, angeschnallt in fliegenden oder rollenden Stahlkonstruktionen. Bewegung wird nur noch streckenweise am eigenen Leibe erfahren.

Mein Mann und ich wollen das bei einem Wochenendtrip anders machen. Der Flug nach Dänemark soll eingerahmt werden von zwei langen Spaziergängen durch die Städte, ihre Vororte und Industriegebiete, also durch das, was sonst immer ungesehen bleibt. Um zu erfahren, wo wir überhaupt herkommen – und wo wir hingehen. Was das für Gebilde sind: die Stadt, aus der wir kommen und die, in die wir reisen.

Für den Fußmarsch braucht man Kondition

Die Idee zu diesem Experiment ist nicht von uns. Sie stammt von dem britischen Schriftsteller Will Self, der schon öfter sogenannte „Airport Walks“ unternommen hat. Einmal lief er von London nach New York, einmal von London nach Dubai – also fast. Die Distanz vom jeweiligen Flughafen in die Stadt legte er zu Fuß zurück. Anschließend schrieb er im „Guardian“ über die politische Wichtigkeit des Laufens als Akt des Widerstands gegen staatliche Kontrolle in einer globalisierten Welt. Denn wer zu Fuß läuft, ist unabhängig: von Transportfirmen, von Instanzen, die einem vorschreiben, wie man sich zu bewegen hat. Der Fußmarsch gegen die Entfremdung der Menschen von ihrer Umwelt. Wandern als Weg, dem Massentransport für kurze Zeit zu entkommen.

Dafür braucht man Kondition. Wir kalkulieren mit fünf km/h. Der Flug geht um 19.50 Uhr. Die ersten paar Kilometer sind für uns vertrautes Terrain: die Mariannenstraße, der Landwehrkanal, der Geruch der Dönerbuden am Kottbusser Damm, der wolkenverhangene Himmel über dem Hermannplatz.

Wir biegen in die Karl-Marx-Straße ein. Je weiter wir gehen, desto weniger Altbauten. Langsam brennen die Fußgelenke. So ungewohnt ist das Laufen also schon. Wir haben zum Glück beide nur Handgepäck dabei, das wir in Rucksäcken verstaut haben.

Unser Leben wird murmeltierisiert, zur ewigen Wiederholung verdammt

Will Self bezieht sich bei seinen „Airport Walks“ auf das Konzept der „Psychogeography“, deren wichtigster Vertreter der Franzose Guy Debord war, ein marxistischer Theoretiker und Begründer der Situationistischen Internationale, einer linken Gruppe europäischer Künstler. Debord wollte herausfinden, wie die urbane Landschaft das Verhalten und die Gefühle der Menschen beeinflusst. Debord misst dem Städtebau, den öffentlichen Verkehrsmitteln und der Architektur große Wichtigkeit für unser Erleben einer Stadt bei. Diese geben gewissermaßen vor, wie man sich im urbanen Raum zu verhalten hat, welche Wege man zurücklegen soll. Wir nehmen wie Schlafwandler jeden Tag den gleichen Bus zur Arbeit, müssen jeden Tag um die bekannten Gebäude gehen, abends in den nächsten Supermarkt. Die Bahn hält immer am Potsdamer Platz: Das Leben wird murmeltierisiert, zur ewigen Wiederholung verdammt.

Debord hatte es sich zur Aufgabe gemacht, neue Strategien zu finden, um der Stadt und dem öffentlichen Raum auf anderen Ebenen, mit frischem Bewusstsein zu begegnen. Dabei legte er sehr viel Wert auf Verspieltheit, also auf ein sogenanntes „Driften“ durch die Welt. Er setzte alles darauf an, sich absichtlich zu verlaufen.

Parallelen mit dem Flanieren, über das unter anderem Charles Baudelaire schrieb, bestehen ebenfalls. Mit Flanieren ist der Müßiggang, das Schlendern ohne Eile, gemeint. Und das Verweilen an den Orten, an denen man sich wohlfühlt. Ein Ziel gibt es beim Flanieren jedoch nicht, darin unterscheidet diese Praxis sich von den „Airport Walks“.

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