Magazin : Alfred Kerr Die verlorenen Plauderbriefe des

25 Jahre lang schickt der berühmteste Theaterkritiker seiner Epoche Kolumnen an eine Königsberger Zeitung – sie sind ein Spiegel des Berliner Lebens. 1945 verschwindet dieser Schatz. Hier kann man acht Texte exklusiv wieder lesen.

Fotos: bpk, Ullstein Bild (2), teuto, wikipedia
Fotos: bpk, Ullstein Bild (2), teuto, wikipedia

Berliner Plauderbrief 23. April 1899

Platz den Frauen

Mitten in dieser Übergangszeit, in der alle besseren Menschen an Malaria, Influenza, Fieber, Schnupfen, Katarrh u.s.w. erkrankt sind, fiel die erfreusame Jubiläumsnachricht, daß Fräulein Mestorf in Kiel von unserer Regierung den Professorentitel erhalten habe. Fräulein Neumann war die erste Berliner Doktorin, Fräulein Mestorf ist die erste deutsche Professorin. Jetzt ist der Bann gebrochen; paßt auf, liebe Zeitgenossen, es geht immer weiter, immer weiter, bald werden wir Regierungspräsidentinnen und Staatssekretärinnen des Äußeren haben; allenfalls der Kriegsminister wird noch aus dem männlichen Geschlecht erwählt werden (...)

Seitdem Fräulein Mestorf Professor geworden ist, scheint auch die Wahlberechtigung der Frau nicht mehr in einer märchenhaften Ferne zu stehen. Wenn unsere preußische Regierung, die überstürzten und leichtsinnigen Neuerungen nicht grade hold ist, einen solchen Schritt thut, darf man annehmen, daß sie der vollständigen bürgerlichen Gleichstellung der Frau keinen grundsätzlichen und unbesiegbaren Widerstand mehr entgegenstellen wird. Es geschehen Zeichen und Wunder – es ist jetzt alles möglich! Freilich mit der Kriegführung, mit dem Soldatenthum wird es noch hapern. Wenn sie schon die Funktionen eines Professors verrichten können – zu den Funktionen eines Füsiliers werden sie doch unfähig sein. Solange sie aber nicht mit in den Krieg ziehen, wird man ihnen kaum dasselbe Recht wie den Männern zugestehen. Darauf könnte man allerdings erwidern: bitte sehr, erstens ziehen nicht alle Männer in den Krieg, sondern nur diejenigen, die dazu tauglich befunden werden und in dem betreffenden Alter stehen. Zweitens könnten die Frauen, wenn nicht als Krieger, so doch als Samariterinnen in den Krieg ziehen, wobei sie ihr Leben vielleicht nicht weniger riskiren als die Soldaten. Und drittens: wenn sie überhaupt nicht in den Krieg ziehen (denn sämmtliche Frauen können doch nicht Samariterinnen sein), so riskiren sie ihr Leben auf andere Weise zur Erhaltung des Staates; am Ende setzen sie ebensoviel ein, wie der Soldat, der auf dem Schlachtfelde bereit ist, zu sterben. Thatsächlich hat man diesen Einwand bereits erhoben. Wer sich ein Urtheil anmaßt, möge entscheiden, ob mit Recht oder Unrecht (...)

Also: wir können dem Fräulein Johanna Mestorf mit gutem Gewissen unsere Glückwünsche zum Professorentitel darbringen, und vielleicht sogar der Regierung, daß sie ihn verliehen hat.

Berliner Plauderbrief 9. November 1913

Katzensperre

Harte Zeiten, in denen unsereins lebt. Jetzt ist eine neue Verfügung ergangen. Katzen und Hunde, so frei umherlaufen (und sich kriegen lassen), werden sofort nach der Einlieferung amtlich getötet!

Die Verordnung mag dem Vorteil der Menschen dienlich sein – darum will ich nichts gegen sie einwenden. Wir sind wichtiger als die bedräuten Mitbewohner, die ihre Vorderbeine noch nicht zu Armen entwickelt haben. Mit Recht hütet man uns vor den Gefahren der Tollwut. Aber schlimm bleibt es doch zu denken: eines Tages könnte der kleine schneeweiße Kater, der meinen Haushalt verschönt und heiter macht, nach einem Spaziergang in der Dachrinne hinunter in die Straße gelangen, von einem herumstreifenden Vogt aufgegriffen werden und früh ein unedles Ende finden. … Wenn ich ihn anblicke, entsteht bei dieser Vorstellung ein kleiner Schauder. Durch nichts in der Welt wär’ es möglich, ihm auseinanderzusetzen, daß über seinem jungen, intelligenten Haupte eine ganze Waffensammlung des bekannten Versammlungsredners Damokles schwebt. Aber kann man die Fenster immer schließen? Ich will es gar nicht – denn ein Teil seiner Lebensfreude ruht im Genusse frischer Luft. Wenn er die Nacht auf seinem Kissen, mit ulkig gekniffenen Augen, die Ohren steif, zusammengekrümmt, in tiefen und nicht immer geräuschlosen Atemzügen durchpennt hat; wenn er dann beim Aufwachen sich wie ein Kind gereckt, wie ein Erwachsener gegähnt, endlich die Vorderpfoten hoch an mein Knie gelegt hat… dann will er auch mal sehen, was draußen los ist. Wer kann ihm das verdenken? (…)

Herrlich ist für mein Empfinden diese Tiergattung. Die Kluft zwischen ihr und Hunden ist riesengroß. (...) Der Hund ist anhänglich um der Anhänglichkeit willen, treu um der Treue willen. (….) Und so ein weißer, kleiner, himmlischer Kerl, das koketteste Balg unter Gottes Sonne, läuft nun Gefahr, kurzerhand erdrosselt zu werden? Harte Zeiten, – harte Zeiten.

Berliner Plauderbrief 23. August 1914

Im Strom der Dinge

Heute früh stand in den Blättern, daß die Japaner mit unseren Feinden gehen wollen. Wird die Meldung bis zum Wochenende widerrufen sein?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß mir dieser Schreck schon zwei Tage vorher in die Glieder fuhr, auf ganz privatem Weg. Es war am Montag. Und ich konnte wenigstens unverzüglich meine Pflicht gegen das Vaterland in bescheidenem Grad erfüllen, indem ich meine Kenntnis an die in Betracht kommende Stelle weitergab. Es ist hier vor Jahr und Tag ein junger japanischer Dichter geschildert worden, der seltsamerweise drüben in Tokio mein Buch über das neue Drama gelesen hatte (das will nicht viel sagen, denn sie lesen dort allerlei Gemischtes von europäischer Literatur) und mich darauf besuchte, nachdem er frisch gelandet war. Dieser junge Mensch hatte nachher Berlin verlassen, um nach München zu gehen. So blieb er mir leiblich entschwunden. Jetzt kam er plötzlich hier durch – ich erfuhr es durch ein Telefongespräch. Nanu? Was war los? Er wollte ja noch in Süddeutschland bleiben? Der Grund wurde ganz offen und arglos mitgeteilt: die japanische Regierung hatte den hier weilenden Bürgern des Inselreiches empfohlen, sich in ein neutrales Land zu begeben! Ahaaa! Eine unbestimmte Zeitungsnachricht, daß dergleichen im Gange sei, war sofort widerrufen worden. Ich glaube nun zu wissen, woran wir sind. Ich brach möglichst rasch das Gespräch ab und telegraphierte an das Auswärtige Amt in der Wilhelmstraße: „Erfahre durch einen Japaner folgendes: Japanische Regierung hat hiesige Japaner angewiesen, sich in neutrales Land zu begeben. Vielleicht als Symptom wichtig.“ Das war am Montag – am Mittwoch stand in den Zeitungen, daß diese jüngsten Mimen auf der Weltbühne nun auch schon den Mut haben, uns ein Ultimatum zu stellen (…) Im übrigen: wer so viel Gegner hat, wie wir jetzt, dem kommt es auf einen mehr nicht an. Hauptsache bleibt heute die durch nichts zu erschütternde Zuversicht in die einzige Tüchtigkeit unserer Kampfkräfte. Wenn wir Siege zu verzeichnen haben, werden wir auch Freunde zu verzeichnen haben. (…)

Das Gefühl über diese Enttäuschung würgt man hinunter. Es war immerhin schmerzlich, daß die kleinen gelben Männchen, deren Lehrer für den Krieg Deutsche gewesen sind, und die sich auf unseren Hochschulen geistig mästen durften, so ohne alle Umstände beim ersten Anlaß gegen uns Front machen. Es ist der Welt Lauf; Schwamm drüber. Mittlerweile stehn unsre Truppen in Belgien, und von dort liegt eine Feldpostkarte vor mir – auf der zwar nicht viel Neues, aber doch einiges Bemerkenswürdige steht. Der Absender ist ein Sergeant der am ersten Mobilmachungstage Berlin verlassen hat; das war an einem Sonntag; er schreibt aufatmend am folgenden Sonntag, daß man sich heute zum ersten Mal seit Berlin gewaschen habe, und fügt hinzu, daß der Mensch sich nach seinen Erfahrungen das Schlafen abgewöhnen könne. (…) Andre Feldpostkarten hab’ ich gesehn; auf der einen stand gar nichts Bemerkenswertes, und doch weinte die Dame, deren Sohn sie geschickt hat. Ich fragte: „Ja, warum weinen Sie denn, es steht ja gar nichts Wesentliches drin!“ Sie sprach: „Die Anrede – die Anrede zeigt mir, dass mein Junge todernst ist; er nennt mich immer sonst mit meinem zärtlichen Spitznamen. „Liebe Mama“ hat er mir bloß einmal geschrieben, damals, als mein Mann starb; und jetzt schreibt er wieder, zum ersten Mal seit langen Jahren: „Liebe Mama.“

Für meine Mitwirkung ist im Heer leider vorläufig kein Platz. Ich hatte dem Bezirkskommando dargelegt, daß ich französisch sprechen und schreiben kann, wie ein Franzose; daraufhin bekam ich schriftlich die Ermächtigung, mich bei einem Regiment zu melden. Ich tat es – nicht bloß bei einem. Aber da ist nichts zu wollen (…) Es ist ein greuliches Gefühl, unverrichteter Sache abzuziehen; man kommt sich so zuhausegelassen vor. (…)

Berllner Plauderbrief 11. April 1915

Die Lage bei uns

Das Einzige, woran in Berlin jetzt auffallender Mangel herrscht, sind die Kraftfahrzeuge. Wer es eilig hat, wird oft kleine Wutanfälle kriegen. Das Selbstbewußtsein der Fahrer jedoch, ehedem Chauffeure genannt, wird riesengroß, hoffnungslos. Man telefoniert aus der Wohnung an drei, vier Stellen, wo auf Anruf sonst immer ein Schnauferl zu haben ist. „Keens da!“ heißt die kühle Antwort. Sonst kommt es nach zwei Minuten angerattert. Auf der Straße oder in den Alleen des Grunewalds erblickt man endlich so ein Ding, man schwenkt den Stock, es hält, man eilt hin, – da tut so ein Mensch, als ob es eine Gnade sei, wenn er sich wirklich herbei läßt, jemanden durch eine Fahrt zu beehren. (…) Und wenn jemand nach allerhand unverdienten Ärgernissen solcher Art schließlich drin sitzt, wenn ihm die Fuhre bewilligt worden ist, beginnt es zu müffen, daß man Asthma kriegt. Mit welchen Riechstoffen die Fortbewegung zustande kommt, entzieht sich der Kenntnis des Laien – aber das hier verwendete Benzol scheint auf Rieselfeldern gewachsen und destilliert zu sein.

Nur solche kleinen Plagen spürt man in dem Berlin der Kriegszeit. Daß nachts fünf Minuten vor eins der Geschäftsführer eines Wirtshauses kommt und den Exodus der Versammelten in die Wege lenkt, wird nicht unangenehm empfunden. Daß der Preis des Bieres in die Höhe schnellt, muß ein vaterländisch Herz erdulden können. Daß die französischen Weißweine nicht ausverkauft sind, zählt beinah zu den Störungen und Unannehmlichkeiten, – denn ich glaube, dass diese auf Lager befindlichen Sorten in Folge von... weiser Behandlung nie alle werden. Wenn sie zum Schluß des Krieges immer noch auf Lager sind, werden sie bestimmt immer harmloser werden. Mancher fängt schon an, wie Bowle zu schmecken; aber ich will nichts gesagt haben... Im übrigen wird fast jedes französische Erzeugnis im Gebiete der eßbaren Speisen durch ein deutsches Produkt ersetzt. Fordere, lieber Leser, einen Camembert und du bekommst einen deutschen Käse dieses Namens, sein amtlicher Titel ist: Deutscher Camembert. Mancher geckige Gast rümpft hierüber „höhnisch und schnippe“ die kurzbärtige Oberlippe. Er weiß aber nicht, daß er zur Friedenszeit eben diesen selben Käse bloß ohne die amtliche Bezeichnung gegessen, geschmeckt und verdaut hat. Der Glaube macht selig ... Berlin ist nicht niedergedrückt, trotz manchem tragischen Vorfall. Deutschland ist nicht verzweifelt – trotz manchem Artikel unserer Gegner. Und was wir „entbehren“, entbehren wir gern. Bloß, offen gestanden, den Kraftfahrern möcht’ ich’s einmal eintränken …!

Berliner Plauderbrief 04. März 1917

An der Sperre

Jetzt im Krieg haben wir eine Einrichtung erfahren, die in Frankreich schon längst bestand – aber nicht unter die willkommensten Erscheinungen zu rechnen ist.

Wenn man aus Paris einen kurzen Ausflug unternahm, der nur über die Bannmeile ging, und wenn man nach Paris zurückkehrte – dann stand jedesmal ein Beamter an der Sperre, der die Handtaschen und Koffer untersuchte, ob etwa Fleisch, Wild oder ähnliche, Eßbarkeiten drinsteckten. (…) Und jetzt sind wir in Berlin ebenso weit. Das Gepäck wird untersucht, nach Lebensmitteln wird gepürscht. Aber wer welche hat, der kommt nicht mit einer kleinen Steuerzahlung davon, sondern mit einer größern Geldstrafe – und die Nahrungsstoffe nimmt man ihm ab. (…)

Es kommen Dinge vor, die keine Kulturgeschichte verzeichnet, aber die zu wissen die Leute in hundert Jahren doch interessieren könnte. Die müssen sich vorstellen, wie heut, wenn in Familien von höherer gesellschaftlicher Stellung die Kartoffeln aIle geworden sind, sich Mutter auf die Reise macht. Verwöhnte Damen durchqueren mit dem Dampfroß die Mark Brandenburg, um zwanzig Pfund Kartoffeln einzuhamstern. Es ist nicht wahr, daß man heut für Geld alles haben kann – es gehören auch Anstrengungen dazu. Selbstverständlich sind aber die Wohlhabenderen zwanzigmal besser dran denn die Unbegüterten. (…)

Namentlich scheint es, daß von allen deutschen Städten Berlin am wenigsten gut dran sei. – Hier zeigt die Einwohnerschaft wirklichen Heldenmut im zähen und stummen Ertragen der Knappheit. Dabei haben wir alle das Gefühl, daß die Höhe dieses Zustands noch nicht erreicht ist – Berlin wird auch kargeren Tagen trotzen. Schon um diesen aufrechten Mut nicht zu verstimmen, sollten die Gepäckuntersuchungen nicht allzu scharf gehandhabt werden. (...)

Schlimmer als Berlin sind manche seiner Vororte dran. Für uns im Grunewald ist es verteufelt schwer, den Magen in Ordnung zu halten. Und als die Schaffnerin Eurykleia so nennt Kerr sein Dienstmädchen, Anm. d. Red.] das eine zeitlang bemerkt hatte, hat sie den Plan gefaßt, ihren Angehörigen auf dem Lande mal einen Besuch abzustatten. Mit tausend Segenswünschen erhielt sie Urlaub, denn warum soll man das verwandtschaftliche Gefühl nicht stärken? Sie ist aber nach acht Tagen noch nicht zurückgekehrt. Ich bin allein auf weiter Flur. Ha, Schlange! Einen Fuß will sie sich verstaucht haben! (...) Sie sitzt in der Heimat in einem trauten Kreis, um den sie sich die Jahrzehnte hindurch nie gekümmert, und ißt sich an. Unsereiner kann ja sehen, wie er fertig wird. Schlange! Boa constrictor. Dabei hat sie ihren Kanarienvogel zurückgelassen, daneben eine Tüte – und einen Zettel, auf dem sie mich ersucht, ihm täglich Futter zu geben. Ich tue das knirschend jeden Morgen – nachdem ich die Kohlrüben für meinen Kater aufgewärmt. Und nie darf beim Weggehen vergessen werden, das holde Vöglein von dem Kater zu trennen (…)

Wie hangt man doch von solchen Geschöpfen ab, die einem sonst immer alles servieren (und sich voll Selbstsucht den Fuß verstauchen). Neulich zum Frühstück mußte man, weil kein Brot mehr da war, die erste beste Büchse mit „Forelle in Weingelee“ auf nüchternen Magen, was nicht gesund sein kann, ganz abgesehen vom Kostenpunkt, genießen. Haarsträubend in einer knappen Zeit. (...)

Berliner Plauderbrief 13. Oktober 1918

Große, kleine Sorgen

Die Grippe rast. Und wie diese Zeitläufte fast auf jedem Gebiet Neuerscheinungen gebracht haben, von denen man zuvor verschont war, so sind auch (dank dem erfinderischen Geiste der nie ruhenden Natur) nette verschmitzte Krankheitskomplikationen aufgetaucht.

Schließlich ist man noch dankbar, daß es nur eine verhältnismäßig unwesentliche Krankheit ist, die uns das Jahr 1918 beschieden hat. Denn die Cholerafälle, die Berlin erlebte, sind zum Glück vereinzelt geblieben. Man erinnert sich jetzt an jene Zeit des Krieges, wo man in Berlin vor den Pocken Angst hatte. Ein dunkler Druck lag damals auf der Bevölkerung – aber zuletzt ist alles leidlich abgegangen. In solchen Zeiten macht sich die große Sauberkeit und die allgemeine Hochentwicklung, die bei uns zu Hause ist (man darf das ohne Bramarbasieren äußern) glänzend bezahlt. Aus bloßem Schlendrian der Behörden und aus bloßer Torheit der Bevölkerung wird sich an der Spree niemals eine Seuche verbreiten. (…)

Der verstorbene Gelehrte Metschnikoff hat behauptet, daß jeder Seuche nur törichte Menschen erliegen. Besonders Trinker, weil sie im Schumm nicht acht auf Vorsichtsmaßnahmen geben. Es würde sich aber mancher von meinen Bekannten (und ich selber) dagegen sträuben, ein tiefstehender und törichter Mensch zu sein, weil auch wir die Grippe kriegen. Das Neue im Verhältnis zu früheren Jahren sind bekanntlich hier die Nebenerscheinungen, wobei die Lunge in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber diese Steigerung des Leidens läßt sich oft verhindern. Immerhin hat man auch unter seinen Freunden schon Tote zu beklagen. Es geht manchmal rasch. Dann ist allerdings wohl irgend ein anderes Organ schon vorher schwach gewesen, etwa das Herz, das nachher nicht standhält. (...) Es gibt drei Gattungen von Menschen: manche bekommen die Erkältung einmal im Jahr; die zweite Gattung einmal im April und einmal im Oktober; bei der dritten Gattung dauert sie von Oktober bis zum April (was die angenehmste Form sein muß).

Ich gehörte jahrelang als bescheidener Mensch zur Mittelgattung: einmal im Frühling, einmal im Herbst. Später bin ich durch einen Zufall auf die Wohltat der täglich mit einem Fettstoff innen bestrichenen Nase verblüffend aufmerksam geworden. Gar nicht aus hygienischen Gründen. Sondern (wie der Zufall manchmal spielt!) das Telephon war derart in Unordnung, daß man sich nur bei etwas geölter Nase einigermaßen wohlklingend verständlich machen konnte. Daher wurde mein Erker jeden Morgen durchfettet, weil ich bei dem täglichen Gespräch durch ein einnehmendes Organ glänzen wollte. ... Und siehe da, der Herbstschnupfen blieb weg. Höchstes Staunen. Ich habe das Einfetten aus Dankbarkeit beibehalten und bin seitdem nur noch einmal im Jahr verschnupft… Jeder, den ich auf diese Art von der Grippe retten sollte, braucht mir zum Dank nur ein Pfund Butter zu schicken. Natürlich kein russisches Pfund, sondern ein vaterländisches Pfund.

Ach, die Grippe ist wahrhaftig nicht das Einzige, was uns heute behelligt. Wir sind nun seit Wochen an der Spree, wie wohl in jeder deutschen Stadt, in einer schwer zu beschreibenden Seelenverfassung. Ich brauche nicht zu sagen weshalb. Unendlich tief empfindet man die heute nicht zu überschauende Krisis, die das Land durchlebt. Alles andere wird davon in den Hintergrund gedrängt. Es greift wieder jene seelische Zersplitterung Platz, die man im Sommer 1914 zum erstenmal in dieser Gewalt kennengelernt hat. Niemand hat Ruh. Man kann sich keiner Tätigkeit geduldvoll hingeben, weil alle Sinne doch nur auf das eine Ziel gerichtet sind – auf Deutschlands Schicksal. Kurz nach Erscheinen dieses Briefs erkrankten Alfred Kerr und seine junge Ehefrau Inge an der spanischen Grippe. Inge verstarb am 23.10. 1918. Anm. d. Red.] (…)

Berliner Plauderbrief 23. Oktober 1921

Pause

Über allen Gipfeln ist Ruh. Nämlich fast alle Zeitungen in Berlin streiken. Doch eine wirkliche Ruhe ist das nicht – es fehlt nur die Ankündigung Dessen, was in Wirklichkeit die Ruhe stört …

Es ist grade so, als ob eine Uhr stehn bleibt. Darum rückt die Zeit doch vorwärts! Und wenn sämtliche Zeiger kaputt sind, darum verfließt unser Leben doch! Und wenn fast alle Blätter Berlins nicht erscheinen, – darum besteht der oberschlesische Jammer dennoch. Nur zwischendurch erfährt man, daß die Sachlage noch viel schlimmer ist, als man angenommen hatte (…)

Auch die stete Spannung trägt hierzu bei. Denn der Mensch, welcher vor der Veröffentlichung einer Kritik die Korrektur lesen will, damit keine Druckfehler stehn bleiben und noch aus anderen Gründen – dieser Mensch führt am Telephon jetzt ein Dasein zwischen Langen und Bangen (wenn nicht in schwebender Pein). Fünfmal täglich muß angefragt werden, ob der Streik heut zu Ende geht. Ist es der Fall, so jagt man aus der Waldstille Hals über Kopf in die Setzerei. Setzerei? Es ist ja niemand da, solange gestreikt wird. Nur Verhandlungen werden geführt, abgebrochen, aufgenommen, unterbrochen, fortgesetzt, wieder angebahnt. Und wenn sie zum Ziel führen, ha, da kann in höchster Plötzlichkeit alles losgehn. … Also stündlich auf der Wacht leben: erscheinen die Abendblätter heut? gibt es Aussichten auf ein Morgenblatt? wie stehn die Verhandlungen? Alles telephonisch.

Und das Telephon in Berlin heutzutage! O Du Grundgütiger. (…)Seit dem Oktoberbeginn wird jedes Gespräch bekanntlich einzeln bezahlt. Das kostet nicht nur mehr Geld, sondern (ich will gleich zeigen, warum) viel mehr Zeit. Früher, wo man in Bausch und Bogen einmal im Vierteljahr zu bluten hatte, war es wurst, ob der Teilnehmer sich sofort meldete oder nicht. Blieb er stumm, so hängte man an – um nach einer Weile wieder anzurufen. Jetzt aber geschieht bei uns folgendes. Man verlangt eine Nummer, beispielshalber „Kurfürst 674“ oder „Steinplatz 254“, und man spricht streng vorschriftsmäßig in den Apparat: „Sechs, vi-er und siebenzig“ oder „zwo, vie-er und fünefzig“. Bis dahin geht alles gut. Der Angerufene meldet sich aber nicht. Das Fräulein ebensowenig. Sie fragt nicht: „Hat sich der Teilnehmer gemeldet?“ Infolgedessen sitzt man auf der Lauer. Wie ein Affe. Denn, zum Donnerwetter, bei den teuren Preisen für alles will man nicht auch Telephongespräche noch umsonst bezahlen, die man nicht geführt hat. Wenn man jetzt anhängt (erwägt man), wird das Gespräch vielleicht berechnet? Wer hat denn den Einblick in die Geheimprotokolle. Man wartet also, bis das Fräulein fragen wird, ob das Gespräch zustande gekommen sei. Dann kann man ihr sagen: „Nein“ und braucht nicht zu blechen; man hängt dann gewissermaßen unter ihrer Billigung ab. Sie fragt aber gar nicht!!! Man sitzt und sitzt und sitzt, – Himmel und Wolken! Einmal ist sie bei mir nach elf Minuten durch den Draht gekommen und sprach mit süßer Stimme: „Hat sich der Teilnehmer gemeldet?“ Ich erwiderte was in einem Ton, wogegen Ciceros donnernde Rede gegen Catilina kurzweg ein Gesäusel war.

Aber der Mensch muß sich beherrschen. Erstens aus Selbstzucht – und zweitens, weil sonst in Zukunft die Wartezeit infolge nicht ganz geklärter Verkettungen von Zufällen vielleicht doch verlängert wird. Es gibt Menschen in Berlin, die sich heute nicht getrauen, dem Telephonfräulein zu sagen: „Ich war falsch verbunden!“ Berechnet werden ja solche Gespräche, die zustande gekommen sind. Ein Gespräch mit falscher Verbindung ist aber doch ein solches, das zustande gekommen ist … Der andere Teilnehmer ist erreicht – und teilt mit, daß er der Gesuchte nicht ist. So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage. Ganz zu schweigen von dem unsicheren Gefühl, das nun jeder Mensch in Berlin beim Verlassen seiner Wohnung hat. In der Abwesenheit können die Hausangestellten so viele Telephongespräche haben, wie sie lustig sind. soll mal am Ende des Vierteljahres einer feststellen, von wem und wie oft am Tage gesprochen worden ist!! Man sagt sich zuletzt: tja, man muß das Telephon von jetzt ab ungefähr so ansehn, wie das elektrische Licht oder das Küchengas, das ja auch ohne mögliche Kontrolle von freundlichen Hausangestellten in Betrieb gesetzt wird. Betritt man morgens das Badezimmer, so brennt ja das Elektrolicht manchmal noch von gestern Abend, daß D’a Fraid hast. Also darum wegen des Bissels Telephon in Harnisch kommen? Legts zu dem Uebrigen. Nämlich diese Rechnung zu den übrigen Rechnungen… Und jedenfalls wird im Streik die Telephonrechnung sowieso schon größer, weil man (siehe oben) fortwährend fragt, ob ein Morgenblatt erscheint, und wie die Verhandlungen stehn. Weshalb das Ende des Streiks noch aus diesem privaten Grunde recht wünschenswert ist.

Berliner Plauderbrief 3. September 1922

„Det Publikum“

Der Dollar sinkt – vorläufig für ein paar Tage. Jedenfalls sinkt er… und die Preise für Lebensmittel sinken trotzdem nicht!

Da scheint irgendwas nicht zu stimmen. Bei uns ist man sich völlig klar, daß in diesem Punkt an der Spree einfach Schwindel und Willkür herrscht. Die Beweise sind nicht schwer zu erbringen. Was in der einen Straße Berlins siebzig Mark kostet, kostet zur gleichen Zeit in einer Nebenstraße fünfundvierzig Mark. Wohlgemerkt: nicht etwa in verschiedenen Stadtvierteln; das wäre noch allenfalls erklärlich. Denn der Wedding ist nun einmal billiger als der Grunewald. Sondern im selben Stadtviertel um die Ecke!… So phantastischen Zuständen muß ein Damm gesetzt werden. (…)

Panem et circenses verlangten die ollen Römer, wie man in der Schule gelernt hat. Nämlich Brot und Zirkusspiele. Heut’ ist an die Stelle des blutigen Gladiatorenkampfes der sanftere Kientopp getreten. Der Magen des berlinischen Volkes knurrt zwar, aber die Kinos, trotz hohen Preisen, sind knüppeldick voll. Auch wenn der Schmachtriemen enger geschnallt wird, widerstehn die Spreestadtbürger dem Reiz einer „Charlie-Chaplin-Woche“ keineswegs. Liebling des Volks zu sein… es hat was für sich. Nun, liebe Leute, was der amerikanische Komiker oder Humorist in diesem auf unsere Leinwand bot, war ganz ulkig, aber so hinreißend und umwerfend, daß eine Weltberühmtheit damit zu begründen wäre, schien es nicht… In dieser Erkenntnis ist vielleicht auf dem Programmheft ausdrücklich gesagt, man müsse Chaplins Leistungen am besten mehrmals hintereinander sehn; nämlich dasselbe Stück mehrmals hintereinander – weil viele verborgene Feinheiten darin steckten. Hm. Was am stärksten bei ihm ins Auge fällt, ist für mein Gefühl das Akrobatentum. Vor allem der Gang, der ewige Cakewalk in den Füßen. Seine Füße schreiten ja nicht – sondern sie trillern. Oder sie schlappen. Oder sie watscheln. Es ist manchmal die Art, wie ein Seehund sich auf dem Lande fortbewegt; ein schnelles Sichvorwärtsschieben. Manchmal aber sieht er peinlich aus – wie ein Mensch, der gebrochene Beine hat und irgendwie mühsam, aber mit Geschwindigkeit, einherkraxelt. (…)

Freilich müssen all diese Urteile (o Wichtigkeit!) mit einem gewissen Vorbehalt gefällt werden. Warum? Die Chaplinfilme, die man jetzt in Deutschland vorführt, sind nämlich schon so abgenutzt und ausgeleiert und verweppt und zerblaßt, daß vieles nur unklar heraustritt. Wir in Deutschland bekommen heut bloß die Reste des amerikanischen Mahls; des internationalen angelsächsischen Tisches. Erst wenn der Film halb unbrauchbar ist, wird er billig genug – um von uns erworben zu werden. Ein melancholisches Kapitel. Aber noch für die halbverkümmerten Reste gibt das „Publikum“ in Berlin jenes Geld aus, das ihm zur Butter-Anschaffung fehlt… Auf die Frage: „Wer lacht über Berlin?“ läßt sich nach berühmten Mustern jetzt antworten: „Ein blauer Himmel“. Die Sonne scheint endlich gekommen; der Herbst wird schön. Immerhin: ein melancholisches Kapitel.

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