Algorithmus auf Facebook : Das Verschwinden meiner Freunde

Auf Facebook geschieht Unheimliches.

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Das Verschwinden meiner Freunde

Zuerst war Steffi weg. Ex-Romanze aus Hamburg, lange nicht gesehen, wir sollten mal wieder telefonieren. Dann fiel mir auf, dass auch Anika seit Wochen abgetaucht war. Die hatte früher immer Bilder ihres Sohnes gepostet. Sind seine Segelohren inzwischen so gigantisch, dass sie ihn nicht mehr vorzeigen mag? Moment... Björn, Christian, Christoph: alle fort.

Es ist nicht so, dass meine Freunde ihr Facebook-Konto gelöscht hätten. Es ist so, dass Facebook mir nicht mehr anzeigt, was sie Neues schreiben.

Dafür bekomme ich viele Statusmeldungen von einem Stéphane, bei dem ich mich frage, woher wir uns überhaupt kennen. Stéphane lädt mich ständig zu Nacktpartys in Kaiserslautern ein. Ich war noch nie auf einer Nacktparty. Ganz sicher war ich noch nie in Kaiserslautern. Sollte mir Facebook nicht lieber die Nachrichten meiner langjährigen Vertrauten präsentieren?

Ich habe eine Strichliste erstellt und nachgezählt. Von derzeit 640 Freunden wurden mir seit Dezember nur von 327 Neuigkeiten angezeigt. Sogar was meine ältere Schwester in dieser Zeit trieb, blieb mir verborgen. Es heißt doch, soziale Netzwerke würden die Menschen miteinander verbinden, das Kontakthalten auch über weite Entfernungen hinweg ermöglichen. Die Wahrheit ist: Facebook trifft eigenmächtig eine Auswahl, welche Freunde es miteinander vernetzt, und verschweigt einem den Rest. Das ist ein bisschen frech. Wenn ich die Einträge in englischsprachigen Technikforen richtig verstehe, dann ist für das Verschwinden meiner Freunde neben Mark Zuckerberg (der immer schuld ist) ein Algorithmus verantwortlich, der von Facebook geheim gehalten wird. Unter einem Algorithmus muss man sich eine Formel vorstellen, die entscheidet, welche Daten wichtiger oder unwichtiger sind als andere. Zum Beispiel könnte Facebook festlegen, dass vor allem Neuigkeiten solcher Freunde angezeigt werden, die ebenfalls in Berlin leben. Oder kurze Sätze schreiben. Oder blond sind.

Mir kam ein anderer schlimmer Verdacht: Facebooks Algorithmus stuft solche Freunde als relevanter ein, bei deren Nachrichten man häufig auf "Gefällt mir" klickt. Dies bevorzugt dann diejenigen, die überwiegend lustige und unterhaltsame Nachrichten schreiben. Verfasser ernster Posts werden dagegen herabgestuft. Bei einem Bericht über krebskranke Kinder klickt schließlich keiner auf "Gefällt mir". Logisch, dass so ein Algorithmus dabei helfen soll, den Strudel der Informationen zu sortieren. Aber wenn enge Freunde und die eigene Schwester ausgeblendet werden, läuft bei Facebook doch etwas schief, oder?

Sebastian Leber.
Sebastian Leber, Autor der Sonntags-Redaktion.Foto: Mike Wolff

Ich habe den Konzern jetzt angerufen. Ein Sprecher erklärte höflich, ich sei nicht der Einzige, der über verschollene Freunde klage. Dass an der Zusammensetzung des Algorithmus immerzu gearbeitet werde. Und dass die geheime Formel aus sagenhaften 100 000 Faktoren bestehe! Einer davon sei beispielsweise, dass neue Freunde Relevanzvorschuss erhielten, ihre Beiträge also bevorzugt angezeigt würden - weil man sich ja für diese Person aktuell interessiere. Auch Intensität spiele eine Rolle. Wenn mich dieser Stéphane nur häufig genug einlade, begünstige das seine Nacktparty-News.

Facebook will das Problem bald beheben. Ein neuer Knopf soll ermöglichen, dem Unternehmen mitzuteilen, von welchem Freund man künftig weniger erfahren möchte. Wenn ich diesen Knopf nur oft genug drücke, taucht am Ende vielleicht sogar wieder meine Schwester auf. Fast hätte ich übrigens zum Telefon gegriffen und die verschwundene Steffi angerufen. Ich war dann aber doch zu faul.

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