Architekt Volkwin Marg : Stadien: Kathedralen des Fußballs

Er baute in Durban, Warschau, Manaus, Berlin – Volkwin Marg hat es als Architekt von Stadien zu weltweitem Ruhm gebracht. Ein Gespräch zur EM.

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Der Fotograf Heiner Leiska hat faszinierende Aufnahmen von den Stadion-Modellen von Gerkan, Marg und Partner gemacht. Hier zu sehen: das Moses-Mabhida-Stadion in Durban.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Heiner Leiska.
06.07.2016 16:22Der Fotograf Heiner Leiska hat faszinierende Aufnahmen von den Stadion-Modellen von Gerkan, Marg und Partner gemacht. Hier zu...

Herr Marg, die EM in Frankreich ist das erste Fußballturnier seit Jahren, das ohne ein Stadion von Ihnen stattfindet. Interessieren Sie die Spiele dann überhaupt?

Oja. Genau so wie unsere Architekten es tun – ich bin quasi deren Trainer. Ich finde es absolut faszinierend, wie Massen in einem Stadion bewegt werden. Wie sie sich motivieren lassen. Und na klar, es ist auch ein Vergnügen zu sehen, wie zwei Horden auf dem Spielfeld versuchen, jeweils den Hauseingang des anderen zu stürmen.

Kennen Sie die französischen Stadien ein bisschen?
Die in Nîmes und Arles kenne ich natürlich, ...

Wir meinten eigentlich nicht die antiken Arenen.
… gut, das hat mit meinem gesellschaftspolitischen Interesse zu tun. Ich stelle mir vor: Was ist dort damals passiert? Bei den alten Griechen fanden in Stadien paramilitärische Vergleichskämpfe statt, von denen unsere olympischen Sportarten stammen. Bei den Römern, auch in Südfrankreich, war das anders. Das waren Showveranstaltungen für den Plebs: grausame Tierhatzen oder Gladiatorenspiele auf Leben und Tod, zur kollektiven Triebabfuhr und Ruhigstellung der Massen. Auch in modernen Stadien ist das Wichtigste das Spektakel. Das Bewusstsein des Einzelnen verschwimmt in kollektiven Emotionen.

Volkwin Marg, 79, zählt zu den wichtigsten deutschen Architekten: Seit 1965 betreibt er mit Meinhard von Gerkan das Büro GMP in Hamburg.
Volkwin Marg, 79, zählt zu den wichtigsten deutschen Architekten: Seit 1965 betreibt er mit Meinhard von Gerkan das Büro GMP in...Foto: Mike Wolff

Sie klingen, als wären Sie Soziologe, nicht Architekt.
Architektonische Erfahrungen aus den alten Stadien sind wichtig. Das Kolosseum in Rom konnten sie in fünf Minuten vom Publikum leeren. Das ist doch perfekt.

Wenn Sie mal an die Gegenwart denken: Beeindruckt Sie eines der EM-Stadien besonders?
Das Stade de France in Paris, ein ganz starker Bau. Das Faszinierende sind die mobilen Untertribünen. Herausgefahren erlauben sie die Einengung auf das Fußball-Spielfeld, oder eingefahren die Veranstaltung von Leichtathletik. Die Quadratur des Kreises ist da gelungen.

Die „FAZ“ nennt Sie den „Champion der Stadionarchitektur“. Sie haben das Berliner Olympiastadion modernisiert, in Köln und Frankfurt gebaut, in Südafrika, Brasilien, China, Polen, Ukraine und Russland. Gehört es zu Ihrem Berufsethos, jede dieser Arenen einmal vollbesetzt zu besuchen?
Ja. Aber Stadien müssen entweder ganz voll sein – oder ganz leer.

Bitte?
Natürlich! Ich bin doch auch tief berührt, wenn ich in eine leere Kathedrale trete. Von Menschen gebaute Weite und Höhe ist imposant, der Mensch ist winzig, der Raum riesig, dies Pathos erzeugt Demut.

Was braucht es architektonisch, damit in einem Stadion Stimmung aufkommt?
Da sind wir wieder bei Kathedralen. Eine Predigt soll auch ohne Mikrofon verstanden werden. Und was hat man deshalb über der Kanzel gebaut? Einen Schalldeckel. Im Stadion bauen wir dafür ein Dach. Das gibt diesen Badezimmereffekt, der viele Leute dazu bringt zu singen. Es kommt allerdings aufs Maßhalten an. Im Münchner Stadion ist der Schallpegel so knallig, dass man Probleme hat, Lautsprecherdurchsagen zu verstehen. Sowas lässt sich akustisch verbessern. Die zweite Netz-Membran unter dem Dach des Berliner Olympiastadions wirkt dämpfend, anders als das Blechdach in Dortmund, das reflektiert knallhart.

Dortmund ist bekannt für die einzigartige Atmosphäre in der Südtribüne. Auch, weil die so steil ist?
Je steiler man es macht, desto intensiver wird die Atmosphäre. Mit 36, 37 Grad sind dort, wie auch von uns in Köln gebaut, die zulässigen Steigungen ausgereizt. Wenn eine Masse am Steilhang in Bewegung kommt, droht eine Lawine. Ab einer bestimmten Steilheit müssen Sie deshalb Wellenbrecher einbauen. Lieber versuchen wir, ohne diese Bügel vor jeder Sitzreihe auszukommen, also das Optimum auszuloten zwischen Steilheit und größtmöglicher Sicherheit.

In der Halbzeitpause drängen dann alle nach draußen, wollen sich ein Würstchen holen oder schnell auf die Toilette. Gibt’s eine Faustregel, wie viele Pinkelbecken auf 100 Zuschauer kommen müssen?
Nicht so sehr die Anzahl der WCs oder der Würstchenbuden ist entscheidend, sondern vor allem deren Nähe. Je zentraler sie an den Ein- und Ausgängen liegen, desto besser. Es gibt Empfehlungen der Fifa, die wir – aufgrund unserer Erfahrungen beim Olympiastadion – entwickelt haben. Berlin hatte eine Pilotfunktion. Wir haben auch Paniksimulationen getestet und in Entfluchtungskonzepte umgesetzt, obwohl der historische Bau schon ziemlich sicher war. Ältere Stadien sind ziemlich beengt. Im Olympiastadion mussten wir teilweise mit 75 Zentimeter Sitztiefe auskommen, in unserem Neubau für Warschau sind es dagegen 85 bis 90 Zentimeter. Die Ausrichtung des Berliner Stadions stimmt übrigens auch nicht.

Was meinen Sie?
Heute baut man in Nord-Süd-Richtung: Also Tore im Norden und Süden, Haupttribüne im Westen. So werden Spieler, Fernsehkameras und Presse am wenigstens von der Sonne geblendet. Das Berliner Stadion hat noch die alte Ost-West-Ausrichtung. Immerhin gibt das beim Abschluss der Pokal-Endspiele schöne Bilder, wenn die untergehende Sonne durch das Marathon-Tor leuchtet.

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