Architektur im Blickpunkt : „Stararchitekten sind nur der Sahnekringel“

Beim Bauen muss man in großen Zusammenhängen denken, Oslos neue Oper beweist das. In Berlin sieht das Ehepaar Kristin Feireiss und Hans-Jürgen Commerrell viel Filz und Provinzielles

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Foto: Mike Wolff
25.03.2015 13:18Kristin Feireiss und Hans-Jürgen Commerell.

Frau Feireiss, Sie sind die erste Deutsche in der Jury des Pritzker-Preises, der als Nobelpreis für Architektur gilt. Dieses Jahr wird der Stuttgarter Frei Otto damit ausgezeichnet, der vor zwei Wochen mit 89 gestorben ist, kurz vor der offiziellen Bekanntgabe.

Feireiss: Die Entscheidung fiel im Januar, zum Glück hat er es noch erfahren. Frei Otto war Forscher, Erfinder, Visionär und ein begnadeter Lehrer, plante nachhaltig, als noch niemand dieses Wort benutzte. Schon vor einem halben Jahrhundert legte er großen Wert auf die Zusammenarbeit im Team, was heute wichtiger ist denn je, hat mit seinen Innovationen wie beim Leichtbau Generationen junger Architekten beeinflusst. Baumeister wie Richard Rogers, Shigeru Ban oder Zaha Hadid berufen sich auf ihn. Frei Otto war seiner Zeit immer weit voraus – jetzt holt ihn die Zeit ein. Dass seine Bedeutung für die Architektur in Deutschland nicht angemessen anerkannt wurde, hat ihn oft traurig gemacht. Er hat den Preis als Bestätigung seines Lebenswerkes empfunden.

Sie selbst wurden von der niederländischen Königin zur Ritterin geschlagen, das Bundesverdienstkreuz haben Sie bekommen, einen Ehrendoktortitel ...

Feireiss: ... und Mitglied der Pritzker-Preis-Jury zu sein ist für mich eine besondere Auszeichnung: weil ich dort aktiv sein kann. Das ist eine Gruppe sehr kultivierter Menschen, nicht nur aus der Architektur. Stephen Breyer zum Beispiel, Richter am US Supreme Court – ein brillanter Geist! Ich nehme ja an vielen Jurys teil, aber leider geht es oft um Eitelkeiten, da bleiben die Inhalte gern mal auf der Strecke. In der Pritzker-Jury sind alle über dieses Stadium hinaus, das ist sehr angenehm. Am Ende will man zusammen etwas Sinnvolles bewirken, reagieren auf das, was passiert in der Welt.

Und, was ist die Botschaft?

Feireiss: Dass es heute nicht allein um ikonografische Architektur geht, um Leuchtturmprojekte, sondern um gesellschaftliche Verantwortung. Frei Ottos Entwürfe stehen im Einklang mit der Natur und dem Menschen, seine Architektur war immer von einer demokratischen Grundhaltung geprägt. Traumatisiert von der Nazizeit, wollte er Gebäude schaffen, die das Gegenteil von monumental sind. Nicht für die Ewigkeit bauen, sondern leicht, der jeweiligen Zeit entsprechend. Seine Erfindungen hat er nie als sein Eigentum betrachtet, keine Patente angemeldet. Er wollte sie mit allen teilen.

Den Pritzker-Preis gibt es seit gut 30 Jahren ...

Feireiss: ... in denen sich das Bild des Architekten sehr verändert hat. Natürlich wird es immer Stararchitekten geben, sie sind wie der Sahnekringel auf der Torte. Aber die Zukunft gehört der Generation, die im Team, mit unterschiedlichsten Perspektiven und Expertisen, die immer komplexeren Aufgaben in Architektur und Stadtgestaltung angeht.

Commerell: Das erkennt man schon an den Namen der Büros. Früher wurden sie in der Regel nach einem oder zwei Architekten benannt, heute wird der Name mitunter zum Programm: „Feld22“, „Morphosis“, Coop Himmelblau, „Alles wird gut“... Die machen sich einen Spaß aus der Namensgebung und schaffen trotzdem Identität.

Sie setzen sich seit Jahrzehnten für moderne Architektur ein und wohnen in einem Kreuzberger Altbau!

Commerell: Nicht ganz, das hier oben ist ein Dachausbau.

Feireiss: Mir sind die meisten Neubauten zu niedrig, da stellt sich kein Raumgefühl ein. Auch die Ecken und Winkel würde ich vermissen. Außerdem gab’s damals in Kreuzberg keine attraktiven Neubauten. Das ist heute anders.

Commerell: Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von guten, auch erschwinglichen Beispielen in Berlin. Häufig sind das Baugruppen, bei denen die beteiligten Architekten mitunter Developer, Bauherr und Nutzer in einem sind.

Bei Aedes haben Frank Gehry, Peter Eisenman, Rem Koolhaas und Daniel Libeskind ausgestellt, lange bevor sie die Stars wurden, die sie heute sind.

Feireiss: Peter Cook meinte einmal: Ihr habt den richtigen Riecher. Unsere Motivation, ein solches Experiment zu wagen, war unser Interesse an Architektur, an der Umwelt, in der wir leben. Und wir wollten eine möglichst große Öffentlichkeit interessieren dafür. Die Basis der Ausstellungsarbeit war von Anfang an eine ganz persönliche Sache, eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Architekten, aus der oft lebenslange Freundschaften wurden. Wir waren damals ein ganz kleiner Laden – meine Partnerin Helga Retzer, die 1984 tödlich verunglückt ist, und ich –, jeder musste mit anpacken. Viele Architekten haben bei uns zu Hause gewohnt, um das Hotel zu sparen, aber auch, weil es einfach netter war. Das ist oft heute noch so. Das gegenseitige Vertrauen ist das Wichtigste. Und natürlich die Begeisterung für die Sache.

In einer Galerie wird normalerweise Kunst verkauft.

Feireiss: Uns ging es nie um die Präsentation von Architekturzeichnungen als Kunstobjekte, sondern um den Entwurfsprozess von der Skizze bis zum fertigen Gebäude in seiner Umgebung. Wir wollen deutlich machen, dass die gebaute Umwelt alle angeht. Dass wir mitverantwortlich dafür sind.

Commerell: Inzwischen sind die Themen allerdings viel komplexer und globaler geworden, nicht nur für Architekten. Deswegen haben wir vor sechs Jahren mit dem Aedes Network Campus noch eine breitere Plattform zur Diskussion gegründet.

Was ist gute Architektur?

Feireiss: Schwere Frage! Jedenfalls alles, was eine lebendige Stadt ausmacht: Vielfalt, Offenheit, Dynamik, das Reagieren auf gesellschaftliche Entwicklungen. Wichtig ist, dass Gebäude nicht als Monolithe in der Gegend rumstehen, sondern auf die Umgebung reagieren, zu neuen Aktivitäten anregen.

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