Artenschutz in Afrika : Hilferuf der Wildnis

Es ist eines der größten Naturreservate der Welt: das Selous in Tansania. Jetzt drohen Wilderei, Uranminen und ein Staudamm, die Region für immer zu zerstören. Wie können die Tiere und der Busch überleben?

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Perfekte Savanne. Soweit das Auge reicht und über den Horizont hinaus bietet das Selous wilden Tieren Bewegungsraum.
Perfekte Savanne. Soweit das Auge reicht und über den Horizont hinaus bietet das Selous wilden Tieren Bewegungsraum.Foto: Kai Müller

Der Hang ist steil, und der Jeep heult auf, bläst blaue Abgasschwaden in den Busch. Sie legen sich wie Morgennebel über die Landschaft. Meter um Meter rollt der Wagen über Steine, jeden einzelnen überwindend und weiter empor. Hebelt die Insassen aus ihren Sitzen. Lässt sie sich festkrallen. Der Ausblick oben bei Sonnenaufgang soll es wert sein.

Dann ist die Anhöhe erreicht. Und richtig. In der Ebene schlängelt sich der Rufiji-Fluss durch sein breites Bett und glüht im Widerschein des Morgenhimmels wie ein Lavastrom. Als würde er direkt aus der Sonne fließen.

Johannes Kirchgatter deutet auf das, was unter ihm liegt und sagt etwas sehr Dramatisches: „Hier hat es angefangen mit der Menschheit.“

Unter ihm liegt eine Wildnis, die sich weiter als der Horizont und über viele tausend Quadratkilometer ausbreitet. Der Mensch hat sich vor sehr langer Zeit von hier zurückgezogen. Oder er wurde vertrieben. Als die ersten Europäer das Gebiet 1858 durchquerten, wunderten sie sich über die dünne Besiedelung. Die deutsche Kolonialverwaltung richtete 1905 erstmals Wildschutzgebiete ein. Die Einheimischen nannten das Land fortan „Land der Ehefrau“, weil der Kaiser es seiner Frau geschenkt hatte.

Großwildjäger Frederick Selous starb in einem Hinterhalt

Im Ersten Weltkrieg war die Region Schauplatz einiger Scharmützel zwischen britischen und deutschen Truppen, die zu nichts weiter führten, als dass im Januar 1917 der seinerzeit berühmte englische Großwildjäger Frederick Selous mit einem von ihm angeführten Haufen geradewegs in den Hinterhalt des Gegners lief und von einem deutschen Scharfschützen getötet wurde. Nach ihm wurde das Schutzgebiet benannt, als die Briten Ostafrika übernahmen. Er hatte mehrere Bücher über seine „sportlichen“ Jagd-Expeditionen ins Landesinnere geschrieben. Vor allem sein Bericht "A Hunters Wanderings in Africa" soll die Romanfigur Allan Quatermain angeregt haben.

Selous‘ Grab befindet sich auf einem Hügel, von dem aus man in das prächtige Land überblicken kann. Doch verdankt das Reservat vor allem C.J.P. Ionides seine beträchtliche Ausdehnung. Der frühere britische Armeeoffizier weigerte sich in den 30er Jahren, die Einheimischen gegen die Tiere zu verteidigen, die ihre Hütten beschädigten, das Vieh attackierten. Er sagte, dass sie sich besser woanders hin begeben sollten und bediente sich 1936 geschickt einer ausbrechenden Epidemie der Schlafkrankheit unter der Landbevölkerung, um die Grenzen des Schutzgebiets immer weiter auszudehnen. Heute findet sich in ganz Afrika keine Fläche, die größer und reicher an Tieren, Pflanzen, Landschaften wäre – und ärmer an Menschen. Fünf Prozent des tansanischen Staatsgebiets bedeckt sie, was den Ausmaßen Bosnien-Herzegowinas entspricht, 51 000 Quadratkilometer Steppe, Savanne und bis heute nahezu unbekannt.

Als Verkehrsmittel dienen Buschflieger, die von simplen Pisten starten und den Selous mit Daressalam verbinden. Flugzeit: 70 Minuten.
Als Verkehrsmittel dienen Buschflieger, die von simplen Pisten starten und den Selous mit Daressalam verbinden. Flugzeit: 70...Foto: Kai Müller

Denn trotz seiner Nähe zur Millionenmetropole Daressalam ist das Selous Game Reserve (SGR) weitgehend unerschlossen geblieben. Obwohl es dreimal so groß ist wie die Touristenattraktionen im Norden, Serengeti und Ngorongoro-Krater, ist sein Reiz vielen nicht bekannt. Im vergangenen Jahr kamen 25 000 Besucher, was nur ein Viertel des touristischen Aufkommens der berühmten Nationalparks ausmacht. Und die allermeisten waren Einheimische, die um diese Attraktion wissen. Der Zugang zu dem Reservat ist auch stark reglementiert. Nur einige Lodges bieten Unterkünfte an, Buschflieger landen auf notdürftig befestigten Pisten.

Es ist leicht, an einem Ort wie diesem vom Ideal einer Topografie zu schwärmen, in der sich der Mensch entwickelte. Von allem scheint es an diesem Ursprungsort im Übermaß zu geben und alles ist bis heute über Nahrungsketten und Ko-Evolution miteinander verknüpft. Auch Kirchgatters Gehirn hinter der hohen, blassen Stirn ist mit dieser Natur wie verschmolzen. Als Afrika-Experte des WWF hat er viel Zeit in dieser Gegend verbracht. Man merkt es an der Emsigkeit, mit der der Biologe und Geograf ihre Details studiert und ständig fremdartige Vögel mit dem Fernglas aufspürt. Manche schillern in Metallic-Farben wie lackiert.

Radioaktive Abwässer könnten die Region verseuchen

Es gibt Palmenhaine an sumpfigen Tümpeln und von Schirmakazien überdachte Weiten. Laubwälder, die kahl und rostrot auf die Rückkehr des Regens warten. Während Elefanten mit ihren Füßen im Sand trockengefallener Wasserläufe nach Feuchtigkeit scharren. Stattliche Büffelherden wirbeln Wände aus Staub in den Himmel. Die Weiten sind so reich an Zebras, Löwen, Warzenschweinen, Giraffen, dass Kirchgatter hier eines der edelsten Schöpfungsprinzipien erfüllt sieht: die „Produktivität“ einer sich selbst überlassenen Natur. Er kann nicht glauben, dass man eine so vollkommene Landschaft zerstören wolle.

„In den nächsten drei Jahren wird sich die Zukunft des Selous entscheiden“, sagt der 44-Jährige.

Johannes Kirchgatter, Afrika-Experte des WWF, ist ein Kenner der Wildnis und glaubt an die "Produktivität" einer sich selbst überlassenen Natur.
Johannes Kirchgatter, Afrika-Experte des WWF, ist ein Kenner der Wildnis und glaubt an die "Produktivität" einer sich selbst...Foto: Kai Müller

Noch so ein dramatischer Satz. Erst Jahrtausende der Menschwerdung, dann drei Jahre bis zum Ruin? Den befürchten Naturschützer, sollte die Regierung Tansanias alte Pläne wieder aufgreifen und stromaufwärts einen gigantischen Staudamm hochziehen, wie sie das in Konzeptpapieren immer wieder ankündigt. Ein enger Canyon des Rufiji würde sich anbieten für das Betonbollwerk und der Fluss über 1000 Quadratkilometer aufgestaut werden. Wie ernsthaft das Projekt verfolgt wird, ist unklar. Die Regierung betont, ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit durch Wasserkraft ausbauen zu wollen. Der Damm am Rufiji würde mit einer erwarteten Leistung von 2.100 Megawatt das Doppelte des jetzigen Stromaufkommens liefern. Stromtrassen würden die Landschaft überspannen, es würden breite Schneisen durch die Galeriewälder geschlagen, Straßen gebaut, Arbeiter und technisches Personal angesiedelt, der Wasserstand des Flusses würde technisch gesteuert, Nebenarme austrocknen. Und das wäre nur der Anfang.

Denn auch im Erdreich des Selous lagern große Schätze. Die Regierung hat Schürfrechte an zahlreiche Firmen vergeben, die sich die Erdgas- und Ölvorkommen sichern wollen. Zurzeit existieren diese Konzessionen nur auf dem Papier. Doch eine Uranmine im südlichen Abschnitt des Reservats hat bereits mit Probebohrungen begonnen. Sie ist in Besitz der russischen Atomwirtschaft, und die lässt sich Zeit mit der Förderung. Das könnte mit dem derzeit unsicheren Bedarf an diesem Rohstoff zusammenhängen. Die Risiken sind hoch: ausgerechnet an einem Oberlauf des Rufiji soll das radioaktive Material aus dem Gestein gespült werden – ähnlich wie beim Fracking. Nicht auszudenken, welche Folgen Unfälle und unvermeidliche Abwässer für das Flusssystem hätten.

Wie passt das zusammen mit einem Naturreservat?

Seit der Homo Sapiens vor mindestens 60 000 Jahren aus den ostafrikanischen Savannen aufgebrochen sei, sagt Kirchgatter, wolle der Mensch in diese, seine Ursprungsgefilde zurück. „Wir suchen und bauen diese für uns ideale Landschaft bis heute in unseren Parks und Gärten nach; mit offenen Grasflächen, Büschen und alleinstehenden Bäumen, mit Aussichtspunkten und Wasserflächen.“

Kirchgatter sagt das auf eine Weise, dass es wie ein Echo auf ein sehr altes Gefühl klingt. Ernest Hemingway hatte 1934 bei seinem Tansania-Trip dieselbe Sehnsucht gespürt: „Alles, was ich jetzt wollte, war nach Afrika zurückkehren“, dachte er, während er es noch gar nicht verlassen hatte. Er lag immer noch in seinem Safari-Zelt, wälzte sich auf seiner Pritsche, lauschte den Geräuschen des Landes „bereits voller Heimweh danach“.

Was kann diese Sehnsucht nach dem Ursprünglichen ausrichten gegen das Verlangen nach Fortschritt? Ist sie nicht bloß ein sentimentales Gefühl?

„Jede Wildnis ist sicher, solange nicht eine Menge Geld aus ihr herauszuholen ist“, befand Peter Matthiessen Anfang der 80er Jahre in seinem Reisebericht „Sand Rivers“. Der renommierte US-Autor durchquerte das Selous zu Fuß. Damals griff eine erste Wildererwelle nach dem Elfenbein und Matthiessen sah das Paradies bereits dem Untergang geweiht. Nun also Minen, Bohrlöcher und ihre giftigen Abraumhalden, Beton, Turbinen, Stromleitungen, asphaltierte Highways.

Schon würden die in der Uranmine beschäftigten einheimischen Hilfskräfte heimlich Bruchstücke des „Yellow Cake“ aus dem Bohr-Camp schmuggeln und bei sich zu Hause unter dem Bett horten, erzählt ein Gewerkschaftsaktivist in Songea. Die Leute erwarteten, fährt er fort, das in dem brüchigen Gestein gebundene Uran selbst am Markt verkaufen zu können, sobald die Förderung einsetze. Über den Unsinn eines solchen Vorhabens und die Gefahren radioaktiver Strahlung habe die Minenarbeiter niemand aufgeklärt, sagt der Aktivist. Er wird einige Wochen später in Malawi verhaftet und verbringt vier Monate in Haft, nachdem er wegen unerlaubten Zutritts zu einer Uranmine verurteilt wird.

Der Rufiji bahnt sich den Weg zur "Moskitoküste" Tansanias. Der Teil links vom Ufer ist Safari-Touristen vorbehalten, rechts liegen die Blöcke für Großwildjäger.
Der Rufiji bahnt sich den Weg zur "Moskitoküste" Tansanias. Der Teil links vom Ufer ist Safari-Touristen vorbehalten, rechts...Foto: Kai Müller

Die Unesco hat das Weltnaturerbe Selous als „gefährdet“ eingestuft. Sie hat hingenommen, dass Tansania das Uranfördergebiet aus dem Reservat herausgestanzt hat, als gäbe es dafür eine eigene Schablone. Die deutsche Regierung überweist 18 Millionen Euro dafür, dass Flora und Tierwelt besser geschützt werden. Die Industrialisierung des Selous und der Verlust des Welterbe-Status’ hätte ein Ende dieser Förderung zur Folge. Für Kirchgatter ist dieses deutsche Steuergeld ein wichtiges politisches Argument in seinem Kampf.

Droht hier eine weitere afrikanische Tragödie, in der ein Land im Streben nach industriellen Ressourcen das Wertvollste zerstört, was es hat, und nach ein paar Boom-Jahren ausgeplündert dasteht? Oder ist das die Sicht europäischer Romantiker, die den Zukunftsplänen der einheimischen Eliten misstrauen? Wie misst man den Wert einer Wildnis?

Der Doktor glaubt an den wirtschaftlichen Fortschritt

„Abgeschnitten.“ Dieses Wort fällt Matomora Matomora ein, wenn vom Selous die Rede ist. Er stammt aus der Region südlich des Reservats, die zu den ärmsten Tansanias zählt. Die Naturschützer seien daran nicht ganz unschuldig, meint der große, gewichtige Mann, den sie hier Doktor nennen. Matomora sitzt an einer mit bunten Tüchern bedeckten Tafel der freikirchlichen Einrichtung in Milonde, die er leitet, seine dröhnende Stimme füllt den Raum. Der 72-Jährige ist ein riesenhafter Kerl mit prächtigem Bauch und mächtigem Schädel, geboren nicht weit von Milonde „in einer Ecke des Buschs, in der eine Hütte stand“, sagt er. Mit pfälzischem Dialekt.

In den späten 60er Jahren gelangte er auf Vermittlung der Kirche nach Heidelberg, wo er Medizin studierte und promovierte. Schließlich kehrte er in seine Heimat zurück, die von jeher eine „ungemütliche Gegend“ gewesen sei, wie er erzählt. Ort des blutigen Maji-Maji-Aufstands gegen die deutschen Kolonialherren, vernachlässigt von den Briten und sämtlichen nationalen Regierungen seit der Unabhängigkeit 1961. Der Weg in die nächste größere Ortschaft nahm mehrere Tage in Anspruch. Medizinische Hilfe, technisches Gerät, alles sei schwer zu bekommen gewesen.

Ein Brummen wie von Hornissen kündigt an, dass sich daran gerade etwas ändert. Es ist das Brummen von Tanklastwagen, die über die ausgebaute Fernstraße am Kiuma-Gelände vorbeidonnern, um Wasser für den Straßenbau herbeizuschaffen. Durch diese Querachse vom Niassa-See im Westen zur „Moskitoküste“ am Indischen Ozean werden die Distriktstädte des Südens erreicht. Johannes Kirchgatter sieht den Nutzen der Straße, findet aber, dass durch ihren Bau ziemlich viel Erdmasse bewegt werde. Und leider führe sie direkt durch den „Korridor“, der den Selous mit den Reservaten im angrenzenden Mosambik verbinde.

Das Selous-Wildtierreservat hat die größten Elefantenherden Afrikas. Doch sie sind von Wilderei bedroht. Hier durchstreifen sie das Barackengelände der Reservatsverwaltung.
Das Selous-Wildtierreservat hat die größten Elefantenherden Afrikas. Doch sie sind von Wilderei bedroht. Hier durchstreifen sie...Foto: Kai Müller

Die Einheimischen, sagt der Doktor, seien vor den Schutzzonen da gewesen. „Im Korridor bewegen sich nur die Tiere, die sich verlaufen haben.“

Für Johannes Kirchgatter ist der Korridor dagegen eine Lebensader der Wildnis. Über sie, sagt er, finde der genetische Austausch der Selous-Populationen mit anderen Territorien statt. Wenn der Genpool und der zusammenhängende Lebensraum zu klein werden, können Krankheiten und der Klimawandel nicht mehr abgefangen werden. Eine Tierart nach der anderen werde verschwinden, so seine Befürchtung.

„Der junge Mann will mir weismachen“, sagt Matomora streitlustig, „dass wir in dieser Gegend einen Korridor dringender bräuchten als Straßen.“

Wilderer werden zu Wildhütern umgeschult

Den Arzt amüsiert der deutsche WWF-Mann mit seiner hohen Stirn und seinen hohen Idealen. In Kirchgatters Richtung sagt er: In all den Jahren, die er als Schüler im Busch unterwegs gewesen sei, habe er nie Großwild getroffen. „Es gibt so viele Löwen in den hiesigen Wäldern, aber den ersten habe ich 1966 im Hamburger Zoo gesehen.“

Was folgt, ist der Schlagabtausch zweier Entwicklungskonzepte. Kirchgatter glaubt an das ökonomische Potenzial der Natur. Der WWF bemüht sich in den südlichen Pufferzonen zum Selous, die einheimische Bevölkerung in das Schutzkonzept einzubinden. In „Wildlife Management Areas“ (WMA) genannten Bewirtschaftungszonen kümmern sich die Dorfbewohner um die sie umgebende Wildnis, pflegen und erhalten die Tierbestände auch als wirtschaftliche Ressource. Als Anreiz werden sie an den Einnahmen des angrenzenden Reservats und durch Jagdlizenzen beteiligt. Das klappt mancherorts gut. Doch nicht in allen Gebieten profitieren die Dörfer von den Ausschüttungen. Die Einnahmen schrumpfen seit Beginn der Finanzkrise deutlich, besonders am abgelegenen Südrand des Reservats, wo die Ausschüttungen seit 2008 von bis zu 22000 Dollar im Jahr auf 3000 zusammengeschmolzen sind.

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