Aufgemotze Schönheit : Pixel im Gesicht

Schmale Taille, blaue Augen, weiße Haut – per Computer wird der weibliche Körper seiner Individualität beraubt. Dagegen formiert sich Widerstand.

Nicole Althaus
Original und Fälschung: So hilft Photoshop, Gesichter zu retuschieren.
Original und Fälschung: So hilft Photoshop, Gesichter zu retuschieren.Foto: vladimirfloyd/ Fotolia

Das Bild, das auf Facebook seit Anfang September immer wieder gepostet und geteilt wird, zeigt entblößte weibliche Brüste. Große, kleine, spitze, runde, asymmetrische, pralle, schlaffe, kranke Brüste, solche mit stehenden oder flachen Warzen und von ganz unterschiedlichen Hauttönen. 100 Frauentorsos von vorne, aus der immer gleichen Distanz vor grauem Grund fotografiert und zu einer Galerie montiert, welche die anatomische natürliche Vielfalt der sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale abbildet.

Zu viel Natur für Facebook. Im sozialen Netzwerk dürfen pornografisch inszenierte „Awesome Tits“ oder künstlich vergrößerte „Hot Tits“ geliked werden, wer aber die nackte Wahrheit auf dem Bild der britischen Künstlerin Laura Dodsworth teilt, wird abgemahnt. Facebook bestätigt damit das, was die Fotografin in dem Projekt „Bare Reality“ anklagt: „Das Netz ist voller weiblicher Brüste. Aber sie sind digital manipuliert und verdrängen die Natur.“

Tatsächlich ist das Schockierende an „Bare Reality“ nicht die Fülle an entblößtem Fleisch, es ist die Erkenntnis, wie sehr man sich an die weichgezeichneten Brüste aus der Werbung gewöhnt hat. Wenn die Schönheit im Auge des Betrachters liegt, muss die Medien- und Schönheitsindustrie ernsthaft kurzsichtig sein und an einem schweren Fall von Tunnelblick leiden, der nur eine einzige Gestalt wahrnimmt: die junge, schlanke, weiße, wohlproportionierte Frau.

Nichts hat sich so schnell und erfolgreich globalisiert wie das Schönheitsideal des Westens. Ob in New York, Schanghai oder Berlin, auf den Leuchtreklamen begegnen wir einer einzigen Körperform. In Magazinen lächeln uns dieselben makellosen Gesichter entgegen. Im Netz hat sich der uniforme Idealkörper geradezu epidemisch verbreitet: Auf dem Fotodienst Instagram werden pro Sekunde 58 neue Bilder hochgeladen, auf Facebook erscheinen pro Tag 300 Millionen neue Fotos. Die Hälfte aller im Internet verfügbaren Bilder, so schätzen Experten, sind Körperbilder. Mehrheitlich nackte Frauen sind darauf zu sehen, denn ein Drittel des Inhalts im Internet besteht aus sogenanntem „Sexcontent“.

Das digitale Zeitalter hat die Ikonografie des Körpers nicht erweitert, wie man in der anfänglichen Euphorie noch gehofft hatte, sondern radikal verengt. Noch im letzten Jahrhundert konnte man in Modezeitschriften zwar immer wohlproportionierte, aber zumindest unterschiedliche Frauenfiguren antreffen. Heute sind es bloß Varianten des immergleichen Körpers: der schmalhüftigen, langgliedrigen, ordentlich rasierten Gazelle.

Das abendländische Schönheitsideal setzt sich über Kulturen hinweg und merzt ethnische Varianten aus: Ein Beweis dafür sind die Augenlidoperationen, mit denen sich Asiaten ein westliches Aussehen erkaufen. Unter den Koreanerinnen sind es geschätzte 50 Prozent der jungen Frauen, die sich unters Messer legen, um nicht mehr auszusehen wie Koreanerinnen. Es sind nicht mehr nur Starbucks und McDonald’s, Louis Vuitton und H&M, die das globale Straßenbild vereinheitlicht haben und Gefühle der Zugehörigkeit und Identität verkaufen. Es ist auch eine neue Gleichförmigkeit des Körpers entstanden.

„Die Körper-Monokultur nahm ihren Anfang in den 1980er Jahren“, sagt die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach, „damals haben sich die Frauen mehr Rechte und Platz im öffentlichen Raum erstritten und gleichzeitig die Hoheit über ihren Körper aufgegeben. Sie haben sich einem strikter werdenden Schlankheitsideal unterworfen.“ Die Autorin des Buches „Bodies. Schlachtfelder der Schönheit“ hatte einst Prinzessin Diana auf ihrer Couch wegen Bulimie behandelt. Schon vor Jahren hat sie davor gewarnt, dass die Bilder von Idealfiguren, die unseren öffentlichen und privaten Raum überschwemmen, die Sicht auf den Körper verstören.

Der Körper ist zum Fetisch geworden, zum Objekt, das kritisiert, gestaltet und verändert wird, als ob der Mensch ihn besitzen, nicht aber in ihm wohnen würde. Vererbte Gegebenheiten waren einmal – Nasen, Alterungszeichen, Pigmentfehler, ja selbst die Hautfarbe kann optimiert werden.

Die Entfremdung vom Körper, den wir kaum noch zur Arbeit gebrauchen, führt zu einer ständig besorgten Beschäftigung mit ihm. Egal ob wir ihn hassen oder lieben, ob wir ihn zur Schau stellen oder verstecken – es gibt keinen Umgang mehr mit unserer äußeren Form, die sich nicht definierte durch die Abweichung vom oder die Übereinstimmung mit dem Körperideal, auf das sich die Menschheit geeinigt hat. So ist das Körperempfinden für eine wachsende Zahl von Frauen und neuerdings auch Männern zu einem frustrierenden Akt der Selbstvergewisserung geworden.

Noch nie wurde am Körper so hart gearbeitet, noch nie waren so viele Menschen mit ihm so unzufrieden. „Die Übersexualisierung des Körpers“, so Orbach, „ist ein Versuch, ihm eine direkte ungefilterte Erlebbarkeit zurückzugeben.“ Die Psychoanalytikerin ist davon überzeugt, dass der Körper im neuen Jahrtausend zum Kampffeld geworden ist, das zu Freuds Zeiten die Sexualität eingenommen hatte: problematisiert und deformiert durch die früheste Interaktion mit Bezugspersonen und den Imperativen unserer Kultur. „Auf jeder Zigarettenpackung wird vor den Folgen des Rauchens für die Gesundheit gewarnt“, sagt Orbach. „Aber niemand warnt die Gesellschaft vor den Folgen des Einheitskörpers.“

Das könnte sich bald ändern. Schuld daran ist das Computerprogramm Photoshop, welches die Körpermonokultur befeuert und ins Absurde gesteigert hat. Die digitale Bearbeitung löscht den letzten Rest an individueller Abweichung. Längst nicht nur in der Werbebranche, auch auf Blogs, Instagram und Facebook wird retuschiert, korrigiert und manipuliert. Fünftausend Mal pro Woche, so wird geschätzt, werden wir mit digital bearbeiteten Körpern konfrontiert. Kein Muttermal, kein Pickel, keine Unebenheit dringt in das Bewusstsein des Betrachters.

„Die Kosmetik- und Modebranche photoshopt die Realität weg und kreiert Körperformen, die es physisch gar nicht geben kann“, sagt Henry Farid, Computerprofessor am College von Dartmouth, der auf digitale Forensik sowie Fotomanipulation spezialisiert ist. Er kämpft mit britischen Gesundheitsorganisationen im „Airbrush-Movement“ für eine offizielle Deklaration von manipulierten Fotos. Die ersten Erfolge konnte die Bewegung bereits verbuchen: Zwei Lancôme-Kampagnen, in denen Supermodel Christy Turlington und Hollywoodstar Julia Roberts bis zur Auflösung der Gesichtszüge weichgezeichnet wurden, sind 2011 im Königreich verboten worden.

Handfeste Fakten hat der Bewegung eine Studie in die Hände gespielt, die vor knapp einem Jahr im „International Journal of Eating Disorders“ erschienen ist. Es war der erste wissenschaftliche Versuch, das Webverhalten von Teenagern nach dem Konsum von manipulierten Bildern festzuhalten. Die Resultate trafen mitten in die hitzige Diskussion um das digital erschaffene Schönheitsideal „Oberschenkellücke“: Jugendliche, die Bilder von superschlanken Models auf Websites sahen, haben doppelt so oft nach den Stichworten „Anorexie“ und „Bulimie“ gegoogelt und mehr Websites angeklickt, auf denen Tipps zu finden sind, wie man anorektisch wird. Die Studie hat in Israel dem „Photoshop Law“ zum Durchbruch verholfen und in den USA der Lobby „Off our Chests“ Auftrieb gegeben, die dafür kämpft, manipulierte Bilder zu kennzeichnen.

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