Stettin ist ziemlich grün und blau

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Ausflug nach Stettin : Sinfonie einer Hafenstadt
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Die Hakenterrasse führt von der Oberstadt runter zur Oder.
Die Hakenterrasse führt von der Oberstadt runter zur Oder.Foto: imageBROKER/Dirk Renckhoff

Es braucht Zeit, um Stettin zu verstehen. Die sollte man sich unbedingt nehmen, denn die Stadt hält viele Überraschungen bereit. Eine davon ist das Pariser Viertel. Nach dem Vorbild der französischen Hauptstadt ließ Oberbürgermeister Haken breite Boulevards sternförmig anlegen, wurden Gründerzeit- und Jugendstilbauten errichtet, Villen gebaut. Im Unterschied zur engen Altstadt, die bei den Bombardements sofort Feuer fing, hat dieses Viertel überlebt.

Vor gut 100 Jahren wurde Stettin als „Hafen Berlins“ bezeichnet. Man kann ohne Weiteres von der Spree an die Oder schippern. Schneller geht’s freilich mit der Bahn: In zwei, zweieinhalb Stunden ist man da. Und wenn endlich, worüber seit Jahren geredet wird, die Strecke modernisiert würde, wäre es wohl nur eine Stunde. Mit der Bahncard 50 kostet ein VBB-Ticket sagenhafte 8,30 Euro – kaum mehr als eine Tageskarte der BVG.

Fast beschämt lauscht man als Berliner Stettin-Novize den Geschichten der Kulturschaffenden, die regelmäßig in die deutsche Hauptstadt fahren, welche ein paar hundert Kilometer näher liegt als die polnische. „Natürlich“ fährt Jedrzej Wijas vom Trafo, dem Zentrum für zeitgenössische Kunst, an die Spree, wenn er eine Gruppe wie U2 hören will. Berlin, so sagt er, ist Stettins Verbindung zur internationalen Kulturszene. In dem imposanten, drei Stockwerke hohen offenen Innenraum der umgebauten Transformatorenstation von 1912 läuft gerade eine Ausstellung des Berliner Künstlers Tobias Dostal. Demnächst wird hier „Made in Szczecin“ zu sehen sein, ein Überblick über die junge Kunstszene vor Ort.

Die Hälfte der Stadtfläche wird von Parks bedeckt

Der Fotograf Tomas Lazar setzt sich am Samstagmorgen mit seinen Freunden und dem Gruppenticket in die Bahn, um am Ziel durch Galerien zu laufen, was zu essen, zu trinken und abends zurückzufahren. Die Frage, warum er als preisgekrönter, global arbeitender Fotograf im abgelegenen Stettin lebt, versteht er nicht. Wenn er mal wieder einen Auftrag vom „Stern“ oder der „New York Times“ bekommt, fährt ihn eine Limo für 90 Euro zum Flughafen Tegel. Ansonsten kann er in der vertrauten Umgebung am besten entspannen, wie er im Café 22 erzählt, dem gerade modernisierten Aussichtslokal im 22. Stock eines runden Büroturms, das man unbedingt besuchen sollte. Nirgends begreift man den Aufbau der Stadt besser als von hier oben.

Oder Jaroslaw Bondar, der mit seiner Familie regelmäßig zum Museumsbesuch rüberfährt. Noch nach Jahrzehnten sichtbar beseelt, erzählt der 49-Jährige, was für ein Erlebnis es war, als Architekturstudent nach der Wende auf Exkursion nach Berlin zu gehen und mit den eigenen Händen einen Mies van der Rohe – die Neue Nationalgalerie – zu berühren: Die Moderne war den Sozialisten verhasst gewesen. Später hat er in Holland gearbeitet, Kontakte nach Brüssel und Gent geknüpft. Seit drei Jahren Stadtarchitekt von Stettin, betreibt Bondar nun das, was man in Berlin als behutsame Stadterneuerung kennt, mit Beteiligung der Bevölkerung, die auch vorschlagen und darüber abstimmen kann, was mit dem Geld aus ihrem eigenen Topf für Stadtverbesserungen passieren soll. Und vor allem treibt Bondar mit seiner Verwaltung in der liberal-konservativ regierten Stadt eine Vision voran: „Szczecin 2050 – floating gardens“.

Stettin ist nämlich ziemlich grün und blau. Mehr als die Hälfte der Stadtfläche wird von Parks, darunter der drittgrößte Parkfriedhof Europas, und von Wasser bedeckt. So werden sich im Sommer wieder die größten Segelschiffe der Welt zu den Tall Ship Races in Stettin einfinden. Beim letzten Mal kamen eine Million Besucher.

In Stettin weht ein europäischer Wind

Auf diesem Grün und Blau will man nun aufbauen. So wurde eine im Sommer extrem beliebte Promenade an der Oder angelegt, Radwege expandiert, eine neue fußgängerfreundliche Brücke soll in alte Industriegebiete führen, die peu à peu umgewandelt werden.

Die weiße Lobby der Philharmonie erinnert an einen Ozeandampfer.
Die weiße Lobby der Philharmonie erinnert an einen Ozeandampfer.Foto: imago/Eastnews

Stettin ist eine junge Stadt, mit einer lebendigen Café- und Restaurantkultur. Von den gut 400 000 Einwohnern sind 55 000 Studenten, die sich auf sechs staatliche und elf private Hochschulen verteilen. War die 15 Kilometer entfernte Grenze zu Mecklenburg in den 1970er Jahren noch fest verschlossen, überqueren sie einige Anwohner heute jeden Tag. Für den Preis einer Dreizimmerwohnung in Stettin, erzählte der deutschsprachige Stadtführer Marcin Kuta, bekommt eine junge Familie in Vorpommern ein ganzes Haus mit Garten.

Stettin ist nicht Bilbao. Aber die Architektur (zu der noch die Open-Air-Bühne eines Londoner Büros kommen wird) lockt neue Besucher an. Für die neue Elbphilharmonie Karten zu bekommen, ist aussichtslos. Es lohnt sich, mal die Himmelsrichtung zu wechseln. Im goldenenen Saal der Stettiner Philharmonie spielen zwar keine Berliner Philharmoniker, aber ein solides Orchester unter der Leitung eines jungen Norwegers. In Stettin weht ein europäischer Wind.

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