Ausritt im Alpenvorland : Wie Sisi im Galopp

Wollte Sisi verreisen, gab es häufig nur das Pferd. Doch eine Kutschfahrt ist mitunter höllisch rasant. Hatte die junge Kaiserin womöglich Angst?

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Hü und Hott. Kaiserin Elisabeth von Österreich (Generationen vor allem in der Reinkarnation von Romy Schneider präsent) galt als sehr gute Reiterin.
Hü und Hott. Kaiserin Elisabeth von Österreich (Generationen vor allem in der Reinkarnation von Romy Schneider präsent) galt als...Foto: picture alliance

Als Franz Weingartner, hier in Österreich „der Weingartner Franz“ genannt, wieder auftauchte, war aus einem kleinen beschürzten Mann, der mit wässrigen Augen Braten und Klöße servierte, der Beherrscher zweier langhaariger Kaltblutmixpferde geworden, die mit einer Kutsche hinten dran um die Ecke gerannt und in einem furiosen Getöse kurz zum Halten kamen. „Einsteigen bitte“, sagte der Weingartner Franz.

Was folgte, sprach allen gängigen Assoziationen zum Begriff Kutschfahrt Hohn. Ich strich: romantisch, bisschen peinlich, langweilig. Und notierte: nichts für schwache Nerven.

Die beiden angeschirrten Schwergewichte wussten, Hügel rauf kommen sie nur mit Anlauf, und da das Gebiet um die zentralösterreichischen Kalkalpen an Hügeln nicht arm ist, wurde aus unserem Ausflug eine Art Sitz-Ben-Hur-Tour. Wenn zwei mal 800 Kilogramm Anlauf nehmen, geht’s ab. Dann knallen acht tellergroße Hufeisen aufs Ohrenbetäubendste über den Asphalt, und das Kutschengebälk ächzt in den Kurven, Fahrtwind peitscht um die Ohren, Taschen, Jacken und Kinder fliegen herum, und die Fahrleinen von Kutscher Franz sehen plötzlich aus wie lächerliche Bindfäden.

Was, wenn die Tiere sich damit nicht würden bremsen lassen?, schoss es mir durch den Kopf, und ich krallte die Hände in den Sitz.

Die Gegend hier gehört mit zum Sisi-Land

So geht mir das immer. Die Befürchtung, es könnte gleich etwas Unvorhergesehenes und auch völlig Unerwünschtes geschehen, ist mein ständiger Begleiter im Umgang mit Pferden, weshalb ich ihnen am liebsten in Stall und Halle begegne. Trotzdem saß ich nun hier auf den Spuren von Sisi – deren Reitkünste so legendär waren, dass ihnen derzeit eine Sonderausstellung in der Wiener Hofburg gewidmet wird –, hoch auf der rasenden Kutsche, hatte schon einen Blitzgalopp im Westernsattel in den Knochen und sollte noch einen sechsstündigen Ausritt und eine weitere Kutschfahrt unternehmen. Ich kam mir vor wie auf einer Therapiereise: Reizkonfrontation mit möglichst wenig Entspannungsmomenten. In der Medizin nennt man das Desensibilisierung.

An Bord der Kutsche normalisierte sich die Lage nach jedem Hügel. Die Pferde wurden langsamer, Taschen, Jacken und Kinder zurechtgerückt. Dass die Pferde so gut auf so wenig Zügel reagierten, sei doch das „Scheenste“, sagte Kutscher Franz mehrfach und nickte zufrieden. Ich ließ die schweißnasse Sitzbank trotzdem lieber nicht los.

Ich fragte mich: Wie war das früher, als die Leute nichts hatten außer Kutschen und Pferderücken? Hatte auch Sisi, die im Damensitz Jagden und Turniere bestritten haben soll, nicht manchmal doch heimlich Angst?

Denn die Gegend hier, durch die es ging, gehört mit zum Sisi-Land. Hier, wo wir auf säuberlich asphaltierten Sträßlein und vorbei an Wohlstandsbauernhöfen rumpelten, die verstreut im hügeligen Grün des Oberen Kremstals liegen, am Horizont immer begleitet von den hohen Silhouetten der oberösterreichischen Voralpen, war auch die Kaiserin zu ihrer Zeit unterwegs gewesen. Ein Gasthof, den sie damals aufgesucht haben soll, trägt darum ihren Namen.

Hatte die Kaiserin Herzrasen beim Aufsteigen auf ihre "Red Rose"?

Nicht der von Kutscher Franz, der heißt „Weindis Most- und Gartenschank“, aber der hätte es auch sein können, er steht seit 1745, und seit 1880 ist er im Besitz der Familie, wie Weingartner vergnügt erzählt. Dann aber wurden erstmal die Pferde ausgeschirrt, mit denen er die Kutsche zuvor rückwärts in den Schuppen eingeparkt hatte. Die Parkkünste von Franz sind berühmt im Alpenvorland.

Die nächste Reizkonfrontation wartete in der eine halbe Autostunde weiter südlich gelegenen Pyhrn-Priel-Region, die jeder immer falsch schreibe, wie der zuständige Tourismusmanager zu berichten wusste. Dort wurde durch den Nationalpark geritten, der seit zehn Jahren nunmehr sich selbst überlassen wird, um zu verurwalden. Als Wald hat der aber auch damals schon gestanden und wurde von Sisi, so ist es verbürgt, gestreift. War der Kaiserin ihr „Domino“ dabei ebenfalls viel zu schnell wie mir mein Pferd heute? Hatte sie Herzrasen beim Aufsteigen auf ihre „Red Rose“? Sah auch sie sich mit dem durchgedrehten Pferd verwilderte Klippen hinunterstürzen?

„Also los!“, sagte Manfred Schmidtleitner, 61 und der Chef von Gut Engshagen, das von seiner Familie bereits seit Generationen als Land-, Holzwirtschafts- und Reithotelbetrieb geführt wurde. Und er dreht sein Pferd um, weg von der Straße, hin zum Kiespfad in den Wald, hinein in die Berge. Wo kein Auto mehr fahren darf, dafür soll es dort mal einen Bären gegeben haben. Manfred erzählte von dem Streit, den die Naturpark-Pläne anfangs bei den Holz- und Landwirten ausgelöst hätten, die sich von Öko-Fans um ihre Existenz gebracht sahen. Weil der Borkenkäfer, der sich natürlich begeistert über das Totholz im Naturareal hermachte, kaum gehindert werden könnte, auch ihre Bäume anzunagen. Dafür sollte es jetzt Luchse geben.

Schnaps bekommt man überall im Reiturlaub in Österreich

Manfred arbeitet seit 15 Jahren an einem Reitwegekonzept für den Park. Von Sisi sprach er auch mal und voller Stolz. Doch die beschlagenen Hufe klapperten mächtig über den gekiesten Weg, der Bach sprudelte wild, und so kam manches nur in Fetzen bei mir an.

Nichts für schwache Nerven. Das Bild täuscht: Die Kutsche kann auch rasend schnell.
Nichts für schwache Nerven. Das Bild täuscht: Die Kutsche kann auch rasend schnell.Foto: promo

380 Kilometer Weg hätten sie ausgeschildert und versichert, drang irgendwann noch mal an mein Ohr. Und Manfred hat sie alle im Kopf. Als der Weg plötzlich endete, kannte er das Loch im Dickicht, durch das es jetzt weiterging. Steil bergauf, die Pferde mussten ein paar entschlossene Hüpfer machen, wir Reiter waren angehalten, uns vorzulehnen. Quasi SUV-Ritt über Stock und Stein. Mir gefiel vor allem, dass das Tempo des unebenen Bodens wegen gemächlich blieb.

Auf 1200 Metern Höhe fingen die Almen an, es wurde flacher – und es gab eine Rast zwischen Kühen und mit Schnaps. Schnäpse sind ein wichtiges Thema im Reiturlaub in Österreich. Man bekommt sie überall und immerzu, und manchmal riechen sie nach Tannennadeln.

Das Aufsitzen ging routiniert. Der Sattel war bequem, die Pferde trotteten hintereinander her. Wir trafen unterwegs Esel, immer wieder Kühe, Mountainbiker kamen uns entgegengestrampelt, und viele Wanderer waren unterwegs, die uns mit Blicken spüren ließen, was davon zu halten ist, wenn Menschen sich von Pferden den Berg hinauftragen lassen. Als sei Reiten nicht anstrengend. Und außerdem ist es viel gefährlicher!

Es näherte sich dann auch der Moment, in dem Manfred alle Erzählungen und Naturschwärmereien egal waren und er das Kommando gab, vor dem ich mich bis zuletzt gefürchtet hatte: Galopp!

Würde das eilige Pferd auf dem Pfad bleiben oder mit mir nach Wien durchbrennen, schlimmer noch: ohne mich? Wo würde es mich abwerfen, und was würde ich mir brechen? Könnte hier in den Bergen ein Notfallhubschrauber landen? War ich überhaupt versichert?

Ich kam mir vor wie ein Jockey und dachte, geht’s noch schneller?

Während die braune Stute im Dreitakt unserem Rittführer hinterherlief, rauschte mir das Blut in den Ohren. Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei. Ich saß immer noch oben, wir waren immer noch auf dem Pfad, eins-zwei-drei, eins-zwei-drei. Immer noch. Es schien nichts zu passieren.

Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei. Hach!

Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei. Hurra!

Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei, die Pferde liefen dahin, die Hufe machten Lärm, die Landschaft zog vorbei. Einmal traute ich mich sogar, das Pferd ein bisschen anzutreiben, da legte es ein bisschen zu, und ich kam mir vor wie ein Jockey und dachte, geht’s noch schneller? Da hob Manfred die Hand und die Pferde fielen zurück in den Trab. „Nichts passiert“, rief ich.

Ab jetzt war ich Cowboy, ich pfiff auf Sisi und ihre möglichen Mädchensorgen. Alles nicht mehr mein Thema! Wir kamen an einer Weide mit Pferden vorbei, die begeistert herumbockten und am Zaun hin- und herliefen, ich blieb cool. Wir mussten über eine Landstraße, kein Problem. Ich drehte mich sogar im Sattel herum, um den Reitern hinter mir mein triumphierendes Gesicht zu zeigen. Seht her! Ich erkundigte mich nach den Bergen, die den Horizont säumten, und nach den Bäumen, die am Wegesrand standen. Leider hielt ich die Birnbäume in einem Vorgarten für Korkeichen. Meine Coolness war dahin. „Schade, dass wir keinen Bären getroffen haben“, schob ich schnell hinterher.

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