Axel Kufus : Elegant gelöst

Design ist für ihn nichts Geschniegeltes – Axel Kufus sucht nach einfachen Formen. Jetzt organisiert der Berliner Professor eine Tagung zum Thema.

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Möglichkeitsmodelle nennt der Professor das experimentelle Ausprobieren, zu dem er die Studenten anstiftet
Möglichkeitsmodelle nennt der Professor das experimentelle Ausprobieren, zu dem er die Studenten anstiftetprivat

Eleganz, wie das schon klingt! Nach großer feiner Welt, Paris, Dior und Jackie Kennedy. Die Wirklichkeit sieht nüchterner aus. Eleganz, so nennt sich heute das Nagelstudio. Hat sie womöglich ausgedient? Ein bisschen altmodisch sei der Ausdruck schon, monieren Kritiker.

In Berlin, ausgerechnet, widmet sich nächste Woche eine ganze Tagung der Eleganz, und allein die Rednerliste verrät, dass mit Überraschungen zu rechnen ist. Da findet man eine Mathematikerin und einen Sportspielforscher, einen Diplomaten und einen Bauingenieur. Wer sich die Eleganz bisher immer etwas unterkühlt vorgestellt hat, dem wird die Schauspielerin Anna Thalbach was darüber erzählen, wie sie sich mit Leidenschaft verträgt. Drei Freunde haben sich das alles ausgedacht, der Philosoph Hannes Böhringer, der Fotograf Hans Hansen und der Designer Axel Kufus.

An diesem sonnigen Nachmittag sitzt Kufus im Hof der Universität der Künste (UdK), an der er seit zehn Jahren den Lehrstuhl für Entwerfen und Entwickeln im Design innehat. Ein Professor ohne Hochschulabschluss: Sein Studium hat er Mitte der 80er Jahre geschmissen, es war ihm nicht interessant genug. Um vier Uhr nachmittags mussten die Werkstätten gefegt sein, bloß nicht zu viel Dreck machen, hieß die Devise. Heute versucht er den Studenten das zu bieten, was er damals vermisst hat: Freiraum, Spielraum, „Kollisionen“. So heißt die Projektwoche, mit der das Jahr an der UdK nun immer beginnt, fächerübergreifende Workshops, „erlebnis-, nicht ergebnisorientiert“. Da spielen Studenten mit Mensch und Material, Rhythmus und Raum, profitieren Designer von der Erfahrung der Tänzer mit Körperlichkeit. Und, strahlt Kufus: „Ganz ohne Geld! Man muss nur die normalen Regeln außer Kraft setzen.“

Auch wenn in der Branche jeder seinen Namen kennt, gehört Kufus nicht zur Riege der Stardesigner. Für ihn ist der Designer auch niemand, der allein zu Hause sitzt und sich noch einen Stuhl ausdenkt, den die Welt womöglich gar nicht braucht, sondern einer, der rausgeht, das Gespräch sucht, vermittelt. „Zwischen den Stühlen“ heißt das kürzlich von ihm initiierte Projekt, bei dem Studentinnen zum Beispiel schwankende Sitze (Foto oben rechts) ausprobierten.

„Vom Produktdesigner zum Projektdesigner“, beschreibt der 55-Jährige seinen Werdegang. Nicht, dass er das Entwerfen ganz aufgegeben hätte. Die – ja, elegante – Uhr, die er am Arm trägt, ist eins seiner jüngsten Stücke. Ein sehr schlichtes, sehr teures Stück, das nicht mit technischen Gimmicks oder Juwelen protzt. Oder sein „AhornTisch“ von extrem schlichter – ja: Eleganz, der auf Anfrage und nach Maß angefertigt wird. Bloß nichts Überflüssiges produzieren.

Für Kufus hat Eleganz wenig mit dem Klischee des Geschniegelten zu tun. Seine eigene Kleidung an diesem Nachmittag wirkt fast studentisch in seiner Lässigkeit, wobei Hemd, Hose und Sneakers sicher nicht von H&M stammen. Auch die superdünne Zigarette, die er sich jetzt anzündet, hat er selbst gerollt.

Einen Kuppler und Kollaborateur könnte man ihn nennen, einen, der Menschen, Institute und Welten zusammenbringt, Theorie und Praxis, Kunst und Wissenschaft. Die gestaltende und die produzierende Welt beim „Design Reaktor Berlin“ – oder Bäcker und Designer: bei einem Souvenir-Projekt in Weimar, wo er mit Kollegen zusammen in den 90er Jahren eine ganz neue Schule aufbaute, eine aufregende Zeit, in der der gelernte Handwerker den Computer kennenlernte, die Dozenten gemeinsam das Prinzip des „rapid prototyping“ entwickelten. Jetzt ist er in Berlin an einem dreijährigen, von Kollegen angestoßenen interdisziplinären Forschungsprojekt von UdK und TU beteiligt, bei dem analoge Körperbewegung mit digitaler Hilfe in Töne verwandelt werden.

Kufus sprudelt und tanzt. Arme, Hände, Oberkörper, Stirn und Worte, alles ist beim Sprechen in Bewegung. Am Abend zuvor ist er gefragt worden, ob er nicht zwei Tage später eine Rede zu einer Vernissage halten kann. Er kann. Zum Denken zieht er sich auf eine Insel zurück: mit seiner Familie hat der dreifache Vater eine Hütte auf Valentinswerder.

Versteht sich, dass in der Werkstatt des Instituts ein 3-D-Drucker steht, aber das Handwerk bleibt. Kufus selber hat Schreiner gelernt, den Meister gemacht. Die Lehre war für ihn eine Erlösung nach dem Abitur, wenn er davon erzählt, merkt man ihm noch immer die Erleichterung an: Endlich war da was, was ihm leicht von der Hand ging.

Seine Möbel hat Kufus lange selbst gebaut, allen voran sein bekanntes Regal „FNP“ (Flächennutzungsplan) von 1989. Der Klassiker wird noch heute von Nils Holger Moormann produziert, dem bayerischen Möbelunternehmer, der die Kriterien der Eleganz erfüllt, wie Kufus sie definiert: als Gegengift zum immer höher, schneller, weiter. Moormann setzt auf langsame Entwicklung und Kontinuität.

„seite hält schiene schiene hält boden boden hält schiene schiene hält seite“ beschreibt Kufus das Konstruktionsprinzip seines vielfältig variierbaren Regals aus unbehandelten MDF-Platten und Aluschienen. Eine elegante Lösung, die so wenig Abfall wie möglich produziert und regional hergestellt werden kann.

Kollaborieren, das ist für Kufus ein Lebensprinzip. In jungen Jahren hat der 78er, wie er sich nennt, dreieinhalb Jahre in einer Kommune in der Rhön gewohnt, wo ihn der Metallbildhauer Richard Mühlemeier unter seine Fittiche nahm. Es war eine sehr befruchtende, befreiende Zeit, allein das Arbeiten mit anderen Materialien. „In der Zeit hab ich wahnsinnig viel gelernt.“ Was davon geblieben ist? Kufus lacht: „Ich kann in den Wald gehen und mir mein Mittagessen pflücken, einen Baum fällen und Möbel daraus bauen.“

Alles anders machen, hieß das Lebensprinzip, anders leben, anders arbeiten. Mit der Bildhauerin Ulrike Holthöfer hat er sehr freie Möbel-Objekte hergestellt, „das war meine erste Berührung mit Design“. Nach dem abgebrochen Studium hat er die Crelle-Werkstatt mit aufgebaut, eine Kooperative, mit seiner Frau Sybille Jans-Kufus 1990 ein Werkstudio für Produktdesign, Innenarchitektur und Ausstellungsgestaltung gegründet.

„einfach“: So hieß die Ausstellung, die Kufus vor fünf Jahren mit seinen Freunden Hannes Böhringer und Hans Hansen in Berlin organisiert hat, quasi der Vorläufer der Eleganz-Tagung nächsten Freitag auf dem Gelände der KPM zum Auftakt der Berliner Design Week. Eine möglichst einfache Form auch für komplexeste Funktionen zu finden, die sich selbst erklären, das ist für ihn Eleganz. Musterbeispiel: Smartphone. „Genial! Diese Konzentration! Allein die Bewegung!“, sagt er und wischt mit der Hand durch die Luft.

Das Einfache ist ja bekanntlich meist das Schwere. Zu gern würde Kufus hier hinten auf dem Hof der UdK die Mauer einreißen, um so einen gemeinsamen Campus mit der dahinterliegenden TU zu bilden. Das ist nicht erlaubt. Es ist nicht das erste Mal, dass er an Grenzen stieß.

Aber immerhin, der Hof als solcher ist nutzbar. Dank ein paar einfacher Interventionen: Türen wurden in die Wand geschlagen, improvisierte Treppen aufgestellt – Vorsicht, warnt Kufus beim Runtergehen, eine Stufe ist nicht richtig fest. Die Gartenmöbel haben die Studenten selbst gezimmert, aus alten Brettern und Paletten, eine Kollegin hat mithilfe der Prinzessinnengärten Holzkübel bepflanzt. Elegant würde man den Hof nicht nennen, er ist durch und durch Berlin: charmant improvisiert, roh und rau. Kufus gefällt’s, er mag „das Roughe, das Kontrastprogramm“. Studenten kommen und gehen, trinken, essen was, um uns herum findet ein Gartenworkshop statt, an der Mauer hämmern und nageln zwei Studenten an ihrem schwimmenden Häuschen, sie hoffen, das Boot in den nächsten Tagen ins Wasser gleiten zu lassen. Um 19 Uhr ist noch immer nicht Feierabend.

Ohne Arbeit geht’s nicht. Natürliche Eleganz, die existiert für Kufus nicht, „das ist Anmut. Die hat was Unschuldiges – Eleganz ist ein Kulturprozess“. Elegante Lösungen, wie man sie aus der Mathematik kennt, das ist es, was ihn interessiert. So lange nachzudenken, bis man’s hat, ohne großes Schweißvergießen, so dass ein Eindruck der Mühelosigkeit entsteht. Der Frage nachgehen: „Wie kann ich die Arbeit selbst schön machen.“

„Möglichkeitsmodelle“, wie er sie nennt, interessieren Kufus im Zweifelsfalle immer mehr als ein einzelnes fertiges Produkt. Am Anfang steht auf jeden Fall immer die Überlegung: Braucht man das überhaupt?

www.kufus.de, www.eleganz.berlin

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