Bayern : Die Standlgesellschaft

A gä, das Herz Münchens schlägt halt auf dem Viktualienmarkt. Ein Rundgang mit Lokalprominenz.

Felix Denk
Sozialer Klebstoff. In den Biergarten darf jeder seine Brotzeit mitbringen – Getränke kauft man beim Wirt.
Sozialer Klebstoff. In den Biergarten darf jeder seine Brotzeit mitbringen – Getränke kauft man beim Wirt.Foto: bayern.by/ Jens Schwarz

Ja mei, s’ Wetter. „Ist halt noch so kalt“, sagte die Verkäuferin vorletzte Woche, als alle vom Maivember sprachen. Bis eben hatte sie an ihrem Standl jede Stange Spargel einzeln drapiert, so sorgfältig, als wären es Schmuckstücke in der eleganten Maximilianstraße. Und wegen der Temperaturen zogen sie dieses Jahr in Schrobenhausen nur wenige Stangen aus den sandigen Auen der Paar. Darum war der Spargel teuer.

Die alte Dame, beige in beige, sagte nichts. Sie schaute bloß, als wär’ sie wirklich in der Maximilianstraße. Sie hätte nach links gekonnt. Da sind weitere Verkäufer. Oder nach rechts, noch ein paar Standl, ebenfalls mit Schrobenhausener und Abensberger Spargel. Sie wartete ein paar taktische Sekunden. Es half nichts. Der Preis blieb der gleiche, 9,90 das Pfund. Sie zückte ihr Portemonnaie. „Brauchen Sie noch Kartoffeln?“

Typisch Spargelstrich! So nennen die Standlbesitzer wie Elke Fett das Schauspiel, das im Frühling in der Abteilung I des Viktualienmarkts, dem Obstfreimarkt, für zwei Monate gegeben wird. „Da werden die Preise im Vorbeigehen gemacht.“ Die Spargelzeit mag Elke Fett besonders, da läuft der Viktualienmarkt langsam zur Hochform auf. Der Maibaum steht, die Kastanien blühen, auf den Ständen türmt sich die frische Ware aus dem Umland, und im Biergarten, der in der Mitte des Marktes liegt, füllen sich die Tische schon am späten Vormittag.

Der Markt ist ein Ort der Selbstvergewisserung

Elke Fett schiebt sich ihre schwarze Sonnenbrille auf die Nase. Sie ist an der Seite mit kleinen Strass-Steinchen besetzt und könnte gut aus dem Nachlass von George Michael stammen. Tatsächlich gehört Elke Fett zur Lokalprominenz. Das liegt weniger an ihrem Stand. Hier verkauft sie Duftschmankerl, wie sie es nennt. Duftöle und -säckchen, Kränze, Ketten. Aber sie ist Marktsprecherin. Sie kann dem Viktualienmarkt den Puls fühlen. Und der schoss in den vergangenen Jahren recht oft hoch. Denn er soll modernisiert werden. Doch wie, wann und wo das passiert, und was das für die Händler bedeutet, das bewegt nicht nur den Viktualienmarkt, sondern ganz München.

Die 22 000 Quadratmeter hinter dem Marienplatz, die seit 1807 als Markt genutzt werden, sind ein Ort der Selbstvergewisserung. Um die Viktualien, so wurden die Lebensmittel früher bezeichnet, geht es dabei längst nicht nur. Der Markt ist ein sozialer Klebstoff, der die Stadt beisammenhält. Nicht so geleckt wie andere Ecken Münchens, dafür lebendig, gewachsen, ein bisschen chaotisch. Das angelaufene Grün der Standl, die fleckigen Kupferdächer, die Farbe, die von den Rollos blättert. Eben nicht jenes München, das der SZ-Journalist Max Scharnigg neulich in einem viel beachteten Text eine Theaterkulisse auf den Schultern von sechs DAX-30-Konzernen geschimpft hat.

Das andere München. Ein Marktbesuch muss was Besonderes sein.
Das andere München. Ein Marktbesuch muss was Besonderes sein.Foto: bayern.by/ Jens Schwarz

Solche Orte gibt es in München nicht viele. Die Stadt leidet unter Wachstumsschmerzen, allein der Verkehr und die Mieten sind eine Zumutung. Damit steigt auch der Druck auf den Einzelhandel. In der Sendlinger Straße etwa, einer der Haupteinkaufsstraßen, gleich fünf Minuten weiter, haben sich in den letzten zehn Jahren fast drei Viertel aller Geschäfte verändert. Gerade kleine Läden ringen ums Überleben, während sich große Marken ausbreiten.

Was sie hier nicht kriegt, isst sie nicht

Das sei doch keine Konkurrenz, sagt Elke Fett. „Man merkt, wenn man vom Marienplatz um die Ecke kommt zur Metzgerzeile, wo der Viktualienmarkt anfängt, da sind die Menschen gleich anders drauf, grinsen. Geht man weiter, die Neuhauser Straße, in die Fußgängerzone – alle ernst, alle hektisch.“

Gut, der Umsatz entwickelte sich auch auf dem Viktualienmarkt in den letzten zehn Jahren leicht negativ, aber von einem hohen Niveau ausgehend. „So ist das auf dem Markt, da gibt es sieben gute und sieben schlechte Jahre.“ Elke Fett lebt nicht nur vom Viktualienmarkt, sie lebt quasi auf ihm. „Von meinem Küchenfenster kann ich bis auf meine Kasse schauen“, sagt sie und zeigt auf das Haus schräg hinter ihr. Wenn einer in Trainingshose daherkommt, schimpft sie schon mal. Ein Marktbesuch, das muss doch was Besonderes sein. Sonst könnte man ja gleich in den Supermarkt. Da war sie schon seit 20 Jahren nicht mehr. „Was ich hier nicht krieg, ess’ ich nicht. Gibt ja alles in bester Qualität.“

So ziemlich alle guten und sehr guten Münchner Köche schauen regelmäßig auf dem Viktualienmarkt vorbei. Holger Stromberg, der zehn Jahre für die Deutsche Fußballnationalmannschaft kochte und heute als Coach und Caterer arbeitet, bietet sogar einen Kurs an, bei dem die Teilnehmer erst auf dem Viktualienmarkt einkaufen und dann daraus drei Gänge kochen. Dabei lernt man nicht nur Küchentricks, sondern eine Menge Warenkunde.

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