Berlin 1945 : Nach dem letzten Schuss

Sommer 1945, alles liegt in Trümmern, und Leichengeruch schwebt über der Stadt. In den Ruinen beginnt mühsam die Normalität. Ein Fotograf dokumentiert den Alltag.

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Ein Verkehrspolizist auf dem Potsdamer Platz.
Ein Verkehrspolizist auf dem Potsdamer Platz.Foto: Erich O. Krüger/Landesarchiv Berlin, aus „Berlin. Phönix“, Edition Braus

Ich weiß nicht viel von Peter, außer dass er blond und irgendwie mit mir verwandt war. Wie genau, konnte ich ihn nie fragen, ich habe ihn nicht kennengelernt. Aber Peter war Teil unserer Familienlegende, und es wurde noch über ihn gesprochen, da war er schon seit Jahrzehnten tot. Peter starb mit elf im Sommer 1945. Der Krieg war seit zwei Monaten vorbei, als ihn ein anderer Elfjähriger beim Spielen mit einer Pistole erschoss, die in den Trümmern irgendwo am Teltowkanal herumgelegen hatte. Daran erinnert mich das Bild auf dieser Seite: Es zeigt Berliner Kinder im Jahre 1946 beim Hantieren mit einer Handgranate.

Erich O. Krueger hat das Foto gemacht. Krueger kehrte im Oktober 1945 aus der Gefangenschaft zurück und begann den Berliner Alltag in jenen Jahren aufzunehmen. Er starb 1956 im Alter von 61Jahren, seine Fotos liegen heute im Berliner Landesarchiv. Unter dem Titel „Berlin. Phönix“ erscheinen sie jetzt in einem Bildband.

Für die Nachgeborenen beziehen Kruegers Bilder ihre Spannung nicht aus der Kunstfertigkeit des Fotografen, sondern aus der Diskrepanz zwischen der scheinbaren Normalität und der unfassbaren Unwirtlichkeit, in der sich der Alltag nach dem Krieg vollzieht.

Alltag in Trümmern
Ein Junge hat beim Spielen eine Handgranate gefunden.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: Erich O. Krüger/Landesarchiv Berlin, aus „Berlin. Phönix“, Edition Braus
30.03.2015 11:18Ein Junge hat beim Spielen eine Handgranate gefunden.

Berlin war noch Ende der 20er Jahre mit 4,3 Millionen Einwohnern eine der größten Städte der Welt gewesen, 1945 sind es nur noch 2,8 Millionen, die sich in einer Trümmerwüste einrichten, jedes dritte Haus in der Innenstadt ist zerstört. Dabei war Berlin, verglichen mit anderen Städten, glimpflich durch die längste Zeit des Krieges gekommen. Zwar wurde die Stadt von 1941 an bombardiert, doch erst ab 1943 nahmen die Angriffe an Intensität deutlich zu.

Apokalyptisch wurden die Attacken in den letzten drei Monaten. Bis dahin waren die Berliner auch noch relativ gut versorgt worden, es gab genügend Vorräte dank der deutschen Raub- und Plünderzüge durch die besetzten Gebiete. Erst ab März 1945wurden die Rationen drastisch gesenkt, erreichte der Hunger die Berliner und sollte sie bis Ende der 40er Jahre nicht mehr verlassen.

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