Berliner Immobilienmarkt 1891 : Mark Twains Rache an einem Berliner Makler

1891 zieht Mark Twain mit seiner Familie an die Spree. Man empfiehlt dem Schriftsteller eine Wohnung. Er fühlt sich betrogen – und schlägt zurück. Sein Text ist nun erstmals vollständig auf Deutsch erschienen und hier zu lesen.

Mark Twain
Schriftsteller Mark Twain.
Schriftsteller Mark Twain.pa/dpa

Berlin hatte schon 1891 den Ruf, eine vergleichsweise preiswerte Metropole zu sein. Und eine amerikanische Community gab es auch: Rund 2000 Amerikaner lebten damals in der Hauptstadt des Kaiserreichs. Im Oktober desselben Jahres bezog Mark Twain mit seiner Familie, das waren Ehefrau Olivia, die Töchter Susy, Clara und Jean (19, 17 und 11 Jahre alt) eine Wohnung in Tiergarten, Körnerstraße 7, nahe der Potsdamer Straße. Twain hatte trotz seiner Erfolge als Autor finanzielle Probleme, hoffte, hier Geld sparen zu können. Vielleicht entschied er sich deshalb für das Angebot eines Maklers namens Prächtel. Keine gute Wahl, wie Twain bald befand. Ende Dezember erfolgte der Umzug ins Hotel Royal an der Ecke Wilhelmstraße–Unter den Linden, wo die Familie bis März 1892 blieb, dann setzte sie ihre Europareise fort – ohne Tochter Clara, die in Berlin weiter aufs Internat ging. Mit der Körnerstraße rechnete Twain auf seine Weise ab, er schrieb den Essay „Wie man in Berlin eine Wohnung mietet“. Olivia fand das unangemessen, verbot ihm die Veröffentlichung. Erstmals vollständig auf Deutsch erscheint der Text jetzt in dem Buch „Mark Twain in Berlin“:

Gegen Ende des Sommers kam ich an, um mir ein Haus für den Winter zu besorgen. Man hatte mich hergeschickt – zumindest teilweise. Das heißt, man hatte mir erzählt, dass man sich in Berlin eine leere Unterkunft sucht und das nötige Mobiliar dazu jahresweise anmietet. Ich hätte zu unserem Generalkonsul oder zu unserem Botschafter gehen und viele sinnvolle Fragen stellen sollen. Aber das wäre nicht die amerikanische Art gewesen, und daher tat ich es nicht. Wie Sie alle wissen, ist es die amerikanische Art, ganz allein drauflos zu marschieren und niemanden um Hilfe zu bitten.

Ich erzählte einem Bekannten von meinem Vorhaben, und er war sehr entgegenkommend. Er riet mir, zu Herrn P. in der Krausenstraße zu gehen und mich ihm anzuvertrauen – er würde wie eine Mutter für mich sein. Ich ging zu meiner neuen Mutter, und er war die Liebenswürdigkeit in Person. Ein gutaussehender Mann; kein alter, noch nicht einmal ein älterer Mann. Er hatte sehr angenehme, geradezu seidenweiche Umgangsformen und sprach gut Englisch.

„Wünschen Sie eine teure Wohnung?“

„Ich möchte etwas Ruhiges – das ist mir am wichtigsten.“

„Haben Sie vor, sich in Gesellschaft zu begeben?“

„Ich? Oh nein. Ich kenne niemanden in Berlin. Ich denke, mir genügt die Gesellschaft, die ich von meinem Fenster aus sehe.“

Er dachte einen Moment nach und sagte dann:

„Wie wäre es mit einer Wohnung, von der aus Sie jeden Tag die beste Gesellschaft Berlins sehen können – die erhabenste Gesellschaft der Stadt außerhalb des kaiserlichen Palasts?“

Seine Augen glänzten, und seine Stimme war voller Emotionen. Ich ließ mich anstecken und sagte beeindruckt:

„Meinen Sie etwa den Adel?“

Er nickte mehrmals mit dem Kopf, das Ausmaß seiner Zustimmung konnte er mit Worten nicht beschreiben. Wir reichten einander still die Hand, und das Händeschütteln wollte gar nicht mehr aufhören. Als er seine Stimme wiedergefunden hatte, sagte er: „Sie werden mitten unter ihnen leben. Deren Anblick wird für Sie so alltäglich sein wie der von Gänseblümchen auf der Wiese. Versprechen Sie sich dieses Glück, denn Sie werden es erleben.“

Tränen standen in seinen Augen, und ich konnte nur noch undeutlich sehen, weil auch in meinen Augen Feuchtigkeit aufstieg. Er rief seinen Assistenten und schickte uns auf unsere Suche. Wir besichtigten einige sehr schöne Wohnungen in attraktiver Lage. Aber der Assistent fand immer ein Haar in der Suppe.

„Die Gegend ist zu kommerziell – sie riecht nach Handel.“

„Diese Lokalität entspricht nicht unseren Anforderungen – es gibt hier keinen Adel. Die Aristokraten meiden diesen Bezirk.“

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