Berliner Schnauzen (30) : Die Schnee-Eule

Harry Potter ist schuld. Er bekam an seinem elften Geburtstag eine Schnee-Eule geschenkt, für die er im Zauberbuch den Namen „Hedwig“ fand.

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Illustration: Andree Volkmann
Illustration: Andree Volkmann

Und seitdem Hedwig über Kinoleinwände flog und in den Büchern von J. K. Rowling für Harry die Post auslieferte, wollen Kinder eben Schnee-Eulen sehen. Also hat sich jeder noch so kleine Tierpark Schnee-Eulen angeschafft, riesiger Boom, mit der Folge: Es gibt zu viele davon, ihre Eier werden..., nun ja.

Dieses Problem hat der Berliner Zoo derzeit nicht. Dort sitzt, unweit der Elefanten, eine einsame Eule in ihrer Voliere und: guckt. Das kann sie gut. Gucken. Stundenlang. Meditation. Buddha. Keine Hektik. Denn Schnee-Eulen sind, wie Experten sagen, „Ansitzjäger“. Sie suchen sich ihr Fressen nicht, sie warten meist, bis es von selbst vorbeikommt: Lemminge, Mäuse. Dann schlucken sie die Beute mit Haut und Haar und Knochen runter. Das Unverdaubare kommt später als „Gewölle“ wieder hoch.

Das Tier im Zoo ist weiß, ein Männchen. Frauen sind „gesperbert“, der Tarnung wegen. Sie hocken zum Brüten auf der Erde (schlicht weil’s keine Bäume gibt), und die sieht während der Schneeschmelze nun mal fleckig aus. Um es kulinarisch zu sagen: Männliche Schnee-Eulen sind optisch Zitronensorbet, weibliche Stracciatella. Frau Rowling hat also geschummelt, denn Hedwig ist ein weißes Weibchen. Gibt’s nur im Zauberland, nicht in Finnland, wo die Schnee-Eule auch wohnt, ihr Gebiet ist „zirkumpolar“, liegt also rund um den Nordpol.

Die acht Jahre alte Eule im Zoo sitzt ganz oben in einer Höhle, gut geschützt, prima Überblick, und guckt geradeaus. Eulenaugen sind starr, sie können nicht um die Ecke linsen. Will die Eule ihr Gesichtsfeld erweitern, dreht sie ihren Hals. Fantastische 270 Grad kriegt sie damit hin, dabei helfen verdammt viele Halswirbel, die den Kopf beweglich machen wie einen Suchscheinwerfer. Da in Berlin selten Lemminge des Wegs kommen, legt Klaus-Dieter Grahl der Schnee-Eule tote Mäuse auf einen Baumstumpf.

Dann räumt Revierpfleger Grahl mit ein paar Legenden auf. Lemminge stürzen sich alle sieben Jahre zu Tode? Völliger Mumpitz! Eulen können im Dunkeln ihre Beute wegen der großen Augen gut sehen? Auch Quatsch! Die Schnee-Eule etwa orientiert sich in der Finsternis nach Gehör. Die Ohren sitzen nämlich in der Höhe versetzt, damit hört sie nicht nur die Richtung, sondern auch die exakte Entfernung, in der das Mäuslein raschelt. Dreidimensionales Hören!

Und, jetzt kommt’s, Raffinesse der Evolution, das kann nur sie: Die Eule fliegt lautlos. Kein Flap-Flap-Geräusch der weiten Schwingen. Der Lärm würde ja das Rumoren des zu jagenden Tiers überdecken. Daher sind die Schwungfedern am Rande „gezähnt“, will sagen: ausgefranst, so ist für natürliche Stille gesorgt.

Die Zoo-Eule hat die Augen zu Schlitzen verengt. Zu hell, dieser Herbsttag? Nö, sagt der Revierpfleger, Selbstschutz. So eine Eule ist ihrem Lebensraum farblich prima angepasst, nur die Augen, diese gewaltigen Augen! Wären von jedem Feind (Wolf, Fuchs...) leicht zu sehen. Deshalb: Schlitze. Und kaum ist der Harry-Potter-Hype vorbei, wird das Tier wieder international berühmt, 2015, bei der Fußball-WM der Frauen in Kanada. Maskottchen: Schnee-Eule. Norbert Thomma

SCHNEE-EULE IM ZOO

Lebenserwartung:  bis zu 30 Jahren

Fütterungszeiten:  Mittwoch ist Fastentag

Interessanter Nachbar: Hirscheber

Vorherige Schnauzen: Gepunktete Wurzelmundqualle, Lama, Asiatische Löwinnen

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