Berliner Schnauzen (7) : Der Kea

Er sieht harmlos aus. Ein krähengroßer, olivgrüner Papagei mit einem dünnen gekrümmten Schnabel.

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Illustration: Andree Volkmann
Illustration: Andree Volkmann

Er sieht harmlos aus. Ein krähengroßer, olivgrüner Papagei mit einem dünnen gekrümmten Schnabel. Im neuen Vogelhaus des Zoos bewohnt der Kea oder Nestorpapagei eine Voliere im Thementeil Australien. Die in freier Wildbahn gefährdeten Vögel kommen nämlich nur auf Neuseeland vor, und da hauptsächlich in den Gebirgen der Südinsel. Das Paar im Zoo kann sich solche Höhenflüge zwar nicht leisten, es pickt aber die Sonnenblumenkerne oder Sämereien mit denselben schnellen, beinahe hektischen Bewegungen. Eigentlich ein ganz normaler Papagei, möchte man meinen.

Aber der Kea ist ein „Kulturfolger“, wie Benjamin Ibler, Biologe im Zoo Berlin, erklärt. Das heißt, er hat sich an die Besiedlung der Menschen angepasst, an ihre Müllkippen und ihre Haustiere. In ihrer Heimat können die Vögel problemlos Rucksäcke und Mülltonnen öffnen, sie arbeiten mit Werkzeugen wie kleinen Stöcken oder Zweigen und gelten als überaus intelligent.

Bei den Schäfern des Inselstaats stehen sie allerdings in Verruf. Bis in die 70er Jahre hinein setzten sie Kopfprämien auf abgeschossene Keas aus. Denn sie haben sich in ihrer Heimat zu Fleischfressern entwickelt, als einzigen Papageien überhaupt wird ihnen nachgesagt, dass sie Schafe angreifen. Der Vogel landet auf dem Rücken der Tiere, hackt gezielt auf die Nierengegend, bis das angegriffene Tier verblutet. „Teufelsvögel“ haben die Schafzüchter die Papageien deshalb getauft.

Auf einem wackligen Youtube-Clip der amerikanischen Sendung „Animal Planet“ sieht man, wie Keas sich nachts durch die dichte Wolle wühlen und auf das Nierenfett zielen. „Es gibt aber keine richtig verlässliche Quelle für dieses Verhalten“, sagt Benjamin Ibler. Die Wissenschaftler wissen, dass die Vögel Aas fressen, als allgemeingültig bewiesen ist das Angriffsverhalten bisher nicht. Was Ibler zugibt, dass es „sehr ungewöhnlich“ und der Kea keineswegs harmlos sei.

Für den Papageienmagen ist das Fleisch keine Herausforderung, denn es ist „besser verdaulich“ als die harten Samen, Knollen und Wurzeln, nach denen der Bodenbewohner in der Regel gräbt. Im Zoo Berlin verfüttern die Pfleger daher nur vegetarische Nahrung. Benjamin Ibler glaubt, dass der Verzehr von Schaffleisch vor allem „der unglaublichen Neugier“ der Vögel zu verdanken ist.

Er verweist auf die ARD-Serie „Tiere vor der Kamera“ der Naturfilmer Ernst Arendt und Hans Schweiger. Dort sieht man sehr schön, wie sehr die Nestorpapageien erst einmal alles unter die Lupe nehmen, was sie nicht kennen. Im Internet kann man sich Ausschnitte davon ansehen. Wie Keas das Wohnmobil der Filmemacher auseinander nehmen, neugierig in den Auspuff hacken, die Bremsleitung beinahe zerfleddern und jedes ungewöhnliche Objekt erst einmal mit ihren Schnäbeln bearbeiten. O-Ton: „Da ist zum Beispiel der Rückstrahler. Blitzendes Glas, weicher Gummirand, Attraktion Nummer Eins bei den Keas.“

Die geselligen Vögel leben in Schwärmen von zehn bis 20 Tieren. Auf Baumstümpfen oder in Höhlen richten sie ihre Nester ein, möglicherweise leben die Tiere polygam, auch da ist sich die Forschung noch nicht einig. Das Paar im Berliner Zoo hat bisher noch keinen Nachwuchs ausgbrütet. Wie sagt Benjamin Ibler: „Das kann dauern.“ Ulf Lippitz

KEA im Berliner Zoo

Lebenserwartung:  40 Jahre

Fütterungszeiten:  Mo-So 9 Uhr

Interessanter Nachbar: Eulenschwalm

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