Bürgerkrieg in Syrien : Aleppos verlorene Schätze

Im syrischen Bürgerkrieg wird auch ein Weltkulturerbe zerstört. Der Archäologe Mamoun Fansa über den Untergang seiner Heimatstadt.

Sarah Levy
In der Straße zur Zitadelle sind die Gebäude vollständig zerstört.
In der Straße zur Zitadelle sind die Gebäude vollständig zerstört.Foto: Mamoun Fansas „Allepo. Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe"

Es gibt ein schönes Zitat: „Damaskus muss man verstehen, Aleppo muss man lieben.“ Bei diesem Satz kriege ich Gänsehaut. Ich habe die ersten 20 Jahre meines Lebens in Aleppo verbracht, die letzten 47 hier in der Bundesrepublik. Erst 1989 bin ich wieder hin und habe die alte Liebe neuentdeckt. Vor der Zitadelle war ein altmodisches Café, da hab ich immer gesessen, Kaffee getrunken und die Leute beobachtet. Ich dachte, dieses Gefühl für die Heimat geht irgendwann verloren. Aber der Krieg in Syrien und die Zerstörung sind mir sehr an die Nieren gegangen.

Ich bin Archäologe, im Herbst 2010 war ich das letzte Mal in Aleppo, zur Vorbereitung einer Ausstellung. Wir saßen im Basar, ich konnte den Kollegen aus Deutschland und der Schweiz ein bisschen was über meine Geburtsstadt erzählen und sie durch den Stadtkern führen. In der Altstadt haben 400 000 Menschen gewohnt, sie ist etwa so groß wie Neukölln. Die Häuser dort stammten zum Teil aus dem 14. Jahrhundert. Was ist davon übrig geblieben? Eigentlich nichts, haben mir Denkmalschützer vor Ort berichtet. Es ist alles zerstört.

Aleppo ist eine der ältesten Städte der Welt, mit mehr als 5000 Jahren Kulturgeschichte. Wenn man in der Altstadt in die Tiefe gräbt, findet man Spuren aus der Jungsteinzeit und den Hochkulturen. Das Interessanteste, das dort in den letzten Jahren ans Tageslicht gefördert wurde, ist ein Tempel der Hethiter aus der Zeit um 1200 vor Christus, mitten in der Zitadelle. Und das Minarett der Umayyaden-Moschee ist eines der ältesten weltweit. Allein die Verzierung ist wirklich einmalig. So brutal wie sie jetzt dem Erdboden gleich gemacht wurde, durch Menschengewalt, so etwas hat es selten in dieser Form gegeben. Die Aleppiner lieben ihre Altstadt, sie identifizieren sich auch damit – wenn sie sich für Kultur interessieren. Der Otto-Normalverbraucher geht da einfach gerne einkaufen.

Als junger Mann habe ich den Militärdienst verweigert und meine Heimat verlassen. 20 Jahre durfte ich nicht nach Syrien. Ich hatte mit dem Regime Probleme. Natürlich freue ich mich, wenn das Volk aufsteht und Freiheit verlangt. Aber wie sich alles entwickelt hat, das ist katastrophal.

Die Altstadt liegt mitten in der Kampfzone. Mal sind die Regierungssoldaten die Herrscher dieser Gegend, mal die Aufständischen. Der genaue Frontverlauf lässt sich nicht bestimmen. Der Stadtteil ist ständig unter Beschuss. Ein Kollege erzählte mir, dass der Basar zu 80 Prozent zerstört ist. Solche Gewölbe sind kompliziert, ich fürchte, so etwas kann man nicht wieder aufbauen.

Ich glaube nicht, dass allen Kämpfenden bewusst ist, was sie dort zerstören. Die Regierungssoldaten, davon gehe ich aus, haben eine gewisse Ausbildung in Hinblick auf Kulturstätten. Das ist eigentlich Pflicht bei jedem, der ein Unesco-Abkommen für den Schutz von Kulturstätten unterzeichnet. Auf der anderen Seite stehen die Rebellen, von denen manche kulturlos sind. Oder sie kommen aus Tschetschenien, Tunesien, sie sind Söldner, keine ausgebildeten Soldaten. Diese Leute wissen nicht, was sie vor sich haben.

Mit dem Buch, das ich jetzt in Deutschland herausgegeben habe, möchte ich die Altstadt in das internationale Bewusstsein bringen. Man darf die Syrer, die dort leben, nicht vergessen. Vor wenigen Wochen habe ich ein Bild geschickt bekommen, auf dem Freiwillige ein Grabmal mit Steinen eingemauert haben. Die Menschen haben ein Interesse daran, dass nicht alles zerstört wird. Es ist wichtig, diese Leute auch in Zukunft zu unterstützen. Ich versuche, eine internationale Tagung zur Rettung der Altstadt auf die Beine zu stellen. Manchmal habe ich Zweifel, ob der Wiederaufbau überhaupt etwas bringt. Aleppos Schätze sind verloren, die Aura des Originals ist völlig anders als die einer Nachbildung.

Sicher gibt es wichtigere Dinge als Gebäude. Bisher sind 120 000 Menschen umgekommen. Aber ich bin Archäologe, ich muss für die Denkmalpflege kämpfen, das ist der Teil, den ich einbringen kann. Wenn ich jünger wäre, würde ich in ein Flüchtlingslager fahren. Dieses Buch entlastet mich auch von dem Druck: Was machst du eigentlich für deine Heimat? Egal, wie lange ich nicht im Land war, Wurzeln kann man nicht ausradieren.

Hätte der Westen die Freie Syrische Armee von Anfang an unterstützt, dann wäre das nicht passiert. Inzwischen gibt es so viele Stellvertreterkriege. Jetzt muss man damit leben, dass Dschihadisten und Al Qaida dieses Land zu Grunde richten. Solange dieses Regime an der Macht ist, werde ich nicht zurück können. Wenn ich irgendwann mal wieder hinfahre, muss ich viele Taschentücher mitnehmen.

Mamoun Fansa ist Herausgeber von „Allepo. Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe“ (Nünnerich-Asmus Verlag, 2013, 128 Seiten, 29,90 Euro). Die Fotos auf dieser Seite sind dem Buch entnommen. Protokoll: Sarah Levy

1 Kommentar

Neuester Kommentar