Für die Gäste passieren Wunder

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Buschcamping in Botswana : Dicke Freunde am Okavango
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Frühaufsteher. Um sechs Uhr gehen die Elefanten des Abu Camp (oben) raus ins Grasland.
Frühaufsteher. Um sechs Uhr gehen die Elefanten des Abu Camp (oben) raus ins Grasland.Foto: Fernandez Campos

Die Elefanten sind die unbestrittenen Herrscher der Ebene. Im Resort der Vumbura Plains arrangieren sich die Menschen deshalb mit ihnen und ihren jahrhundertealten Routen. Über einen erhöhten Holzsteg erreichen die Gäste ihre Villa, an manchen Stellen wird der Weg allerdings von einer Treppe unterbrochen und verläuft plötzlich ebenerdig. Dort kreuzt ihn der unsichtbare Pfad der Elefanten. Als der Steg früher durchgehend über der Erde entlangführte, haben die Kolosse einfach ihre Körper gegen das Holz gedrückt – und krach, war der schön gezimmerte Weg dahin. Seit es die Durchbrüche gibt, ist es nicht mehr zu Elefanten-Vandalismus gekommen.

Dafür passieren jetzt Wunder. Wenigstens für die Gäste, wenn sie am Rand des Camps übernachten. Frühmorgens, nachdem die Baumhörnchen ihr Warnlied gepfiffen haben, zieht es einige der Elefanten direkt an der Villenterrasse vorbei zum nahen See. Auge in Auge stehen sie vor den Gästen – und leidlich gleichgültig gegenüber der Schnappatmung, die sie bei Touristen verursachen.

Für die Elefanten zählt nur der nächste Mopane-Baum, den es niederzumachen gilt, und Wasser, in das man sich so gern hineinlegt, um die sensible Haut zu pflegen. Jedes Schlammloch ist ein Elefanten-Spa. Da müssen auch die Warzenschweine ganz schnell verschwinden, wenn sie nicht erdrückt werden wollen.

Das Abu Camp verfügt über etwas sehr Besonderes

Und wie fühlt sich diese Haut nun an? Bee winkt die Gäste heran. Er ist ein Wildhüter und Gentleman, ein freundlicher Botswaner, der Touristen haarklein erklärt, wie viel eine ausgewachsene Kuh am Tag frisst: 200 Kilogramm. Seit sieben Jahren arbeitet der 29-Jährige aus Maun im Abu Camp, 20 Flugminuten südlich der Vumbura-Ebene. Bee nähert sich unter einem Leberwurstbaum einem Elefanten, „nicht unter die hängenden Früchte stellen“, warnt er Besucher vor dem kiloschweren Obst, dann streichelt er das Tier hinter dem Ohr und fordert die vier Gäste des Camps auf, es ihm nachzutun. Hinter dem riesigen, ständig wedelnden Ohr ist die Haut rau und trotzdem weich. Der Rüssel hingegen fühlt sich an, als würde man über einen ausgefransten Bastteppich streichen.

Das Abu Camp verfügt über etwas sehr Besonderes: eine eigene Herde von halbwilden Elefanten. Vor einigen Jahren waren es 16 Tiere, im Moment trotten sechs jeden Morgen aus den Stallungen des Camps hinaus und abends wieder hinein. Jedes Tier kann selbst entscheiden, ob es irgendwann die Weite des Deltas und eine andere Familie dem Schutz des Camps vorzieht. Deshalb schwankt die Zahl. Bullen gehören nicht zum Familienverband, bei Elefanten herrscht striktes Matriarchat.

Die Tiere wurden anfangs aus Zoos und Zirkussen gerettet, einige wurden später im Camp geboren oder kamen als Waisen hierher. Das erklärt die Nähe zu den Menschen. Bis vor ein paar Jahren dressierten die Wildhüter die Tiere, damit Touristen auf ihnen reiten können. Das wird nun abgeschafft. Die alten Elefantendamen Cathy und Shireni werden von den Pflegern noch geritten, aber Gäste nicht mehr ermutigt, auf ihnen eine Safari zu unternehmen.

Dafür können Besucher des Abu Camp mit der kleinen Herde eine Walking Safari unternehmen. Sie gehen in Ameisenlinie hinter den Tieren her, vorbei an Akazienbäumen und Termitenhügeln, die wie Kleckerburgen aus der Fantasie des katalanischen Architekten Gaudi aussehen. Bee trägt zur Sicherheit eine Waffe, obwohl sich kein vernünftiger Löwe oder Leopard trauen würde, Menschen als Teil der Elefantenherde anzugreifen. Vor allem da es rundum von leichter Beute wie Impalas wimmelt.

Der Star der Gruppe ist Naledi

Mit Cathy & Co. spazieren zu gehen, heißt, deren Unterschiede begreifen zu lernen. Dass Cathy die Chefin der Herde ist, deshalb am Ende der Gruppe läuft und manchmal tiefe Laute ausstößt, die laut Bee dazu da sind, die Herde zum zügigen Fortbewegen zu animieren. Dass die junge Kuh Paseka ein Loch im Ohr hat, das ihr Hyänen zugefügt haben, als sie 2009 versuchten, das von ihrer Herde getrennte Kalb anzugreifen und zu reißen. Paseka rettete sich in den Heizungsraum des Abu Camp – und ist seitdem Mitglied der dortigen Elefantenherde.

Der Star der Gruppe ist jedoch Naledi. Gerade ist sie drei Jahre alt geworden. Ihre Mutter starb kurz nach der Geburt, die Waise musste von den Pflegern mit der Hand aufgezogen werden, weil keine der älteren Elefantendamen genug Milch für sie hatte. Sie rennt schon mal aufgeregt auf Menschen zu, eine Tonne Glücksgefühl mit Karambolagegarantie, weil sie mit ihnen spielen will – und lässt sich bereitwillig von Gästen mit Zwei-Liter- Milchflaschen füttern. Aber Vorsicht: Naledi kaut gern auf den Plastikflaschen herum und versucht diese mitzuvernaschen, sobald die Milch alle ist. Da müssen zwei Männer eingreifen, um die Flasche aus ihrem Maul zu ziehen.

An kaum einem anderen Ort kommt man den gefährdeten Tieren so nahe wie in diesem Camp mit 94 Quadratkilometern Auslauf. Nur sechs luxuriös ausgestattete Safarizelte mit Doppelbett und Badewanne auf der Terrasse stehen Reisenden zur Verfügung. Abends treffen diese sich zum Sundowner am Lagerfeuer, wilde Elefanten trotten am Horizont entlang, und dann schwärmen die Urlauber davon, wie ergreifend es war, den Rüssel eines Elefanten zu fühlen.

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