Christa und Gerhard Wolf : Familie Wolf

Was hält ein Paar zusammen? Jana Simon führte über 14 Jahre hinweg Interviews mit ihren Großeltern, Christa und Gerhard Wolf.

Jana Simon
Als Symbiose beschrieb Christa Wolf die Beziehung zu ihrem Mann.
Als Symbiose beschrieb Christa Wolf die Beziehung zu ihrem Mann.Foto: Helga Paris

Woserin, 31. Juli 1999

Jana Simon: Wie habt ihr beiden euch denn kennengelernt?

Christa Wolf: In den ersten Wochen beim Studium 1949 in Jena. Ich war ein paar Tage vor Gerd da. Eine Mitstudentin kam aus Schlotheim, die kannte Gerd, bewunderte ihn, vielleicht war sie auch ein wenig in ihn verliebt …

Gerhard Wolf: Ach …

CW: … sie sagte: „Du, da kommt noch einer, der Gerhard Wolf.“ Und ich sagte: „Ach ja, das ist der Bruder vom Freund meines Bruders.“ Gerhard Wolf war mir schon ein Begriff, ohne dass ich ihn je gesehen hatte. Sie sagte: „Der ist klug, sag ich dir, der weiß was, der kennt viele Gedichte!“ Als er schließlich kam, ging ich gerade die Treppe zur Mensa hoch, und vor mir lief diese Kommilitonin mit ihm. Sie drehte sich um: „Du, guck mal, der Gerd ist gekommen.“ Dann stellte sie uns gegenseitig vor. Und da funkte was …

GW: Ja? Bei mir erst später.

CW: Bei mir sofort. Die Augen, dieser Blick. Er sah ja verboten aus. Ich übrigens auch. Er hatte aus gefärbten Uniformstücken zusammengesetzte Sachen an. Das Schlimmste aber war später sein Mantel, als es Winter wurde, so ein furchtbar gefärbter SA-Mantel seines Vaters. Wir liefen damals alle so herum. Ich trug einen weißen Mantel, der war aus einer Krankenhausdecke geschneidert worden. Ich musste den Schriftzug „Beobachtungskrankenhaus Lankow“ abschneiden. Dadurch war der Mantel sehr kurz geworden …

GW: Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie es richtig anfing. Wir haben uns unheimlich viel gestritten, und da hieß es: Die streiten sich so viel, die sind verliebt.

Worüber habt ihr gestritten?

CW: Über alles, alles, alles, das Leben, die Liebe, die Politik, die Partei, darüber, was wir gelesen hatten. Ich musste mich immer gegen ihn behaupten.

GW: Christa musste dann ihre Selbstständigkeit und Jungfräulichkeit aufgeben. Da gab es große Konflikte. Weißt du noch, einmal besuchten wir deine Freundin Nora. Die sagte: „Der passt ja gar nicht zu dir!“ Du hast sehr viel geweint in dieser Zeit.

CW: Weil ich mir nicht sicher war, ob Gerd wirklich der Richtige ist. Wenn ich mich einmal für ihn entschieden hatte, war das für immer. Das war selbstverständlich, darum war es so schwer.

Und warum hast du dich schließlich für ihn entschieden?

GW: Na, Annettchen war schon bald unterwegs …

Woserin, 25. März 2008

CW: Wir sind noch sehr verklemmt erzogen worden. Meine Mutter war fassungslos, dass ich als Studentin mit Gerd im selben Haus wohnte und einfach in sein Zimmer hinaufging, um mit ihm Kaffee zu trinken. Sie sagte: „Du kannst doch nicht zu ihm rauf, er konnte doch im Bett liegen und schlafen.“ Da war schon längst alles passiert, und Gerd musste meiner Mutter beibringen, dass wir ein Kind bekommen.

(zu GW) Oje, wie hast du das gemacht?

GW: Na, ich habe ihr gesagt, wir kriegen ein Kind. Da brach für sie anscheinend eine Welt zusammen, sie beschimpfte Christa mächtig. (…) Wir überlegten, was machen wir jetzt. Einer musste Geld verdienen, da bot sich die Stelle als Hilfsredakteur beim Rundfunk in Leipzig an. Ich versuchte weiterzustudieren, aber das ging nicht. Christa konnte weitermachen.

Das war zwischen euch völlig klar?

CW: Das hat sich so entwickelt. Es war klar, einer muss das Geld verdienen. Wir waren ein Sonderfall. Welcher Mann macht so etwas schon? Gerd unterbrach sein Studium, und ich konnte weiterstudieren, mit Babybauch.(…)

Berlin-Pankow, 18. Mai 2008

GW: Wir hatten ein nettes Mädchen, das sauber machte und Annettchen betreute, wenn Christa studieren musste.

CW: Ich musste beweisen, dass ich es trotz Schwangerschaft und als Mutter schaffte zu studieren. Ich hielt ein Referat über das „Fräulein von Sternheim“ mit einem riesigen dicken Bauch, der war viel größer als deiner jetzt. Als Annette da war, stillte ich sie ein halbes Jahr lang. Ich wollte aber unbedingt zum gleichen Zeitpunkt wie die anderen mein Examen ablegen, nicht etwa ein Semester später. Nicht irgendein Examen, es sollte schon sehr gut sein. Deshalb lernte ich manchmal bis nachts um zwei oder drei für die Prüfungen. Da habe ich mich das erste Mal überarbeitet. Ich war sehr ehrgeizig. (...) Nach dem Examen hatte ich Herzbeschwerden. Aber meine Mutter war eine fantastische Großmutter.

Wenn man heute schwanger ist, bekommt man ständig Ratschläge. Viele reagieren entsetzt, wenn ich sage, dass ich weiterarbeiten will. Wie war das bei euch? Herrschte da schon das sozialistische Frauenbild vor?

CW: Das fing erst an, sich zu entwickeln. Es gab das sozialistische Menschenbild: Mann und Frau sollten gleichberechtigt leben und arbeiten können. Man hatte aber nicht nachgedacht, wie die Frauen das anstellen sollten. Es gab keinerlei Voraussetzungen dafür: keine Kindergärten, keine Waschmaschinen, keine Babynahrung, keine Pampers. Aber dass man als Frau weiterarbeitete, war selbstverständlich, darüber wurde nicht diskutiert.

Habt ihr euch über die Kindererziehung Gedanken gemacht?

CW: Mein lieber Mann sagte immer: „Wachsen lassen!“ Das war sein Erziehungsgrundsatz. Ich hatte dem zugestimmt, war aber von meiner Natur und meiner eigenen Erziehung her gewohnt, stärker einzugreifen. Ich war ängstlicher, habe mehr Grenzen gesetzt, damit nichts passiert. Annette wirft mir heute noch vor, dass sie viel zu brav war, während Tinka gar nicht daran dachte, brav zu sein.

GW: Bei Annette waren auch wir noch brav. Als Tinka 1956 geboren wurde, waren wir schon ganz andere Leute. Vier Jahre machen einen großen Unterschied.

Fühltest du dich immer als emanzipierte Frau?

CW: Ich weiß nicht genau, wann das Wort emanzipiert in meinen Wortschatz gelangte. Wenn du so willst, empfand ich mich als mitten im Leben stehend. Emanzipiert insofern, wenn ich mich mit der Generation meiner Eltern vergleiche. Wobei meine Mutter mir ein bestimmtes Frauenbild vorlebte. Sie war Geschäftsfrau, voll berufstätig, besonders im Krieg. Der Hauptkummer meiner Kindheit war, dass meine Mutter so wenig für uns da war. Nur wenn eine Katastrophe ausbrach, erschien sie. Als mein Bruder zum Beispiel die Hand auf die heiße Herdplatte gelegt hatte. (...) Als ich zu Ende studiert hatte, arbeitete ich und verdiente das Geld, und Gerd konnte in Berlin zu Ende studieren. Das war vollkommen selbstverständlich.

Opa war ein moderner Mann!

CW: Ja. Als ich anfing zu schreiben und Bücher herausbrachte, war klar, dass ich das weiterzumachen hatte.

Du hast oft mehr Geld verdient als er.

CW: Ja, natürlich. Das war nie ein Problem. Ich meine, er hat immer sehr viel gearbeitet, aber weniger Geld dafür bekommen. Wenn man als Schriftsteller Glück hat und sich die Bücher gut verkaufen, kriegt man für die gleiche Arbeit einfach mehr Geld. Wir waren doch heilfroh, ab dem „Geteilten Himmel“ Anfang der sechziger Jahre hatten wir als Familie eigentlich keine Geldprobleme mehr. (...)

Gab es einmal eine Zeit, in der eure Beziehung bedroht war?

CW: Nein. In den ganzen 57 Jahren unserer Ehe stellte sich nie die Frage, ob wir einmal auseinandergehen. Es gab sicher Zeiten, die weniger intensiv waren als andere. Aber eigentlich wurde es immer intensiver. Besonders in der DDR-Zeit war ich in große Konflikte verwickelt, und ich weiß nicht, wie ich sie allein hätte bewältigen können. Das hätte ich nicht geschafft. Ich war manchmal sehr krank, befand mich in schlimmsten Zuständen. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn da nicht einer gewesen wäre, auf den ich mich völlig verlassen konnte, und der auch ein guter Maßstab für moralische Fragen war – dafür, was man machen kann und was nicht. Während ich manchmal dachte, ich muss bestimmte Sachen machen, weil ich der DDR nicht schaden wollte. Von ihm kam immer die Gegenbewegung. Gerd ist nicht zu kaufen.

Vielleicht gibt es auch einen Punkt in einer Beziehung, ab dem man gar nicht mehr auseinandergehen kann, weil man so viel gemeinsam erlebt und gemacht hat.

CW: Im Grunde ist es eine Symbiose. Wenn heute einer etwas über mich wissen will, über eine bestimmte Zeit oder eine Veröffentlichung, schicke ich ihn zu Gerd.

Der Text ist ein stark gekürzter Auszug aus Jana Simons Buch „Sei dennoch unverzagt“, das am 1.10. bei Ullstein erscheint – Gerhard Wolf und die Autorin lesen am selben Abend im Berliner Ensemble.

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