DAAD-Künstlerprogramm : Berliner Freiheit

Nan Goldin ist wieder da, Jeffrey Eugenides bereut, dass er weggegangen ist. Beide kamen mit dem DAAD nach Berlin. Seit 50 Jahren gibt es das Programm. Zum Jubiläum haben wir prominente Künstler zu ihrem Aufenthalt befragt.

Fotos: p-a/dpa (4), Imago (2), EFE/dpa, pa/Keystone, AFP
Fotos: p-a/dpa (4), Imago (2), EFE/dpa, pa/Keystone, AFP

Als 1961 die Mauer errichtet wurde, erschütterte das auch das kulturelle Leben West- Berlins. Wie konnte man Kreative in die Stadt holen? Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hatte eine Idee: Stipendien an Künstler, Literaten und Filmemacher zu vergeben. Seit 1963 kamen und kommen auf diese Weise hunderte Kulturschaffende in die Stadt, einige blieben. Der 50. Jahrestag des erfolgreichen Programms wird vom 5. bis zum 7. 12. gefeiert. Hier erinnern sich ausgewählte Stipendiaten an ihre Zeit – chronologisch geordnet. Wir beginnen mit einem Auszug aus einer Rede Ingeborg Bachmanns über West-Berlin.

A INGEBORG BACHMANN

Österreichische Schriftstellerin, 1926–73

DAAD-Jahrgang 1963

In Berlin sind jetzt alle Leute in Fettpapier gewickelt. Es ist Maiensonntag. Myriaden von Bierflaschen stehen bis zum Wannsee hinunter, viele Flaschen schwimmen auch schon im Wasser, nah an die Ufer gedrängt von Dampferwellen, damit die Männer sie noch herausfischen können. Die Männer öffnen die Flaschen mit den bloßen Händen, sie drücken mit dem Handballen die Verschlüsse auf. Einige Männer rufen befriedigt in den Wald: Wir schaffen es schon. Die Frauen in den Fettpapieren erwecken Mitleid, manche dürfen aus dem Papier und sich mit den fettigen Kleidern ins Gras setzen. Dann dürfen auch die Kranken an Land gehen. Wir haben so viele Kranke hier, sagt die Nachtschwester und holt die überhängenden Patienten vom Balkon zurück, die ganz feucht sind und zittern. Die Nachtschwester hat schon wieder alles durchschaut, sie kennt das mit dem Balkon, wendet den Griff an und gibt eine Spritze, die durch und durch geht und in der Matratze stecken bleibt, damit man nicht mehr aufstehen kann. Das letzte Passagierflugzeug fliegt ein, es gibt noch Tropfen, dann muss Ruhe sein; die Luftpost und Luftfracht später ist kaum mehr zu hören.

B DANIEL SPOERRI

Schweizer Künstler, 83

DAAD-Jahrgang 1973

Das Tollste war diese riesige Wohnung, da konnte ich das ganze Material für das „Musée Sentimental“ ausbreiten, an dem ich mit Marie-Louise von Plessen gearbeitet habe. In der Paris Bar war ich Stammgast, für die habe ich eins meiner „Fallenbilder“ gemacht, ich glaube, das hängt noch da. Dafür konnte ich lange frei konsumieren. Die Paris Bar, das Café Einstein, das Exil vom Ossi Wiener waren meine Heimat, dort lernte ich immer Leute kennen, ausländische Künstler. Zu Berliner Künstlern hatte ich kaum Kontakt. Mit dem Ed Kienholz bin ich jeden Samstag auf den Flohmarkt am 17. Juni. Wenn ich nichts zu tun hatte, bin ich nach Dahlem gefahren und hab’ mir Neuguinea im Völkerkundemuseum sehr genau angeguckt und in der Gemäldegalerie mittelalterliche Kunst. Das Schlimme war, ich musste oft mit dem Auto nach Köln, das hat mich furchtbar aufgeregt, die lagen in der DDR ja immer auf der Lauer, dass man was falsch macht. Dieses Eingeschlossensein wie in der Mausefalle hat mich gestört.

Die Stadt hat mich nicht bedeutend beeinflusst, die 13 Monate, die ich mal auf einer griechischen Insel verbracht habe, waren einschneidender. Aber ich habe die Zeit genossen. Heute möchte ich nicht mehr in Berlin wohnen, es ist mir zu kaltschnäuzig. Damals hat mich das nicht gestört, ich war ja selber kaltschnäuzig.

C ANTONIO SKÀRMETA

Chilenischer Schriftsteller, 73

DAAD-Jahrgang 1975

Wir sind in Berlin so freundlich, so warm aufgenommen worden! Ich war ja in einer traurigen Situation, nach dem Putsch in Chile bin ich mit der Familie ins Exil gegangen. Der DAAD hat sich wahnsinnig gekümmert, mir viele Kontakte verschafft. Er hat mir geholfen, Schriftsteller zu bleiben – ohne das Stipendium hätte ich ja anders Geld verdienen müssen. Es war eine Zeit voller Kreativität, ich konnte schreiben, was ich wollte, meine Stoffe wurden verfilmt. Ich hatte das Gefühl, beim DAAD treffe ich die ganze Welt, brasilianische, argentinische, polnische Künstler, und jeder hatte seine Geschichte, die haben wir uns erzählt. Ich habe so viele Freundschaften geschlossen. Als ich 2000 als Botschafter Chiles zurückkehrte, hatte ich das Gefühl, ich kenne die ganze Stadt.

1975 bin ich fast jeden Tag in die Autorenbuchhandlung gegangen und abends ins Florian, die Schaubühne erlebte ihre goldenen Zeiten, in der Philharmonie dirigierte Karajan. Treuer Tagesspiegel-Leser war ich natürlich auch. West- Berlin war einfach „my kind of town“, hier herrschte ein Gefühl von Freiheit, es ging nicht so ordentlich zu wie in anderen deutschen Städten, hier lebten viele junge Leute. Im Osten waren sie auch freundlich zu Exil-Chilenen, aber ich wollte in einer Demokratie leben. Ich bin tief in der Stadt verwurzelt. 1989 bin ich mit meiner zweiten Frau, einer Berlinerin, nach Santiago zurückgekehrt, meine Söhne und Enkelkinder wohnen heute noch hier.

D NAN GOLDIN

US-amerikanische Künstlerin, 60

DAAD-Jahrgang 1991

Für ein Jahr bin ich gekommen, drei bin ich geblieben. Es war eine der besten Zeiten meines Lebens, ich war clean und trocken und hatte diese wahnsinnig schöne Wohnung in Kreuzberg! Seitdem bin ich verdorben: Ich kann nur noch in großen hellen Wohnungen mit hohen Decken leben. Ich wusste ja gar nicht, was das mit einem macht, in New York hatte ich nur dunkle Höhlen.

Mein alter Freund David Armstrong kam rüber, eine extrem produktive Zeit. In einem Tag und einer Nacht haben wir drei Diashows zusammengestellt! Normalerweise brauchte ich Monate für eine. Wir hatten viel Spaß dabei. Überhaupt: Everything was just fun, fun, fun, der Alltag war eine Freude. Wir sind nach Sanssouci gefahren, ich war oft im Kino, das ist eins der großen Vergnügen in meinem Leben. Und dann all die Menschen. Ich habe meinen Verleger kennengelernt, mehrere Bücher gemacht, eins mit Joachim Sartorius, dem damaligen Leiter des DAAD, der ein enger Freund geworden ist: seine Gedichte mit meinen Bildern. Der Aufenthalt markiert einen Einschnitt in meinem Leben: Bis dahin wurde ich nur als Fotografin wahrgenommen, danach zum ersten Mal als Künstlerin ernst genommen und ausgestellt.

Einmal haben wir einen Ausflug nach Dresden gemacht, zum Zwinger, da habe ich verstanden, was ein farbiger Hintergrund mit Bildern macht. Danach habe ich meine Ausstellungswände auch angestrichen. Ich bin dem DAAD tief verbunden. Und jetzt lebe ich wieder in Berlin.

E RICHARD FORD

US-amerikanischer Schriftsteller, 69

DAAD-Jahrgang 1997

Diese wenigen Monate im Winter fühlten sich an, als wäre ich mit einem Fallschirm hinter den feindlichen Linien abgeworfen worden – und müsste nun die Welt neu für mich erkunden. Das war ein großartiges Gefühl, jeden Tag ging ich die Stadt von meiner Wohnung in der Uhlandstraße neu ab. Einen Tag bog ich nach rechts ab, einen anderen nach links, ich ging zu Fuß zur Paris Bar, spazierte zum Café Einstein oder ins Kempinski Hotel, ich nahm die S-Bahn zum Wannsee und besuchte Freunde im Literarischen Colloquium, fuhr mit dem Zug nach Potsdam hinaus oder in den Osten hinüber. Mein Verleger hatte sein Büro in Prenzlauer Berg, manchmal trafen wir uns im Restaurant Pasternak am Wasserturm und redeten über die Öffnung Ost-Berlins, das mir manchmal wie ein autonomes Gebiet vorkam. Die ganze Mitte der Stadt wurde neu errichtet, überall standen Kräne, Kräne, Kräne, am Potsdamer Platz habe ich mir gern den Fortschritt der Bauarbeiten angesehen. Ich hatte den Eindruck, an einem neuen Europa teilzuhaben. Die Stadt war perfekt, obwohl ich keine einzige Zeile schrieb. Ich führte ein unorganisiertes Leben, ging zu keiner der Veranstaltungen, zu denen mich der DAAD einlud, sondern tastete mich so nah wie möglich an diesen fremden Ort heran. Denn das war er, allein wegen der Sprache. Ich habe versucht, Deutsch zu lernen, der DAAD vermittelte mir eine Lehrerin, sie kam einige Male in meine Wohnung, aber es klappte einfach nicht.

F JEFFREY EUGENIDES

US-amerikanischer Schriftsteller, 53

DAAD-Jahrgang 1999

An meinem ersten Tag in Berlin bin ich zufällig im Prater gelandet. Das sanfte Licht der Glühbirnen, die in den Bäumen leuchteten, die Menschen, die sich im Biergarten unterhielten – eine tolle Atmosphäre. Es war einer dieser perfekten Sommer, wo alles stimmte: das Wetter, die Stimmung, die Menschen.

Eigentlich wollte ich ein Jahr bleiben, daraus wurden dann fünf. Zuerst wohnte ich in Wilmersdorf, später in der Nähe des Kleistparks. Ich lebte in einer großen Altbauwohnung mit fünf Zimmern. Nur ich, meine Familie, mein Computer. Überall in den Straßen hing der Geruch von Tabak und Kaffeebohnen in der Luft.

Durch das Künstlerprogramm lernte ich viele Künstler kennen, deutsche und internationale, die Freunde wurden. In New York ist es schwierig, echte Freunde zu finden. In Berlin konntest du abends einfach bei ihnen anrufen und fragen: „Wo bist du, was machst du?“ Und wir trafen uns, haben uns in ein Restaurant gesetzt oder eine Bar, getrunken und gegessen und ewig geredet.

Zur deutschen Sprache habe ich bis heute eine besondere Beziehung. Ich habe damals Deutschkurse belegt, außer mit den Taxifahrern und im Supermarkt konnte ich kaum üben – alle redeten Englisch, sobald sie merkten, dass ich Amerikaner bin. Deshalb hat sich mein Deutsch kaum verbessert. Mein Lieblingswort ist „Dunkelheit“. Ich mag, wie es klingt, nach einer literarischen Stimmung. Als meine Tochter eingeschult werden sollte, entschieden meine Frau und ich, in die USA zurückzugehen. Ich bereue das noch immer. Wir hätten bleiben sollen.

G TACITA DEAN

Britische Künstlerin, 48

DAAD-Jahrgang 2000

Wir haben in London alles ins Auto gepackt, sind losgefahren und nie zurückgekehrt. Nach einer Woche hatten mein Partner, Matthew Hale, und ich das Gefühl: Das ist unsere Stadt. Das Stipendium hat unser Leben und meine Kunst völlig verändert. Davor war das Meer mein Thema, mit Berlin hörte das auf. Dank der Begegnung mit Niels Borch Jensen habe ich plötzlich mit Drucken gearbeitet, mit Gerhard Steidl fing ich an, Bücher zu machen.

Ich wohnte vorher in einem schäbigen Apartment in King’s Cross, als wir in diese Altbauwohnung in Charlottenburg kamen, dachten wir: Wenn wir später so wohnen könnten, wären wir im Paradies! Genau dort leben wir heute mit unserem Sohn, der in Berlin geboren wurde.

Alles war anders, ich habe das genossen: das Gefühl, fremd zu sein. Der Duft des Grunewalds, das ist für mich Berlin – der DAAD hatte mir ein Atelier in der Nähe des Brückemuseums gegeben, das habe ich geliebt. Und der Fernsehturm. Der ist mein Berliner Leuchtturm, wahnsinnig schön, mit jedem Mal wurde er schöner. 2000, als ich meinen Film dort gedreht habe, hat er noch nach Osten gerochen. Den Sound von Berlin habe ich auch eingesammelt, Aufnahmen im Olympiastadion und in der Friedrichstraße gemacht.

Dank des DAAD haben wir viele Leute getroffen, mit Künstlern wie Janet Cardiff und George Miller sind wir noch heute befreundet. Allein die Ausstellungseröffnungen in der DAAD-Galerie über dem alten Café Einstein waren ein großes geselliges Ereignis. Schade, dass sie dort weg sind. England ist eine Insel und fühlt sich auch so an. Es gefällt mir, jetzt stärker mit Europa verbunden zu sein.

H SWETLANA ALEXIJEWITSCH

Weißrussische Schriftstellerin, 65

DAAD-Jahrgang 2011

Meine eindrücklichste Begegnung in Berlin war die mit einer älteren Frau aus dem Ostteil der Stadt, einer Russischlehrerin, ehemalige DDR-Intelligenzija. Ich traf sie 2011, also 22 Jahre nach dem Mauerfall – und sie war noch nie im Westteil der Stadt gewesen. „Wer braucht 20 Sorten Joghurt?“, schimpfte sie. „In der DDR gab es zwei, hat das nicht gereicht?“ Mich erinnerte diese Haltung an die instinktive Ablehnung des Kapitalismus, der ich in meiner Heimat oft begegne. Seit mehr als zehn Jahren führe ich Gespräche mit ehemaligen Sowjetbürgern, um den postsozialistischen Wandel zu dokumentieren. Entstanden ist dabei das Buch „Secondhand-Zeit“, das ich in Berlin vollendet habe. Gewohnt habe ich als DAAD-Stipendiatin in Friedenau, nachdem ich schon die zwei Jahre zuvor in Gesundbrunnen gelebt hatte, auf Einladung des PEN-Clubs. In Friedenau mochte ich die alte Architektur, in Gesundbrunnen die lebendigen Straßen, die vielen Migranten, die Parks mit den türkischen Familienvätern.

Deutsch habe ich kaum gelernt, ich war zu beschäftigt mit meinem Buch. Bloß einen Satz gibt es, der mir immer in den Sinn kommt, wenn ich nach Auslandsreisen zurück nach Minsk oder Moskau komme, wenn sofort das vertraute russische Durcheinander beginnt, du angepöbelt wirst, die Autos nicht für dich anhalten und alle drängeln, um sich gegenseitig ihr Fleckchen unter der Sonne streitig zu machen. Dann fällt mir sofort dieser merkwürdige deutsche Satz ein: „Ordnung muss sein.“ Und ich denke: Irgendwie haben die Deutschen recht.

I OTOBONG NKANGA

Nigerianische Künstlerin, 39

DAAD-Jahrgang 2013

Im Juni hat das Künstlerprogramm für mich begonnen, seitdem habe ich eigentlich nur gearbeitet, meist renne ich von einem Termin zum nächsten. Ich wünschte, ich könnte mehr von Berlin entdecken, am liebsten mit meinen Freunden, aber momentan fehlt mir die Zeit. Deswegen habe ich die Stadt bisher nur als Arbeitsplatz entdeckt, noch nicht so recht als Privatperson. Ich versuche, meine Termine immer in das Café Savigny in der Nähe der Universität der Künste zu legen, der Minze-Ingwer-Tee dort schmeckt besonders gut.

Die Kunstszene hier ist toll. Die Menschen sind jünger, sehr fokussiert auf ihre Arbeit, die meisten Ausstellungen, Studios und Workshops sind gerammelt voll, ich treffe viele Künstler aus aller Welt. Besonders gut gefällt mir das Atelier Savvy Contemporary in der Richardstraße in Neukölln: alternative Kunst, Installationen und Fotografie.

Ich habe den Eindruck, in Europa sind die Menschen mehr bei sich. Zum Beispiel in der U-Bahn: Sie sprechen weniger miteinander, lächeln kaum. Mein Lieblingswort auf Deutsch ist „Entschuldigung“, wegen des lustigen „gung“ am Ende. Es macht Spaß, mit diesem Wort zu spielen, und ich höre es wirklich sehr oft. So wie „Tschüss“. Das klingt einfach glücklich. So eine nette Art, sich zu verabschieden. Tschüss!

Der Text von Ingeborg Bachmann ist ein Auszug ihrer Büchnerpreis-Rede 1964, die der Wagenbach Verlag 1965 und 1999 veröffentlichte: „Ein Ort für Zufälle“. Die übrigen Personen haben Susanne Kippenberger (4), Sarah Levy (2), Jens Mühling und Ulf Lippitz protokolliert.

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