Das Haus der Schriftstellerin Elizabeth Gaskell : Zum Tee bei der toten Mrs. Gaskell

Ein Museum der speziellen Art: Man darf sich sogar in den Sessel der Schriftstellerin setzen. Zu Besuch in Manchester

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Im Wohnzimmer der Schriftstellerin Manchester.
Im Wohnzimmer der Schriftstellerin Manchester.Foto: Joel Chester Fides

Skandal! Ein gefallenes Mädchen aus der Arbeiterschicht, verführt, geschwängert und sitzengelassen, als tragische Hauptfigur einer Erzählung! Im Jahre 1853 fanden das einige Männer so empörend, dass sie das Buch gleich verbrannten. Oder ihren Frauen die Lektüre von „Ruth“ verboten. Elizabeth Gaskell nahm es, wie so vieles, mit Humor. Um ihre Moral machte sich die Schriftstellerin und Pfarrersgattin keine ernsthaften Sorgen.

Die Gaskells waren Unitarier, die bis heute als besonders progressiv, sozial und menschenfreundlich gelten. Das Ehepaar hatte offene Augen für das Elend, das sie in Manchester umgab, dort, wo der Kapitalismus der wüstesten Art erfunden wurde. Um diesen zu erforschen, waren Gaskells Zeitgenossen Marx und Engels ja in die englische Industriestadt gekommen.

Jetzt nagte doch das schlechte Gewissen an der Schriftstellerin. Wenn hier so viele Menschen zusammengepfercht in Kellerlöchern hausten – wie konnten sie (1850) in eine Villa an den Stadtrand ziehen, noch dazu, wo die Miete eigentlich ihren finanziellen Rahmen sprengte? Aber das Paar wollte seinen vier Töchtern Freiraum bieten, einen Garten zum Spielen. Und das klassizistische Haus war ein Glückgsgriff gewesen, „groß, fröhlich und luftig“, wie die befreundete Schriftstellerin Charlotte Bronte feststellte; Elizabeth Gaskell schrieb später die erste Biografie über Bronte.

Dort, hinter dem Vorhang, hat Bronte sich versteckt. Schüchtern, wie sie war, mochte die Älteste der berühmten Schwestern anderen Gästen nicht begegnen. Und von denen gab’s hier reichlich. Schon um ihr Gewissen zu beruhigen, hatte die muntere Hausherrin beschlossen, dass die Villa nicht nur dem eigenen Vergnügen dienen sollte. Harriet Beecher Stowe („Onkel Toms Hütte“) logierte eine Woche hier, Dickens war häufig zu Gast, druckte er doch Gaskells Geschichten in seiner Zeitschrift ab.

Um ehrlich zu sein: Es war nicht genau der Vorhang, in den Charlotte Bronte sich wickelte, nur so ein ähnlicher, der jetzt in dem Haus hängt, das im Herbst als Museum eröffnete und als solches viel Lob von den britischen Medien erntete.

Die letzten Gaskells waren 1913 aus Plymouth Grove Nr. 84 ausgezogen; bis zu ihrem Tod hatten die beiden unverheirateten Töchter hier gelebt. Das Inventar wurde versteigert, sechs Tage dauerte die Auktion, eine andere Familie zog ein, später wurde es internationales Studentenwohnheim. Dass der Bau, der schon auf der Liste gefährdeter Denkmäler stand, jetzt ein so sympathisches Museum ist, hat seine berühmte Ex-Bewohnerin ihren Fans zu verdanken, deren Zahl in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen ist, nicht zuletzt angestachelt durch diverse Verfilmungen. Feministinnen waren die Ersten, die die Schriftstellerin in den 70er Jahren wiederentdeckten, inzwischen gibt es einen ganzen Schwung Biografien über sie.

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