Hinter der Pointen steckt gute Recherche

Seite 2 von 2
Das politische Kabarett : Zum Schießen!
von
Ensemble von "Die quicklebendige Leiche" in den 80er Jahren.
Ensemble von "Die quicklebendige Leiche" in den 80er Jahren.Foto: mauritius images

Unter Sammy Drechsels Leitung avancierte die Lach- und Schießgesellschaft zur bekanntesten Kleinkunstbühne des Landes. Die Vorstellungen waren meist sechs bis acht Wochen vorher ausverkauft; in den Reihen saßen Prominente und das Münchner Bildungsbürgertum. Was natürlich auch damit zusammenhing, dass es für die Deutschen nach einer Diktatur und in den Jahren der Adenauerzeit geradezu befreiend war, sich die frechen Sprüche dieses Ensembles anzuhören. Es bestand neben Dieter Hildebrandt aus Ursula Herking, Hans-Jürgen Diedrich und Klaus Havenstein. Seitdem haben die Programme meistens Wortspiel-Namen à la „Eine kleine Machtmusik“ (1958), „Halt die Presse“ (1963) oder „Reich ins Heim“ (1992). Das aktuelle Programm heißt: „Wer sind wieder wir“.

Die Ensembles wechselten, legendäre Autoren wie Klaus-Peter Schreiner schrieben die Programme, Kabarettgrößen wie Henning Venske und Rainer Basedow stießen hinzu. Erst 1981 übrigens trat im Schwabinger „Laden“ zum ersten Mal ein richtiger Bayer auf: Bruno Jonas, der schnell auch im Radio und im Fernsehen zum Star des politischen Kabaretts wurde.

Was hat sich denn im Wesentlichen verändert in all den Jahrzehnten, Herr Hanitzsch? Da muss der Münchner Satiriker nicht lange nachdenken: „Eigentlich nichts.“ Natürlich, die Themen wechseln, die Protagonisten auch. Aber die Herangehensweise, die sei immer gleich geblieben: „Erst wird journalistisch gearbeitet, dann satirisch bearbeitet.“

Will heißen: Der Kabarettist denkt sich nichts aus, sondern recherchiert erst mal gründlich, oder lässt recherchieren. Seit er 1961 zur Lach- und Schieß gestoßen ist, erinnert sich Dieter Hanitzsch, musste er, der Betriebswirtschaft studiert hatte, immer mal wieder seinem Freund Dieter Hildebrandt wirtschaftliche Zusammenhänge erklären: „Zum Beispiel wollte er wissen, wie das System der Europäischen Zentralbank funktioniert. Erst wenn er in den Fakten sicher war, hat er eine Nummer daraus gemacht.“ In den ersten Jahren schoss sich das Ensemble auf den Bundesnachrichtendienst ein, in dessen Beamtenreihen damals viele alte Nazis saßen. Aber die Kabarettisten behaupteten das nicht einfach – sie brachten nur das auf die Bühne, was recherchiert und bewiesen war. Natürlich, um es dann satirisch zu überhöhen.

Der Satiriker als Moralist, das ist die Tradition von Tucholsky und Kästner

Das ist bis heute so geblieben. Und vielleicht ein bisschen härter und abgründiger geworden. Wenn der Chef des Nestlé-Konzerns fordert, die Wasserversorgung stärker zu privatisieren, reglementieren die Schwabinger Kabarettisten in ihrem aktuellen Programm konsequenterweise auch den öffentlichen Zugang zur Luft. Ihr Opfer: ein Nestlé-Manager. Der stirbt auf der Bühne den Erstickungstod, leider.

Die Mächtigen verspotten, das politische System entlarven, das Publikum zum Nachdenken bewegen – das sind die hehren Ziele dieser Art des Kabaretts, seit jeher. Auch wenn die Macher natürlich realistisch genug sind, zu wissen, dass die meisten Besucher ihr Theaterchen nicht im Revolutionsmodus verlassen, sondern bestenfalls gut amüsiert.

Und doch: Ein Mann wie Dieter Hildebrandt hat wohl daran geglaubt, dass es seine Aufgabe und Bestimmung ist, im Dienste der Aufklärung zu arbeiten. „Das Lachen ist ein sehr anarchischer Vorgang, fast revolutionär“, sagte er einmal dem (in den 80er Jahren für seine Gespräche berühmten) Interviewer André Müller. In einer anderen Passage räsoniert er darüber, dass es am besten wäre, die „Schwarzwaldklinik“ zu verbieten, weil sich als Folge dieser Sendung „65 Prozent der Bevölkerung mit einer Welt identifizieren, die in Wirklichkeit nicht existiert“.

Müller: Obwohl es so viele sehen wollen?

Hildebrandt: Nicht obwohl, sondern weil.

Müller: Wäre das nicht eine Bevormundung der Mehrheit?

Hildebrandt: Doch. Aber zu ihrem Vorteil.

Der Satiriker als Moralist und Weltverbesserer, das ist die Tradition von Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Und bis heute das Grundmuster eines Kabaretts, das sich bewusst abhebt von unpolitischen Komödianten vom Schlage eines Mario Barth. Und sich damit seinerseits der Gefahr aussetzt, als naiv und gestrig veralbert zu werden. Wobei es mittlerweile Künstler gibt, die in ihren Programmen die vermeintlich unversöhnlichen Richtungen zusammenbringen. Der Bayer Michael Mittermeier zum Beispiel, der sich als Stand-up-Comedian versteht und dabei auch mal über CSU und Polizeiwillkür lästert.

Hildebrandt und Drechsel sitzen als Engel auf einer Wolke

Beim Jubiläumsabend der Lach- und Schießgesellschaft, der im Sommer dieses Jahres aus Platzgründen in den Münchner Kammerspielen zelebriert wurde, ist Mittermeier natürlich auch aufgetreten. So wie all die anderen aus den vergangenen sechs Kabarett-Dekaden, die ihren Ruhm vor allem dem „Laden“ verdanken.

Werner Schneyder zum Beispiel, der in seinen Vorstellungen einst die jeweils aktuelle Kunstkritik aus der „Süddeutschen Zeitung“ vorlas und mit den geschwollenen Formulierungen der Kunstbetrachter enorme Heiterkeitserfolge erzielte. Oder Konstantin Wecker, dieser münchnerischste aller Münchner Künstler, der schon in den Achtzigern im „Scheibenwischer“ aufmüpfige Lieder singen durfte. Und auch wenn das Jubiläum zu einer Weihestunde geriet und die Münchner Theaterwelt ehrfürchtig über die große Tradition dieser Bühne spricht, ist die Lach- und Schießgesellschaft kein Fall fürs Kabarettmuseum.

Dieter Hanitzsch zeichnete zum 60-Jährigen die verstorbenen Kabaretthelden Dieter Hildebrandt und Sammy Drechsel als Engel auf einer Wolke sitzend und mit einer Einladung in der Hand. „Bin jespannt, wer uns gratuliert“, sagt der Berliner Drechsel. Darauf Hildebrandt: „… oder beschimpft!“

Das ist nun wirklich der Beweis, dass das politische Kabarett nicht tot ist.

Artikel auf einer Seite lesen

0 Kommentare

Neuester Kommentar