Das Schicksal von Maria do Socorro : Mit Haut und Haar

Am Amazonas helfen die Kinder von Fischern bei der Arbeit. Maria do Socorro wird dabei skalpiert – und kämpft lange um Respekt.

Ruedi Leuthold
Mit sieben Jahren verlor Maria (2.v.r.) bei einem Unfall beinahe ihr Leben, ihr Vater (o.) saß mit im Boot.
Mit sieben Jahren verlor Maria (2.v.r.) bei einem Unfall beinahe ihr Leben, ihr Vater (o.) saß mit im Boot.Foto: Leuthold

Es ist früher Morgen, ein Wolkendeckel hockt über dem flachen Land aus Wasser und Wald, ein Elf-PS-Motor hält Joaquims Kahn gegen die aufkommende Flut auf Kurs. Der Fischer sitzt auf einem Aufbau, er hat das Steuerseil um den Bauch gebunden. Es sieht aus, als sei er es, angeschirrt wie ein Ochse vor dem Pflug, der das Boot vorwärtsschleppt.

Maria do Socorro, seine Tochter, hat auf einer windgeschützten Bank hinter ihm Platz genommen. Drum herum der Amazonas. Brasilien, heißt es, sei nichts für Anfänger. Socorro ist keine Anfängerin, obwohl sie weder lesen noch schreiben kann. Auch Präsident Lula, bei dem sie im Büro saß, besuchte die Schule bloß vier Jahre lang. Seit sie in seinem Büro war, weiß sie, wie ihr Land funktioniert.

Ihr Vater Joaquim weiß, wie man überlebt. Er ging nie zur Schule. Arbeitete, bis er sich ein eigenes Boot kaufen konnte. Mit 16 begann er, die Fischgründe und Wasserwege zu erkunden, als er 24 war, nahm er sich eine Frau. Dem ersten Kind folgten sieben weitere. Joaquim hörte auf zu saufen. Er ist ein verantwortungsbewusster Vater. Maria Socorro, das dritte Kind, hatte als einziges helle Haare. Ihre vielen Tanten ließen nicht zu, dass Socorros blondes Haar je geschnitten wurde. Jeden Sonntag kämmten sie es und erfanden neue Frisuren für ihre Prinzessin.

Es ist Mittag, als wir aus Macapá kommend die Ilha Rasa erreichen und Joaquim sein altes Boot ankert. Ein paar Baumstämme, ins trübe Wasser gelegt, führen an Land. Die Bewohner, einige hundert, sind alle verwandt miteinander, sagt Socorro. Sie klettert über die Stege ihrer Kindheit. „Warst du wieder in Brasilia?“, fragt sie der Großvater. „Nein“, antwortet sie. „Der Kampf ist gewonnen. Ich muss mich nicht mehr verstecken.“

Es war der 21. August 1988, und das Boot, das Joaquim damals besaß, trug den Namen „José Luis“. Wie alle Boote, die sich in den flachen Gewässern des Archipels bewegen, befand sich der Motor im Innern, eine zwei Meter lange Achse, 2300 Umdrehungen pro Minute, führte zur Schiffschraube. Joaquim war ein erfahrener Fischer, deshalb hatte er hölzerne Latten über die Antriebsvorrichtung gelegt. Seine Frau kam mit und die drei ältesten Kinder. Am frühen Abend fuhren sie zur unbewohnten Insel Ilha dos Bichos. Die ganze Nacht lang schleppten sie das Netz das Ufer entlang, Joaquim vom Boot aus, seine Frau vom Strand, sie fingen Trommlerfische und Raubwelse.

Morgens um sechs Uhr fuhren sie heim, die Mutter hüllte sich in ein Leintuch und legte sich schlafen. Joaquim verstaute seinen Fang, die Kinder saßen vorne und bedienten das Steuerseil. Socorro stand auf. „Ich seh mal nach, ob Wasser im Boot ist.“ Die Siebenjährige wollte sich nützlich machen. Sie kletterte nach hinten, hob die Latten, und heute, 24 Jahre später, erinnert sie sich nur noch daran, dass ein Windstoß um ihren Kopf fuhr und die Haare ihr vornüberfielen.

Als Joaquim aufsah, waren die Bootswände voller Blut, das Haar und die Kopfhaut seines Kindes drehten sich in der Achse des Motors. Socorro kam erst wieder zu sich, als sie auf ihrer Insel waren. Im Krankenhaus in Belem nahmen ihr die Ärzte Haut von den Oberschenkeln und spannten sie über Socorros Schädel, wo die Kopfhaut von der Nasenwurzel bis zum Nacken weggerissen war.

Monate vergingen, die Wunde heilte nicht. Die Mutter schlief auf dem Fußboden neben dem Bett, bis ihr eine mitleidige Besucherin eine Matratze brachte. Nach anderthalb Jahren im Krankenzimmer packte die Mutter ihr Kind und nahm es nach Hause mit. Innerhalb weniger Wochen, warnten die Ärzte, werde es an einer Infektion sterben. Aber die Mutter, Maria das Graças, war im Dschungel aufgewachsen. Sie schickte ihren Mann, die Rinde vom Stamm des Pracuùba zu holen, einem Mahagonigehölz, frisches Holz vom Mombinpflaumen- und anderes vom Leopardenbaum. Die Mutter zerkleinerte die Stücke, drei Mal täglich beträufelte sie Socorros Kopf mit dem Saft, den sie daraus presste, und nach wenigen Monaten war die Wunde verheilt.

Socorro erzählt. Manchmal stockt sie. Schaut ins vorbeifließende Wasser. Ihr linkes Auge tränt. Beim Unfall, bei dem sie die Kopfhaut, die Ohrmuscheln und die Augenbrauen verlor, verletzte sich auch der Tränenkanal. „Niemand kann nachfühlen, was es bedeutet, eine skalpierte Frau zu sein“, sagt sie. „Aber ich habe meine Identität, und wer glaubt, ich hätte mit der Kopfhaut auch mein Gehirn verloren, der täuscht sich. Angst, in den Spiegel zu schauen, habe ich keine. Das war einmal anders. Es geschah aus Verzweiflung, damals war ich zwölf, dass ich von zu Hause weglief und mich einer Jugendgang anschloss, aus Angst, dass mich nie jemand gern haben wird mit dieser Lederhaut auf dem Kopf.“

Jetzt ist Sorocco 30, hat vier Kinder, Tiana, die Älteste, ist 15. „Das war ein Unfall. Eigentlich eine Vergewaltigung. Der Mann, bei dem ich gearbeitet hatte, ließ mir ausrichten, er bringe mich um, wenn ich Anzeige erstatte. Deshalb sagte ich nichts.“ Als Kind wollte sie Fischer werden wie ihr Vater. Dann wollte sie eine Mutter sein, auf die ihre Tochter stolz sein könnte. „Ich dachte, ich sei die Einzige mit diesem Problem. Ich wusste nicht, dass hier in Amazonien jedes Jahr 20 bis 30 Mädchen und Frauen bei einem Bootsunfall skalpiert werden.“ Es gibt keine Statistiken, aber bestimmt weit über 1000 Opfer. Erst dank einer Psychologin, die eine Doktorarbeit über skalpierte Frauen machte, lernte Socorro 2007 weitere Opfer kennen. „Ich sagte, wir müssen eine Genossenschaft bilden und für unsere Rechte kämpfen. Wir träumten davon, unsere Haare wieder zu haben. Aber davon sprachen wir nicht in unseren Versammlungen. Wir wollten, dass man uns so akzeptiert, wie wir sind. Dass man uns schließlich hörte, haben wir Trindade zu verdanken.“

Igarape das mulheres, Bach der Frauen, heißt das alte Hafenviertel der Stadt Macapá am Amazonas. Kleine Kähne und Hausbarken liegen im Hafen, das Wasser sieht so trüb aus wie die Kneipen, aus denen Musik lärmt. Die Häuser sind ein- und zweistöckig, ein weiß gestrichenes ist mit der Anschrift versehen: Haus der skalpierten Frauen. Hier treffen sie sich, Socorro, ihre Freundin Trindade und einige mehr.

Trindade ist 53. „Früher konnte ich meine Geschichte nicht erzählen, ohne zu weinen“, sagt sie. „Heute erzähle ich sie, als wäre sie jemandem anderen passiert. Früher fragte mich mein Sohn: Mutter, wieso lachst du nie? Ich sagte: Ich bin nicht die, die du siehst. In mir drin wohnt eine andere Person, aber die traut sich nicht heraus. Heute getraut sie sich. Ich lache viel, tanze gerne, am liebsten den Lambada-Zouk, eng und sinnlich.“

Was sie verändert hat? Der Kampf. Socorro besucht Trindade im Hof ihres kleinen Backsteinhauses. Trindades Kopf ist von einem dicken Verband bedeckt. Socorro trägt einen Hosenanzug aus leichtem Stoff, mit schwarz-weißem Leopardenmuster. Ein Fernseher steht auf dem Wäschetisch. Aber jetzt ist nicht die Zeit für eine Telenovela. Sie erinnern sich an ihr eigenes großes Abenteuer, das sie nach Brasilia führte.

Im April 2007 trafen sich in jeder Gemeinde Brasiliens Frauen, um ihre Probleme zu diskutieren. Als Vorbereitung für den großen Frauenkongress. „Wir wussten nicht einmal, was ein Kongress ist“, sagt Socorro und kichert. „Aber wir wollten dabei sein.“ Trindade nickt. „Die Lesben und die Schwarzen gerieten sich bald in die Haare. Alle wollten mehr benachteiligt sein und schrien sich an.“ Da stand Trindade auf. „Ich packte das Mikrofon, sprang auf den Tisch und schrie: Ich verstehe nicht, warum schwarze Frauen weiß werden wollen. Und ihr Lesben habt ja selber gewählt, was ihr seid. Aber ich, ich habe es nicht gewählt, so auszusehen.“ Dann zog sie die Perücke vom Kopf. Auf einen Schlag war es ganz still im Saal, stiller als in einer Kirche. Trindade rief: „Steht auf, Socorro, Reinilda, damit man euch sieht!“

Danach wollte der Gouverneur sie sehen. Er habe nie etwas gehört von diesem Problem der Bootsunfälle. Ihr Anliegen landete auf dem Kongress. Am letzten Tag saß Präsident Lula auf dem Podium. Trindade erzählt: „Ich schlich mich nach vorne, ließ mich von keinem Polizisten aufhalten, stürmte auf die Bühne, sagte: Ich bin nicht hergekommen, um zu betteln. Ich will kein Geld. Ich will Respekt.“

Socorro fährt fort: „Es gab eine öffentliche Anhörung im Kongress. Wir waren sechs skalpierte Frauen, vor allen Anwesenden zogen wir die Perücken aus. Fünf Jahre lang hatte mein Mann mich nie ohne Perücke gesehen, und jetzt sah ich, mit nacktem Schädel, der ganzen Welt in die Augen.“ Der Kongress erließ ein Gesetz, das die Bootsbauer verpflichtet, Motor und Achse abzudecken. Es garantiert den Opfern eine kleine Invalidenrente und Wiederherstellungschirurgie.

Wie oft mussten sie nach Brasilia reisen, um Druck zu machen. „Und als es nicht vorwärtsging“, sagt Sorocco. „da sagte ich im Büro von Präsident Lula, wenn nichts geschieht, beschweren wir uns bei der internationalen Menschenrechtskommission.“ So lernten die skalpierten Frauen, wie Politik in Brasilien funktioniert – nach dem Prinzip der erpresserischen Umarmung. Nicht anders als auf dem Marktplatz in Macapá. Viel Geschrei, eine kleine Erpressung, die erlösende Umarmung. Willkommen in Brasilien!

Der Text ist ein stark gekürzter Auszug aus Ruedi Leutholds Buch „Brasilien – Der Traum vom Aufstieg“ (Nagel & Kimche).

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