David Graeber über Bürokratie : "Ich bin nicht gegen Regeln"

Das bekannteste Gesicht der Occupy-Bewegung hat ein neues Buch geschrieben, diesmal über Bürokratie. Im Interview erklärt der Amerikaner den Charme der Anarchie - und warum er Bürokraten verachtet.

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Ein Occupy-Wall-Street-Demonstrant, New York 2011.
Ein Occupy-Wall-Street-Demonstrant, New York 2011.Foto: AFP

David Graeber, 55, gilt seit seinem internationalen Beststeller "Schulden" als "intellektueller Star". Der Anthropologe lehrte in Yale und arbeitet nun an der London School of Economics. Gerade erschien von ihm das Buch "Bürokratie. Die Utopie der Regeln" (Klett-Cotta)

Sie haben große Probleme mit Formularen, ja?
Ich war als Bohemien lange von ihnen verschont. Doch als meine Mutter sehr krank wurde, musste ich plötzlich diesen ganzen Papierkram erledigen. Das Bankkonto und das Haus mussten überschrieben werden, dann der Kampf mit der Krankenkasse ums Geld – es war furchtbar!

Herr Graeber, das klingt ganz normal.
Nein. Oft wurde ich reingelegt, und das von Menschen, deren amtliche Aufgabe es war, mir zu helfen. Mal durfte völlig willkürlich nur eine bestimmte Menge Geld auf dem Konto sein, wenn ich etwas abheben wollte. Dann akzeptierten sie Dokumente nicht, weil angeblich die Notarin etwas falsch gemacht hatte, andauernd solche Sachen. Das war meine Einführung in eine Welt, in der sie jeden zum Idioten machen.

Daraus ziehen Sie den Schluss, die moderne Bürokratie gleiche „den Exzessen in der Sowjetunion“ und „unser Leben dreht sich um das Ausfüllen von Formularen“. Das ist doch maßlos aufgebauscht.
Jedenfalls ist es heute schlimmer als je zuvor. Wir reden nur nicht darüber, und das, obwohl wir sicher ein ganzes Jahr unseres Lebens nur mit dem Ausfüllen von Formularen verbringen. Verrückt!

Wenn wir aus Ländern ohne effiziente Bürokratie zurückkehren, etwa Griechenland oder Ägypten, sind wir froh, dass die Ämter hier funktionieren.
Ich verurteile nicht pauschal jede Bürokratie. Ich beschreibe nur, was uns dabei so erschreckt und auch, warum wir es trotzdem heimlich mögen.

Sie übertreiben wieder. Wo soll da der Spaß sein?
Weil es ist wie beim Spielen. Es gibt Regeln, die jeder einhalten muss – und man hat die Chance, zu gewinnen.

Ihre Anklage gegen die Übermacht der Bürokraten klingt wie bei neoliberalen Populisten, die wie einst Ronald Reagan oder heute der britische Premier David Cameron gegen „die Last der Bürokratie für die Wirtschaft“ wettern.
Ja, so tönen sie, nur meinen sie es nicht so. Sie wollen ja nur die Macht der Regierungen und des Staates beschneiden. Tatsächlich sehe ich seit den 70er Jahren eine zunehmende Verschmelzung der staatlichen mit der privaten Bürokratie. Das lässt sich kaum noch trennen. Denken Sie an die Formulare, die Sie für den Online-Einkauf ausfüllen müssen, oder was die Banken von ihren Kunden einfordern.

Für einen Bürger bieten klare Vorschriften etwa für Arbeitsplätze sowie ein funktionierender Rechtsstaat Schutz vor der Willkür von Arbeitgebern.
Ich bin nicht gegen Regeln. Ich wende mich gegen die Androhung von Gewalt, mit der ihre Einhaltung erzwungen wird. Oder wenn sie dazu dienen, bei Bankkunden unverschämt hohe Gebühren zu kassieren, wenn sie ihr Konto überziehen.

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