Design : Möbel, wechsel dich!

Sie lassen sich leicht zusammensetzen und zerlegen: Sofas, Tische und Regale für moderne Nomaden. Ein aktueller Design-Report.

Sarah Levy
Alleskönner: Das Regal „Klopf Klopf“ von Johannes Häuser kann Küchenregal, Arbeitsfläche, Stauraum oder Werkbank sein.
Alleskönner: Das Regal „Klopf Klopf“ von Johannes Häuser kann Küchenregal, Arbeitsfläche, Stauraum oder Werkbank sein.Foto: privat

Tock! Tock! Mit zwei beherzten Schlägen hämmert Johannes Häuser die dicke Eichenholzplatte in die Federstahlklemmen. „Fertig“, sagt er, schiebt seine runde Brille den Nasenrücken hoch und betrachtet sein Werk. Vor ihm steht ein Regal aus Eichenholz, zwei Bretter, vier Beine, vier Querbalken. „Klopf Klopf“ heißt das Möbelstück, das mehr ist als ein Regal. Es ist Stauraum, Schreibtisch, Küchenschrank, Arbeitsfläche und Werkbank zugleich. Die Anzahl und Länge der Hölzer bestimmt der Nutzer selbst, so wandelt sich das Stück je nach Bedarf.

„Ein Möbelstück sollte auf unterschiedliche Lebenssituationen zugeschnitten sein“, findet Häuser. Die Idee zu „Klopf Klopf“ kam dem Diplomdesigner während seines Studiums. „Damals bin ich oft umgezogen“, erzählt der 26-Jährige. Er hat Produktdesign in Darmstadt studiert, jetzt lebt und arbeitet er in Leipzig. „In einer WG hatte ich ein kleines Zimmer, da habe ich mir gewünscht, dass ich meinen Schreibtisch mit der großen Arbeitsfläche auch als Stauraum nutzen kann.“

Wer oft umzieht, sagte sich Häuser, hat keine Lust auf Bohren, Nageln oder andere Handwerkereien, die viele Möbel nach dem ersten Aufbau unbrauchbar machen. Für den Aufbau seines Multifunktionsregals braucht Häuser keine Schraube, keinen Nagel. Sein einziges Werkzeug: ein Gummihammer. In 15 Minuten und 9 Sekunden hat er die massiven Eichenstäbe mit den Brettern zusammengeklopft, und wäre er nicht so ein Perfektionist, dann wären es sicher nur zwölf Minuten gewesen.

Häusers Regal ist ein Möbelstück für moderne Nomaden – „Leute zwischen 20 und 30, die oft den Standort wechseln“, erklärt der Designer. „Heute ändert sich der Lebensraum ständig, aus dem Zuhause wird plötzlich ein Home-Office.“ Zehn bis 15 Mal hat er das Regal schon auf- und wieder abgebaut, ist damit umgezogen und hat es auf Design-Wettbewerben ausgestellt. Bis auf ein paar Druckstellen auf dem massiven Holz, die die Klemmen hinterlassen haben, wirkt das Stück wie neu. Bei den Materialien achtete Häuser auf Wertigkeit, das Regal soll noch ein paar Umzüge überstehen. Praktisch: Die Einzelteile passen in Häusers alten VW Polo.

Häusers Regal ist Teil einer Design-Bewegung, die sich „Nomadic Furniture“ nennt. Leichte Materialien, leichter Auf- und Abbau ohne Qualitätseinbußen, leichter Transport: Das sind die Hauptgedanken des mobilen Designs. Beim mobilen Design wird geklopft, gesteckt und verschraubt, möglichst oft, möglichst ohne die Möbel abzunutzen. Im Mittelpunkt stehen Stücke, die so flexibel sind wie die Menschen, die sie benutzen: Menschen, deren Zuhause dort ist, wo ihr Computer steht und sie ihr Handy aufladen können.

Einer dieser Menschen ist Sanghyeok Lee. „Sorry, ich bin gerade erst vom Flughafen gekommen.“ Mit diesen Worten öffnet der 30-Jährige die Tür seiner kleinen Wohnung in Moabit. Lee wirkt an diesem Tag müde, immer wieder fährt er sich durchs verwuschelte Haar. Er ist nur kurz hier, fürs Wochenende, der Designer arbeitet gerade für einige Monate in Kopenhagen. Lees Lebenslauf ist typisch für den modernen Nomaden: Er wurde in Südkorea geboren, studierte „Living Object and Furniture“ im niederländischen Eindhoven und in Rhode Island, USA. Berlin bezeichnet er aber weiterhin als seinen Lebensmittelpunkt.

Dort kam ihm auch die Idee für seine Einrichtungsserie mit dem Namen „Useful Arbeitsloser“. In seiner Nachbarschaft wird so viel gebaut, erzählt er. Das Haus in seinem Hinterhof ist seit einem Jahr von Baugerüsten umgeben. „Wenn es fertig ist, werden die Gerüste abgebaut, eingepackt und zur nächsten Baustelle transportiert. So ähnlich ist meine Arbeit als Designer in einem fremden Land auch.“ Als der Designer 2012 nach Moabit zog, musste er sich erst mal an das deutsche System gewöhnen. Er fing bei Null an, fand keinen Job, sein Visum drohte nicht verlängert zu werden. Auch mit der deutschen Sprache hatte er zu kämpfen. „Ich bin ein guter Designer“, erklärt Lee, „aber in Berlin bin ich einfach ein Arbeitsloser.“

Unauffälligkeit und Funktionalität stehen auch bei Lees Möbeln im Mittelpunkt. Seine Regale und ein Couchtisch werden von dezenten Gewinden aus Messing zusammengehalten, sie verbinden helle Ahornbretter und abgerundete Holzstäbe. Lediglich die Form erinnert an ein Baustellengerüst, die Möbel sind elegant, die hellen, matten Materialien machen sein kleines Wohnzimmer behaglich.

„Menschen, die viel beruflich unterwegs sind, wollen es wohnlich haben“, findet Stephanie Krinke. „Wer möchte schon in anonymen Apartments leben?“ Die 26-jährige Designerin hat deshalb „Mome“ entworfen, die Einrichtung für ein vollständiges Wohn- und Schlafzimmer aus leichten Materialien. „Mome“ steht für Mobilität und Home, Zuhause. Ein Bett, ein Kleiderregal, Schreibtisch, Stuhl, Sessel, Aufbewahrungsboxen, Teppich, Leuchte und Haken. Die Einzelteile passen in einen handlichen Koffer aus LKW-Plane. Die Teile sind so konzipiert, dass sie beliebig im Raum platziert werden können, ohne von einer Wand, der Decke oder dem Boden abhängig zu sein. Alles wird zusammengesteckt und verschraubt. Auch der Koffer gliedert sich als Aufbewahrungsbox in die Einrichtung ein. Für die Möbelstücke hat Krinke leichtes Holz verwendet, Baumwolle, wattierte Schaumpolster und leichte Metalle. Das Schwierigste: „Das Bett kleinzukriegen.“ Mit aufblasbaren Isomatten fand sie eine Lösung. Eine Art modernes Camp.

Dieser Gedanke beschäftigte auch Stephanie Hornig. „Das Dasein moderner Nomaden ist vergleichbar mit Camping“, sagt die gebürtige Österreicherin. Nach einem Studium an der Universität der Künste in Berlin arbeitet die 27-Jährige heute als Designerin in London. „Meine Freunde, Bekannten und Professoren sind ständig auf Achse“, erzählt sie, „sie ziehen um, haben einen Lehrauftrag in Berlin und Zürich, gehen für einen Job ins Ausland.“

Hornig selbst zog es während ihres Studiums nach Mailand. Aus diesem Lebensgefühl heraus hat sie eine Einrichtungsserie entworfen: ein Sofa, „Camp Daybed“, mit quietschgrünem Bezug, das Sitzmöbel, Bett und Schlafsack zugleich ist. Ein Tisch, dessen leichter Fuß wie ein Sonnenschirmständer mit Wasser befüllt wird und der so Stabilität erhält. Eine Lampe, deren Steinsockel zugleich eine Steckdose ist. Wenige Teile, großer Nutzen, hohe Flexibilität.

Woher kommt das Bedürfnis der modernen Nomaden nach Reduktion? „Ich empfinde viel Besitz als Ballast, als Verantwortung, selbst wenn ich nicht zu Hause bin“, findet Krinke. Während der Entwicklung von „Mome“ hat sie einen Selbstversuch gemacht und ihr Eigentum auf 100 Dinge reduziert. Sie erstellte Listen: Dinge, die sie braucht, Dinge, die sie mit ihren Mitbewohnern teilt, und Dinge, die sie verkaufte oder verschenkte. Und merkte: Ihr fehlt nichts. „Luxus kostet Zeit, Energie und Geld. Ich will frei sein und mein Leben nicht unnötig mit Dingen belasten.“

„Meine Generation hat keine Einbauschränke mehr“, fasst Hornig zusammen. Dabei wollen die meisten modernen Nomaden nicht unbedingt ständig umziehen. „Es geht uns eher um das Gefühl, dass wir es könnten.“

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