Die besten Plakate aus Berlin : Print wirkt

Gute Plakate fallen ins Auge und bleiben im Kopf. Gestaltungs-Professor Fons Hickmann erklärt, warum die kreativsten Poster zur Zeit in Berlin entstehen.

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Büro LSD: „Volksbühne Berlin“, 2015. Plakatkampagne für die Volksbühne.
Büro LSD: „Volksbühne Berlin“, 2015. Plakatkampagne für die Volksbühne.Foto: "Anschlag - Berlin"

Fons Hickmann, 49, ist Grafiker, Autor und Professor für Gestaltung an der Universität der Künste. 2001 gründete er das Designstudio „Fons Hickmann m23“ . Er ist Co-Kurator der Plakat-Ausstellung „Anschlag – Berlin“ . Das Protokoll führte Jan Oberländer.

"Vorneweg: Es geht hier nicht um Reklame für Waschmittel oder Autos. Es geht um das Plakat als künstlerisches Kommunikationsmedium. In der Ausstellung „Anschlag Berlin“, die ich zusammen mit Sven Lindhorst-Emme kuratiere, präsentieren wir Plakate von rund 35 Berliner Künstlern und Designstudios. Wir wollen ein Spektrum der letzten fünf Jahre zeigen, Meilensteine der zeitgenössischen Ästhetik. Die mehr als 100 Arbeiten in der Schau sind extrem unterschiedlich – illustrative, typografische, monochrome Plakate. Manche sind Unikate, die hängen nur im Atelier oder in Ausstellungen. Andere sind in Kleinstauflagen erschienen, wieder andere sind Massenware. Was ganz toll ist: Der Künstler Patrick Thomas hat uns eigene Ausstellungsposter gedruckt, schicke große „A“s, wie „Anschlag“, weiß auf schwarz.

Beim Betrachten der Auswahl wird schnell klar: Einen einheitlichen Berliner Stil gibt es nicht, das Typische ist die Diversität. Allen Gestaltern gemeinsam ist ihre Haltung dem Medium gegenüber. Dass sie es nicht werblich verstehen, sondern mit ihrer Arbeit eine künstlerische oder politische Position einnehmen. Der Gestalter übernimmt Autorschaft, entwickelt eine individuelle künstlerische Sprache, mit Farbe, mit Schrift, mit Linien.

Selbstverständlich zeigen wir auch Plakate für Veranstaltungen, etwa für die Volksbühne oder für eine Ausstellung im Jüdischen Museum. Die hingen in großer Auflage im öffentlichen Raum, vielfach nebeneinander an den Bauzaun gekleistert. Guten Gestaltern gelingt es auch, für eine Veranstaltung ein künstlerisch wertvolles Plakat zu machen. Das Serielle finde ich aber nur interessant, wenn ein Plakat bewusst daraufhin gestaltet ist, sich ein Dialog ergibt oder ein Farbspiel entsteht.

Schrift ist nicht zwingend notwendig, aber hilfreich

Ich habe mal zehn Sätze zum Plakat aufgestellt, darunter „Das Plakat hat einen Standpunkt“, „Das Plakat reduziert auf die Essenz“ und „Das Plakat kommuniziert gerade heraus“. Vielleicht fasst es das schon ganz gut zusammen. Ein gutes Plakat wird getragen durch eine klare Botschaft, eine klare Haltung – thematisch oder ästhetisch. Schrift ist nicht zwingend notwendig, aber hilfreich, wenn man eine politische Botschaft transportieren will.

Plakatkunst aus Berlin
Atelier Milchhof: „Helden, Freaks und Superrabbis“, 2014. Ausstellungsplakat für das Jüdische Museum Berlin.Weitere Bilder anzeigen
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13.05.2016 17:34Atelier Milchhof: „Helden, Freaks und Superrabbis“, 2014. Ausstellungsplakat für das Jüdische Museum Berlin.

Die perfekte Plakatgröße gibt es nicht. Man kann ja auch nicht sagen: Ein großes Gemälde ist besser als ein kleines. In der Ausstellung ist das kleinste Plakat DIN A1 groß, das größte hat 140x180 Zentimeter, das ist dann schon ein Riesenformat. Allerdings würde ich schon sagen, dass es Sinn hat, größer zu arbeiten als A1. Ich empfehle meinen Studenten immer, bei A0 anzufangen, also größer als das, was man normalerweise auf der Litfasssäule sieht.

Die Schweizer würden vielleicht widersprechen, wenn ich das jetzt sage, aber: Berlin ist zur Zeit die Hauptstadt der Plakatkunst. Okay, die Japaner sind auch unglaublich gut, doch hier entsteht gerade etwas, das Strahlkraft hat. Es gibt Ausstellungen zu Berliner Plakaten in Frankreich, in Moskau. Wir werden international als Design-Metropole wahrgenommen, stärker, als wir es selbst tun.

Berlin hat eine lange Tradition in dem Bereich. Spannend ist die Entwicklung vom illustrativen Plakat zum Sachplakat. Anfang des 20. Jahrhunderts haben Plakatkünstler prächtig und überbordend gearbeitet – jeder kennt die Bohème-Motive von Toulouse-Lautrec. Ab den 1910er Jahren begannen Berliner Gestalter, das Plakat anders aufzufassen. Sie ließen alles Ornament, allen Schnickschnack weg und reduzierten sich auf klare Botschaften. Das hat weltweit stilprägend auf Werbung, Grafik, Kunst gewirkt.

Gerade machen die ersten spezialisierten Galerien auf

Schon vor einem Jahr haben wir eine Auswahl aktueller Berliner Plakatkunst in Luzern ausgestellt, auf Einladung der dortigen Schule für Grafik. Und weil die Schau so ein schöner Publikumserfolg war, dachten wir: Wir müssen das auch hier zeigen, in erweiterter und angereicherter Form. Und es wird sogar noch weitergehen: Wir sind kurz vor der Einigung mit dem Museum für Neue Kunst in Schanghai für eine Ausstellung 2017.

Fons Hickmann, 49, ist Grafiker, Autor und Professor für Gestaltung an der Universität der Künste.
Fons Hickmann, 49, ist Grafiker, Autor und Professor für Gestaltung an der Universität der Künste.Foto: Ina Schoof

Klar, die Berliner erfinden nicht die Plakatgestaltung neu. Beuys hat Plakate gemacht, Warhol sowieso. Aber in dieser geballten Qualität hat es das bisher nicht gegeben. Besonders ist auch, dass hier so viel Mut vorhanden ist, in einem Medium zu arbeiten, mit dem man – zumindest im Moment noch – wenig kommerziellen Erfolg haben kann. Viele Plakate haben keine Auftraggeber, die Gestalter bauen ihre eigenen Druckwerkstätten auf. Hauptberuflich macht das keiner. Für das Plakat als eigenständige Kunstform gibt es noch gar keine Definition, keine Vertriebsstrukturen. Gerade machen die ersten spezialisierten Galerien auf. Obwohl dieses Medium schon so lange da ist, ist es erst jetzt im Aufbruch."

Ausstellung „Anschlag – Berlin“ - bis 22. Mai, Direktorenhaus, Am Krögel 2, Mitte, tägl. 13–18 Uhr, der Eintritt ist frei. Die Website zur Schau: www.anschlag-berlin.de.

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