Die erste Nobelpreisträgerin : Eine skandalös kluge Frau

Marie Curie revolutionierte die Physik – dennoch musste sie um Anerkennung kämpfen. Ein experimentelles Leben.

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Die Affäre mit zerstörte fast ihre Karriere. Hier eine Szene aus dem Film "Marie Curie", der gerade in den Kinos läuft. Foto: P’Artisan Filmproduktion
Die Affäre mit zerstörte fast ihre Karriere. Hier eine Szene aus dem Film "Marie Curie", der gerade in den Kinos läuft.Foto: P’Artisan Filmproduktion

Gerade noch war Elektrizität das ganz große Ding gewesen. Nun das: Es gab offenbar eine weitere geheimnisvolle Kraft, die aus dem scheinbar unteilbaren Innersten der Materie zu kommen schien. Und das widersprach den Gesetzen der Physik, wie sie die Welt des 19. Jahrhunderts kannte. Wenn man Holz verbrennt oder Wasser zum Kochen bringt, dann wird Energie frei, natürlich. Aber wie kann Materie Energie hervorbringen, ohne sich dabei zu verändern?

Diese Frage wurde zum großen Thema auf dem Physikalischen Kongress im Rahmen der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900. Conrad Röntgen war als erster auf die mysteriösen Strahlen gestoßen. Er konnte sie nicht richtig erklären, nannte sie zunächst x-Strahlen und durchleuchtete die Hand seiner Frau. Henri Becquerel erkannte, dass Uran ähnliche Strahlen erzeugte, die nicht zum Spektrum des sichtbaren Lichts gehörten.

Doch es war das Ehepaar Curie, das an dieser Stelle weiterging und dem Phänomen einen Namen gab, es zu seinem Lebensthema machte – wobei das Leben des einen da schon nicht mehr lange währen sollte. Lange genug immerhin, bis die beiden erkannten, dass ihre Strahlen Produkt eines Zerfallsprozesses im Innersten sind. Sie nannten es Radioaktivität, ein Schlagwort, das im anbrechenden 20. Jahrhundert ein neues physikalisches Zeitalter ankündigte. Denn dass es um nichts weniger ging, würde alle Welt schon noch sehen. Spätestens nach knapp 50 Jahren, als die erste Atombombe explodierte.

Zerstört Radium nicht nur Tumoren, sondern auch Ehen?

Natürlich konnten die Zeitgenossen der Jahrhundertwende solche Nebenwirkungen nicht ahnen. Auch nicht Marie und Pierre Curie, die neben der Radioaktivität zwei neue Elemente entdeckten, Polonium und Radium, die hundert- wenn nicht tausendfach mehr strahlten als Uran. Es gelang ihnen in einem Pariser Hinterhofschuppen, in dem der Regen durch das marode Glasdach tropfte, eine „Kreuzung zwischen einem Stall und einem Kartoffelkeller“ nannte ein deutscher Chemiker das Labor. Schon bald war der Schuppen derart verstrahlt, dass er hätte gesperrt werden müssen, wenn man es nur gewusst hätte.

Die beiden waren also auf einem gefährlichen Weg, der jedoch direkt in die Zukunft führte, während die Öffentlichkeit erst einmal ein altes Thema verdauen musste.

Ein Ehepaar? Mann und Frau? Und sie wusch nicht etwa ihm nur die Wäsche, sie war es, die das Wort „Radioaktivität“ als erste in das gemeinsame Arbeitsbuch schrieb! Das allein ist schon einen Aufruhr wert, in einer Welt, in der ein seinerzeit geschätzter Schriftsteller namens Octave Mirbeau befand, eine Frau habe keinen Verstand, sondern ein Geschlecht. Warum will die auch noch den Doktor machen?

Die Zeitungen fanden schließlich ihre ganz eigene Definition für das, was da strahlte. Die Kraft der Liebe nämlich: „Denn das Feuer des Radiums, das so geheimnisvoll brennt, hat eben ein Feuer im Herzen eines Wissenschaftlers entzündet, der das Radium hingebungsvoll studiert; und die Frau und die Kinder dieses Wissenschaftlers sind in Tränen aufgelöst…“, schrieb 1911 „Le Journal“ als der Skandal seinem Höhepunkt entgegenstrebte. Für das Publikum war nun klar: Radium zerstört nicht nur Krebstumoren, wie man langsam begriff. Es vernichtet auch Ehen.

Maria wuchs in Polen auf, mit 24 ging sie nach Paris

Das ist das Spannungsfeld, in dem sich die Curies und darin vor allem Marie Curie bewegten: zwischen 1897, dem Jahr, in dem das Wort Radioaktivität erstmals niedergeschrieben wurde, und 1911 – als aufgebrachte Pariser der inzwischen als Ehebrecherin gebrandmarkten Marie Steine ins Fenster warfen. Kein Wunder, dass dieses Leben bereits ihre Generation aufregte. Da war genug Achterbahn drin, dass es auch noch für Emotionen bei den Nachgeborenen reicht.

Seit dieser Woche ist dieses Leben wieder im Kino zu besichtigen. Das heißt, eigentlich beschränkt sich die Regisseurin Marie Noëlle, in Deutschland lebende Französin, in ihrem Film „Marie Curie“ auf eben diese wenigen Jahre, die aufregend genug waren. Ohne Probleme wäre noch mehr drin gewesen in dieser unglaublichen Person, einer im wesentlichen alleinerziehenden Mutter, die als erste Frau einen Lehrauftrag an der Sorbonne erhielt, als erste einen Nobelpreis für Physik und als einzige Frau noch einen zweiten dazu, den für Chemie.

Natürlich machte sie ihren Doktor, doch nicht nur den, sondern auch noch einen LKW-Führerschein. Im Film übrigens wird Marie Curie von der polnischen Schauspielerin Karolina Gruszka verkörpert. Das passt. Polen war die erste Heimat der Curie, die als Maria Salomea Skłodowska 1867 in Warschau geboren wurde. Mit 15, ein Jahr früher als damals üblich, legte sie das Abitur ab. Doch damit endete ihre Ausbildung vorerst, mehr war für ein Mädchen im damaligen Europa nicht vorgesehen. Erst recht nicht in Polen, dem zwischen Deutschland, der österreichischen Vielvölkermonarchie und Russland aufgeteilten Land.

Maria lernte in den polnischen „Fliegenden Universitäten“, ein illegales Netzwerk ohne festen Standort, und unterrichtete die Kinder eines Gutsherrn. Erst mit 24 ging sie 1891 nach Paris, begann dort mit dem Studium der Physik. Frankreich zählte zu den wenigen Ländern, in denen das für Frauen möglich war. Doch von den 1800 Studenten der naturwissenschaftlichen Fakultät der Pariser Sorbonne waren damals nur 23 weiblich.

Pierre stellte seine eigene Forschung zurück, um ihr zu helfen

24 war ziemlich alt für einen Studienanfänger. Albert Einstein publizierte mit 26 seinen Aufsatz zur Relativitätstheorie. Doch Marie, wie sie jetzt genannt wurde, schloss ihr Studium nach zwei Jahren als Beste ihres Jahrgangs ab. Und sie lernte einen neun Jahre älteren Doktoranden kennen, der wie sie wenig auf Konventionen gab, sich dafür mehr für Magnetismus interessierte. Zur Hochzeit wünschte sich das Paar nicht den üblichen Hausrat, sondern zwei neue Fahrräder, mit denen sie eine Radtour in die Bretagne unternahmen.

Es war Marie, die die Arbeit an den gerade entdeckten Becquerel-Strahlen aufnahm, und Pierre, der seine eigene Forschung zurückstellte, um ihr zu helfen. Wer dann den größeren Anteil hatte, lässt sich nicht mehr sagen, nur, dass sie ihre Arbeitshefte gemeinsam führten. Marie in ordentlicher Handschrift, Pierre ein wenig krakelig. Beide hatten gegen Widerstände zu kämpfen, mussten den Beweis erbringen, dass es sich bei denen von ihnen entdeckten Elementen Polonium und Radium tatsächlich um neue Substanzen handelte – was in der Wissenschaft ebenso umstritten war wie das Phänomen der Radioaktivität.

Dieser Beweis war nur zu erbringen, wenn es gelänge, reines Radium zu gewinnen. Ein mühsamer Prozess, Marie Curie brauchte vier Jahre, um ein Zehntel Gramm aus einer Tonne Pechblende, dem Abfall eines Uranbergwerks, zu gewinnen.

In welcher Gefahr sie schwebten, ahnte keiner. Marie unterbrach die Arbeit weder während ihrer Schwangerschaft, noch nach der Geburt ihrer Tochter. Neben den Eintragungen ins Arbeitsheft notierte sie ein Rezept für Johannisbeer-Gelee und die Fortschritte ihrer Tochter. So schrieb sie eine Woche nach der Entdeckung des Poloniums, der Name war eine Referenz an die alte Heimat, „Irène geht schon sehr gut auf allen Vieren. Sie sagt Gogli, gogli, go.“

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