Die  MITFAHRER : Clash der Kulturen

Von: Kassel nach Clausthal-Zellerfeld Dauer: 45 Minuten Auto: Opel Insignia Cabrio Insassen: 2.

Leander Huth

Nur ein Platz in einem Cabrio. Klingt verlockend, wenn es auch mein linkes Gewissen etwas belastet. Wer ein Cabrio fährt, verdient genug Geld. Der kann sich das Benzin allein leisten. Warum fahr’ ich nicht mit einem Studenten, der die Strecke fürs gleiche Geld in einem alten VW Polo mit drei weiteren Insassen anbietet? Ist der Fahrer vielleicht einsam? Oder gar ein Gewalttäter?

Ich bin neugierig und entscheide mich für das Cabrio. Der Fahrer heißt Stephan, seine Stimme am Telefon klingt freundlich. Er bietet mir an, mich zu Hause abzuholen. Das sei auf dem Weg zwischen seinem Arbeitsplatz und der Autobahn. Ich ahne Schlimmes, liegen doch nur Thyssen-Krupp und die Bombardier-Werke zwischen meiner WG und der Autobahn. Ich ahne richtig: Meine Mitfahrgelegenheit arbeitet als Abteilungsleiter bei Bombardier. Immerhin ist seine Abteilung für Züge der Deutschen Bahn und nicht für Kampfjets zuständig, beruhige ich mich. Ich warte nervös. Ich bin noch nie in einem Cabrio gefahren.

Ein schwarz-metallic lackiertes Auto biegt um die Ecke. Das Verdeck ist offen. Der Fahrer steigt aus, kurze blonde Haare, glatt rasiert, teure Designerbrille. Ich schaue an mir herunter: zerschlissene Jeans mit Schlag, Nietengürtel. Im Moment trage ich lange Haare, Vollbart. Stephan geht freundlich auf mich zu. Falls mein Auftreten ihn verschreckt, merke ich es ihm nicht an. Sein teurer Anzug liegt auf der Rückbank.

Als wir über seine Firma sprechen, lasse ich ihn meine studentisch-linke Haltung spüren. Dann sagt Stephan, dass er gern 2000 Euro an Steuern zahlt, weil er hofft, dass davon etwas in die Bildung fließt. „Deswegen nehme ich auch Studenten mit, ich hole mir bei dir einen Teil der Steuergelder zurück.“ Ich lache.

Von nun an nimmt er mich regelmäßig mit. Ich erzähle von Studienprotesten, er vom Stress im Büro. Oft sagen wir nichts und genießen das Fahren oben ohne durch die schöne Naturlandschaft im Oberharz. Die Serpentinen, der Wind in den Haaren, der Duft der blühenden Bäume. Irgendwann sitze ich auf seinem Sofa, feinster Stoff, schaue mir auf seinem 52-Zoll-Flachbildfernseher Urlaubsbilder aus Kuba an. Es gibt Rinderfilet und Rotwein aus der Designerküche. Ich freue mich, warmes Essen bekomme ich sonst nur in der Mensa. An den Wochenenden fahren wir Cabrio, unter der Woche besucht mich Stephan bei der Arbeit in einer von Kassels Szenekneipen.

Längst muss ich für die Mitfahrten nichts mehr bezahlen. Sein persönlicher Beitrag zum Erfolg meines Studiums, scherzt er manchmal. Sein Bier in meiner Studentenkneipe geht auf mich.Leander Huth

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