Die  MITFAHRER : Entertainment mit Fontane

Von: München nach Berlin Dauer: 20 Stunden Auto: Sehr großer Kartoffellaster Insassen: Drei.

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Diese Geschichte ist schon ein paar Jahre her, es gab noch keine Handys. Ich erzähle hier nur die letzte Etappe, die an einer Münchner Autobahnauffahrt begann. Wir, zwei 18-jährige Berliner mit Rucksack, waren auf der Heimreise aus Griechenland und seit Wochen unterwegs, was man uns wahrscheinlich ansah. Wir waren nicht die Einzigen, die mit ihren Schildern die Auffahrt säumten, da standen noch andere Tramper, als ein gewaltiger Lastwagen mit zischendem Geräusch stehenblieb. Der Lkw hatte Berliner Kennzeichen, weshalb ich mit beiden Armen winkend auf ihn zurannte und dabei „Berlin“ rief. Im gleichen Moment hielt ein Polizeiwagen, das Herumlungern an der Autobahnauffahrt war auch damals schon verboten. Auf ein Zeichen des Fahrers kletterten wir unverzüglich in den Laster, der sich sofort in Bewegung setzte.

„Berlin?“ fragte ich drinnen noch mal. der Fahrer bejahte, erklärte aber, er müsse einen klitzekleinen Umweg machen. Es war etwa 12 Uhr mittags.

Bald verließen wir die Autobahn, stoppten vor einem Bauernhof und nahmen Kartoffeln auf. Ich suchte ein Telefon und rief meine Mutter an. „Mach dir keine Sorgen“, sagte ich, wobei klar war, sie machte sich seit Wochen welche, „wir sind heute Abend in Berlin.“

Tatsächlich steuerten wir noch diverse bayerische Dörfer an, in denen der Lastwagen – er war irre groß – beladen wurde. Ich weiß nicht, wie so etwas heute gemacht wird, vermute mal irgendwie effektiver. Zwischendurch klemmte die Bremse, weshalb wir nur noch Tempo 30 fuhren, bis sie sich wieder löste.

Er sei jetzt müde, erklärte uns der Fahrer, müsse aber bis spätestens drei Uhr im Fruchtmarkt an der Berliner Beusselstraße sein. Wir sollten ihn bitte den Rest der Fahrt irgendwie wachhalten. Ebenfalls müde, beschlossen wir, uns beim Bespaßen des inzwischen reichlich fertig aussehenden Fahrers abzuwechseln.

Im Laufe der nächsten Stunden kriegte er also zweimal zu hören, wie unser Urlaub so war und dass wir gerade Abitur gemacht hätten. Als ich ihm etwas über die Ballade bei Fontane erzählte, mein mündliches Prüfungsthema, steuerte er den Straßengraben an. Ich schrie, er schreckte hoch und fuhr auf den nächsten Rastplatz, wo er uns bat, wir sollten ihn in 20 Minuten wecken. Dann legte er den Kopf aufs Lenkrad und schlief ein.

Berlin erreichten wir gegen halb acht am Morgen. 45 Minuten später bog ich in meine Heimatstraße ein. Meine Mutter sah ich schon von weitem. Sie stand auf dem Balkon. Mir war das unangenehm, weshalb ich mit ihr geschimpft habe. Was mir im Rückblick ehrlich gesagt ein bisschen peinlich ist. Andreas Austilat

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