Die  MITFAHRER : Im Flug über die Autobahn

Von: Stuttgart nach Berlin Dauer: 10 Stunden Auto: Mercedes Insassen: 3.

Alexandra Rojkov

Wir waren jung und dumm und hatten kein Geld. Zumindest nicht für die Autofahrt oder den Zug. Meine Freundin Leonie und ich hatten einen Flug gebucht: Berlin–Stockholm. An einem Mittwochabend, 20 Uhr, war Abflug. Am selben Mittwochmorgen stellten wir uns um 8 Uhr an eine Schnellstraße in Stuttgart.

Die Idee zu der Reise hatten wir ein paar Tage zuvor gehabt. Wir wollten weg, und das war der billigste Flug gewesen. Mitfahrgelegenheiten gab es keine.

Mein Papa hatte uns sein Zelt geliehen. „Wisst Ihr, wie man es aufbaut?“, hatte er gefragt. „Klar!“, war meine Antwort. Wir waren 21, und es gab nichts, was wir nicht konnten. Das Universum war auf unserer Seite.

Es war Anfang August, der Sommer hatte begonnen. Wir saßen auf unseren Rucksäcken und löffelten Erdbeerjoghurt, vor uns ein Pappschild: „Berlin“, in silberner Schrift. Um 8.30 Uhr nahm uns ein junger Typ mit. Er könne uns nicht weit bringen, warnte er. Besser als nichts, sagte Leonie. Die Fahrt dauerte 40 Minuten. Um 9.10 Uhr standen wir an einer Raststätte bei Heilbronn.

Um 10.30 packten wir unsere Isomatten aus und legten uns in die Sonne. Manche Autofahrer zuckten mitleidig die Achseln, die meisten starrten an uns vorbei. Leonie drehte eine Runde durch den Kiosk und sprach Autofahrer an. Platz hatten alle, mitnehmen wollte uns keiner. „Falsche Richtung.“ Führten denn nicht alle Wege nach Berlin?

Um 11.30 wurde ich langsam nervös. Ich begann zu rechnen. Halb zwölf plus sechs Stunden Fahrt ergab nichts Gutes. Wieso hatten wir keinen Plan B? Warum waren wir uns so sicher gewesen, dass alles irgendwie klappt? Bald würden wir unsere Eltern anrufen müssen, damit sie uns abholen. Den Flug würden wir verpassen, das Geld wäre futsch. Genauso wie unser Glaube an das Karma dieser Welt.

Um 13.30 hielt ein schwarzer Mercedes. Der Fahrer, ein älterer Herr im Anzug, blickte uns freundlich an. Sollten wir aufgeben? Jetzt, da wir es ohnehin nicht mehr schaffen konnten? Leonie und ich sahen uns an – und stiegen ein.

„Ihr habt es also eilig?“, fragte der Herr. Wir nickten zögerlich. Plötzlich drückte der Mann aufs Gas. Der Tacho schoss hoch: 160…200…240. „Ich fahre gerne schnell“, meinte er. Später sahen wir, dass er ein Funkgerät im Auto hatte: Seine Frau gab ihm durch, wo Radarfallen standen. Kurz vorher bremste er ab, danach rasten wir weiter. Der Mann war eine Gefahr für die Allgemeinheit – aber er hat unseren Urlaub gerettet. Und das Gefühl, dass immer alles gut wird.

Das Zelt aufzubauen war dann ein Klacks.Alexandra Rojkov

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