Die  MITFAHRER : Schrei mich nicht an!

Von: Konstanz nach Frankfurt-Hahn Dauer: 4 Stunden Auto: VW Golf Insassen: 2.

von

Es traf sich bestens, dass sie ein Auto besaß. Und es ist wohl bezeichnend, dass mir die Fahrt, nicht aber ihr Name im Gedächtnis blieb: etwas Kompliziertes mit J. Sie und mich verband nichts als die Tatsache, dass unsere beiden Freunde zusammen an einem Ort studierten, der zwar nicht schlecht, von Konstanz am Bodensee aus aber auch nicht optimal zu erreichen war. Uppsala, Schweden, zwei Physiker im Austauschsemester. Der billigste Flug dorthin war in jenem Frühsommer 2002 von Frankfurt-Hahn aus zu haben, und weil J ein Auto besaß, buchten wir kühn einen Flug um 7 Uhr früh.

Frankfurt-Hahn liegt rund 400 Kilometer von Konstanz entfernt. Wir verabredeten uns vor der Mensa der Fachhochschule für ein Uhr nachts. Weil ich ohnehin ein Spätschläfer bin, hielt ich es für wenig sinnvoll, vor Abfahrt überhaupt zu versuchen zu schlafen. Meine Strategie war: Besuch der FH-Party, Rucksack holen und los. J war entsetzt und ging früh zu Bett.

Um ein Uhr parkte ihr dunkelblauer Golf am verabredeten Treffpunkt. Das Auto war voll betankt, ich war nüchtern, bester Laune und fahrbereit. Nur J war müde. Kein Problem, wir hatten, zu ihrer Beruhigung, ohnehin verabredet, dass ich die erste Hälfte der Strecke fahre. Sie stellte den Beifahrersitz weit nach hinten, deckte sich mit ihrer Kapuzenjacke zu und schärfte mir ein, sie unter keinen Umständen unsanft zu wecken. „Schrei mich bloß nicht an“, sagte sie. „Und stoß mich nicht.“ J studierte Biologie, und ich erinnere mich, dass sie eine mir wenig einleuchtende Erklärung dafür hatte, dass schreckhaftes Erwachen schlecht für sie persönlich sei. Was mit Atemnot. Ich fuhr los. J schlief ein.

Nach etwa 200 Kilometern richtete ich vorsichtig erste Worte an die Beifahrerliege. Keine Reaktion. Ich sprach lauter. Nichts. Ich streichelte sanft Js Schulter. Keine Bewegung. Ein bisschen müde war ich nun doch. Ich öffnete das Fenster. Tastete nach meinem Rucksack auf dem Rücksitz. 200 Kilometer lang hatte ich deutschen Hip-Hop gehört, das reichte. Ich kam nicht ran an meine CDs, die Beifahrerliege war im Weg. Ich drückte wieder auf Play, stellte die Musik lauter, sang mit. Ich tat so, als stoße ich zufällig mittelfest an Js Arm. Fester. Nichts. Ich rief etwas wie: „J, mir reicht’s!“ Wirklich laut. Wieder nichts. Da gab ich auf.

Wir erreichten den Flughafen wie geplant gegen fünf Uhr früh. Als ich auf den Parkplatz abbog und langsam durch die Reihen rollte, bewegte sich J und gähnte. Ich parkte. Sie blickte auf die Uhr. „Hat doch wunderbar geklappt“, sagte sie und blinzelte. Über dem Flugfeld ging die Sonne auf. Katja Reimann

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