Die  MITFAHRER : Und plötzlich ist alles anders

Von: Wien nach Halle Dauer: 8 Stunden Auto: Opel Corsa Insassen: 2.

Robert Wenrich
Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.
Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.Illustration: TSP

Paul möchte Geld sparen. Deswegen fährt er, anstatt die Vignette für die österreichische Autobahn zu lösen, lieber über verwinkelte Landstraßen Richtung Tschechien. Ohne Navi, ohne Karte – und offenbar ohne jedes Orientierungsvermögen, denn seit mehr als einer Stunde kurven wir an diesem Vormittag schon durch niederösterreichisches Hinterland.

Ich bin zwar Besserwisser, ich weiß, wo es langgeht, aber auch Masochist. Im Kopf rechne ich mir aus, um wie viel teurer und zeitraubender diese Kurverei verglichen mit der Vignette ist. Was wohl der schnaufende Corsa für einen Verbrauch hat? Sind wir in diesem Dorf nicht schon vorhin gewesen?

Stunden später fahren wir auf der tschechischen Autobahn. Paul erzählt, dass er gerade von einem Besuch bei einer Freundin käme. Mit ihr gelaufen wäre aber nix, fügt er nicht ohne Wehmut hinzu. Nun fährt er wieder zurück nach Halle. Ich wollte eigentlich nach Berlin. Leider ist mein Großvater gestorben, also muss ich nach Salzgitter oder Goslar gelangen. Der Plan lautet: von Halle per Bummelzug am Harz entlang. Habe ich erwähnt, dass es Sonntag ist und wir pünktlich zum Dienstschluss der DB Regio in Halle eintreffen müssen?

Unter diesem Zeitdruck bin ich nicht allzu gesprächig. Paul schon. Er redet zunächst von der universellen Liebe – im Kosmos, versteht sich –, dann von der Seelenwanderung und landet letztlich bei den Heilkräften der Amethyste. Zuerst gehe ich etwas im Gespräch mit, merke aber, dass ich nur sarkastisch reagiere und verstumme lieber.

Wie aus dem Nichts fragt Paul auf der Prager Tangente, ob ich meine Familie besuchen will? Ja. Ob vielleicht etwas passiert ist? Ja. Ein Trauerfall? Ja. „Mein Beileid“, sagt er. Plötzlich wirkt sein Corsa nicht mehr zugemüllt, sondern heimelig, Pauls Fahrweise nicht mehr verschnarcht, sondern aufmerksam und umsichtig. Er entpuppt sich als sensibler Zuhörer. Die Zeit vergeht. Wie schnell, merke ich, als wir die erste Hallesche Ausfahrt rechts liegen lassen. Ihr folgen die zweite und dritte. Paul fragt, wie viel Geld ich bei mir hätte. Fahrpreis plus 30 Euro. Paul braucht Geld, aber darum ginge es ihm nicht. Ich soll geben, was ich will. Er würde mich so weit fahren, bis der Tank noch nach Halle zurück reichen würde.

Er reicht bis kurz vor Wernigerode. Mitten auf einer Landstraße setzt er mich ab. Ich bedanke mich, er drückt mir fest die Hand und wünscht mir Kraft. Dann wendet er den Corsa.

Während ich auf meine Schwester warte, die ich angerufen habe und mich nun abholt, schaue ich in den violetten Abendhimmel, der sich von der dunklen Silhouette des Harzes abhebt – wie ein riesiger Amethyst. Robert Wenrich

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