Die  MITFAHRER : Zwei Brüder

Von: Paris nach Trier Dauer: 8 Stunden Auto: Opel Corsa, gelb Insassen: 3.

Christoph Dorner
Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.
Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.Illustration: TSP

Es ist eines dieser Jahre, in denen ein Konzert alles bedeutet: Die isländische Band Sigur Rós! Im Olympia in Paris! Ich reise mit dem Zug aus Trier an, obwohl am nächsten Morgen an der Uni eine Sprachprüfung in Französisch II ansteht. Für den Rückweg habe ich mir eine Mitfahrt bei Peter und Josef organisiert, zwei Brüdern aus Bayern, die ich aus einem Online-Forum kenne. Die Prüfung bei Madame Jeand’Heur beginnt um acht Uhr früh. Die Brüder versprechen, mich vorher in Trier abzuliefern. Im Gegenzug dürfen die beiden in meinem WG­Zimmer pennen, ehe sie weiter nach Bayern fahren.

Ich treffe die beiden vor dem Olympia: zwei hagere Burschen im Studieralter. Obwohl das Konzert großartig ist, sprechen sie den ganzen Abend kein Wort miteinander. Erst als wir gegen Mitternacht bei Josefs Corsa ankommen, sagt Peter, der etwas Ältere, zwei Sätze: Er musste Josef heute auf dem Weg zum Schloss Versailles eine auf die Schnauze hauen. Und deshalb werde er jetzt schlafen. Ich bemerke, dass Josef tatsächlich Blutspritzer auf seinem T-Shirt hat. Peter hat sich in der Zwischenzeit auf die Rückbank gesetzt und in einen Armeeschlafsack eingewickelt.

Josef sagt, dass er meine Hilfe brauche, um aus Paris hinauszukommen. Ich frage nach einem Navigationsgerät, einem Autoatlas, einer Karte. Josef schüttelt nur den Kopf. Peter wisse den Weg, aber der schläft mittlerweile brummend. Also startet Josef seine Irrfahrt durch die Arrondissements von Paris. Wir fahren unentwegt im Kreis, obwohl der kleine Bruder aus verzweifelter Orientierungslosigkeit stets andere Ausfahrten auf der Stadtautobahn ausprobiert. Aus der Ferne verhöhnt uns ein strahlender Eiffelturm.

Ich frage erst irritiert, später ernsthaft wütend, warum wir Peter nicht aufwecken, statt sinnlos den Tank leer zu fahren. Josef sagt nur: Lass es. Als wir nach fast drei Stunden endlich die richtige Landstraße in Richtung Allemagne gefunden haben, will ich von Josef wissen, was zwischen den Brüdern vorgefallen ist: Ging es um ein Mädchen? Oder war gar der gesamte Trip nach Paris ein Reinfall? Josef weicht aus, er ist hundemüde. Ich solle ihm, der kein Französisch spricht, doch bitte ein paar Vokabeln aufsagen. Das tue ich.

Als die Sonne aufgeht, passieren wir erst die belgische, dann die luxemburgische Grenze. Kurz vor acht setzt Josef mich an der Uni in Trier ab. Als ich mich verabschiede, wacht auch Peter auf, blinzelt und gähnt selbstzufrieden. Die Prüfung bei Madame Jeand’Heur bestehe ich haarscharf. Als ich nach zwei Stunden nach Hause komme, sind die Brüder schon weg. Christoph Dorner

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