Die neue Kolumne: Maris Hubschmid traut sich was! : Zwei Herzen in meiner Brust – und Hand

Hat eigentlich jemals jemand festgelegt, dass pro Passagier nur ein Stück Schokolade erlaubt ist? Unsere Kolumnistin greift zu.

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Maris Hubschmid traut sich was
Maris Hubschmid traut sich was.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Fluggesellschaft Air Berlin schenkt ihren Gästen zum Abschied ein Herz. Ich mag den Tomatensaft, aber ich liebe das Auf-Wiedersehen-Herz. Es schmiegt sich perfekt in die Handinnenfläche, es fühlt sich glatt und verdient an – Belohnung dafür, dass man sich stundenlang eine Armlehne geteilt hat. Sie halten dir eine Schachtel hin, in der es verheißungsvoll rot glitzert, sie sagen: „Auf Wiedersehen, greifen Sie zu.“ Selbstredend ist das Beste an dem Herz die Schokolade. Es ist aus guter Schokolade. Schokolade macht glücklich.

Hat eigentlich jemals jemand festgelegt, dass pro Passagier nur ein Exemplar erlaubt ist? Trotzdem steht außer Frage, dass es so ist. Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder gleich viel bekommt – so haben wir es von klein auf gelernt. Auf friedlichen Kindergeburtstagen sind die Goldtaler abgezählt, am Ende der Feier bekommt jedes Kind eine Leckmuschel und einen Luftballon.

Man muss nur mal überlegen, wo wir hinkämen, wenn jeder zwei Herzen nähme: Sitzplätze würden knapp, weil zusätzliche Schokoherzen untergebracht werden müssten. Tickets schon deshalb teurer, weil der Kakaopreis rasant steigt. Andernfalls wäre die ohnehin angeschlagene Airline bald pleite, Arbeitsplätze gingen verloren, totales Chaos drohte! Jedes Mal, wenn ich an der Reihe bin, werfe ich also einen langen Blick in die Schachtel und erwäge kurz, zwei Herzen herauszugreifen. Dann besinne ich auf meine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und belasse es bei einem.

Um wie viele Herzen war ich wohl schon gebracht worden?

Auf meinem vorletzten Flug wurde mein Gerechtigkeitsempfinden erschüttert. Ein Herr vor mir sagte: „Ich habe zwei Enkelkinder, ich nehm’ zwei.“ Sprach’s, grapschte die doppelte Menge dessen, was anständig ist, und ging. Die Stewardess lächelte weiter, als sei nichts geschehen, ich nahm mein Exemplar, und in mir brodelte es ob dieser Dreistigkeit. Ich habe keine Enkelkinder, noch nicht einmal ein Kind, und fühlte mich betrogen.

Oscar Wilde soll gesagt haben: „Es gibt zwei Klassen von Menschen. Die Gerechten und die Ungerechten. Die Einteilung wird von den Gerechten vorgenommen.“ Jetzt hätte ich mich also moralisch erhaben fühlen und das so richtig auskosten können. Stattdessen dachte ich darüber nach, dass die Flugbegleiterin die Grenzüberschreitung einfach so hingenommen hatte, und begann, mir auszurechnen, um wie viele Schokoladenherzen ich in meinem Leben schon gebracht worden war. Zwanzig? Achtundzwanzig?

  Ich brauchte die Absolution

Während des Rückfluges versuchte ich, das Risiko abzuschätzen, dass die duldsame Stewardess eine Ausnahme gewesen war – und erwog meine Chancen bei unterschiedlichem Vorgehen. Ich könnte einfach zwei Herzen greifen und hoffen, dass niemand mir das Sicherheitspersonal hinterher schickt. Doch dieser Triumph würde bitter schmecken, ich ahnte es: Ich würde mich als Diebin fühlen. Ich brauchte die Absolution.

 Also stellte ich mein Glück auf die Probe. „Darf ich zwei nehmen?“, fragte ich, als ich beim Ausstieg an der Reihe war. Der Steward lächelte. „Selbstverständlich, gerne auch drei“, antwortete er.

 Drei? Augenblicklich war ich verunsichert. Sollte die Freiheit über den Wolken wirklich so grenzenlos sein? „Nein nein, zwei reichen mir dicke“, versicherte ich peinlich berührt. Für wie maßlos hielt er mich? Man muss sich das nur mal vorstellen, wo wir da hinkämen, wenn jeder drei nähme, meine ich.

 „Prima“, hörte ich da den jungen Mann hinter mir sagen. „Dann nehme ich vier.“

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