DIE STADT : Madrid ist wieder liquide

Paris hat die Seine, London die Themse, Berlin die Spree – und was hat Spaniens Hauptstadt? Den Manzanares. Nur war der jahrzehntelang unter Beton versteckt. Nun ist der Fluss wieder da, und mit ihm Parks, Radwege, Brunnen und Brücken.

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Gedrängel.
Gedrängel.Foto: REUTERS

Für Isabel ist es nur ein kurzer Weg, für Madrid war es ein großer Schritt. Die Studentin liebt es, am Geländer der alten Brücke Puente del Rey zu stehen, unter deren vier Bögen der Manzanares gemächlich fließt. So gemächlich und ruhig, als sei das hektische Madrider Leben nur eine Einbildung. Hoch über der Brücke der königliche Palast, rechts geht es in den ausgedehnten Park Casa de Campo. Jahrzehntelang wäre Isabel nicht einmal auf die Brücke über den Manzanares gelangt – die nämlich war nur für die Autos da: Fußgänger verboten.

Wo im 18. Jahrhundert der damalige Hofmaler Francisco Goya, der einst nicht weit entfernt am westlichen Manzanaresufer wohnte, noch Flussidylle und galante Szenen malen konnte, dröhnte jahrzehntelang links und rechts des Ufers der Verkehr. Die beiden Autopisten mit dem größten Verkehrsknotenpunkt der Stadt an der Puente del Rey hatten den Fluss im Würgegriff und den Madrilenen jeden Zugang zum Wasser geraubt. Jetzt sind die Autos weg, als habe es sie nie gegeben. Und es rauscht nicht mehr der Verkehr, sondern nur der Fluss über das Stauwehr.

Eine U-Bahnstation von der chaotischen Gran Via entfernt ist jetzt vom Großstadtstress nichts mehr zu spüren. Vor allem in den Mittagspausen genießen die Madrilenen nun die Ruhe, sitzen auf den Bänken oder vor den Café-Kiosken. Als ein Wunder der Stadtwerdung, so empfindet die Veränderung nicht nur Isabel, die fast täglich mit dem Rad durch den Flusspark „Madrid Rio“ radelt.

Auf knapp elf Kilometern ist in den vergangenen Jahren am westlichen Rand des Stadtzentrums eine grüne Parklandschaft entstanden, eine Schneise quer durch die Millionenstadt. Unterm Pflaster liegt nicht der Strand, wie Berliner Hausbesetzer einst skandierten, sondern überm Tunnel liegt der Park. Für diese gewaltige städtische Transformation hat die spanische Hauptstadt im vergangenen Jahr den Internationalen Preis für Stadtentwicklung erhalten. Auch bei der Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele 2020 will Madrid mit seinem Flusspark punkten.

Mehr als 36 000 Bäume und eine halbe Million Sträucher sind entlang des Flusses gepflanzt worden, Spielplätze, Brunnen und Wasserfontänen, tausende Bänke und rund 30 Fußgängerbrücken sind entstanden. Auch die historischen Brücken präsentieren sich den Spaziergängern wieder in alter Pracht. Die Madrilenen, die seit mehreren Jahrzehnten dem Manzanares den Rücken gekehrt hatten, haben einen vergessenen Fluss wiederentdeckt – und ein Stück Lebensqualität dazu. Der Park hat für viele den schmalen, nicht schiffbaren Wasserlauf überhaupt erst wieder ins Bewusstsein gehoben, der etliche Jahrhunderte eine Lebensader für die Stadt auf der kastilischen Hochebene war. Der Fluss war so vollständig aus der Wahrnehmung verschwunden, dass er selbst in Reiseführern unerwähnt blieb.

Mit der Hinwendung zum vergessenen Fluss hat Madrid einen kompletten Blickwechsel der Stadtentwicklung vollzogen. Anders als in Berlin, wo sich die Stadt immer um die die ehemaligen Gründungsorte Cölln und Berlin auf den beiden Spreeinseln gruppierte und erweiterte, schuf der königliche Palast nach Westen mit dem dahinter steil zum Manzanares abfallenden Gelände eine Barriere der Stadtentwicklung, der Madrid jahrhundertelang folgte. Alle Erweiterungen der Stadt vollzogen sich seit dem 17. Jahrhundert nach Osten, weg vom Fluss. Auch auf alten Landkarten ist die scharfe Grenze, hinter der unbesiedeltes Gelände begann, deutlich sichtbar.

Dort am Wasser verblieben durch die Jahrhunderte allein die Wäscherinnen, die tief unterhalb des königlichen Palastes ihre Wäsche flattern ließen. In der Abwendung vom Fluss befand sich Madrid dabei in guter Gesellschaft: Auch in London begann die Wiederentdeckung der Themseufer erst Ende der 80er Jahre. In Berlin, bedingt durch die Teilung, die die Spree zum Grenzgebiet machte, sogar noch später.

Für Madrilenen, in deren Stadtzentrum sich kaum Grünlagen finden, gibt es nun nicht mehr allein den Retiro, die auch bei Touristen sehr beliebte, barock geprägte Parkanlage. An den Wochenenden sind nun zehntausende Hauptstädter mit ihren Kindern im neuen Park am Manzanares unterwegs, sie skaten und radeln oder sitzen in den Cafés am Flussufer. Am Playa Madrid, wie die Stadtverwaltung ganz unbescheiden einen Teil des Parks nennt, vergnügen sich Kinder unter Fontänen oder in flachen Wasserbecken. Auch nachts ist „Madrid Rio“ belebt, fast 9000 Leuchten illuminieren dann die Landschaft.

Vor allem für Radler bietet der Park eine neue Möglichkeit, die Stadt zu durchqueren, weil es ansonsten kaum Radwege im Zentrum gibt, dafür aber lebensgefährlich dichten Autoverkehr. Mit „Madrid Rio“ verknüpft waren deshalb auch erstmalig die Debatte einer umweltgerechten Stadtentwicklung sowie die Verbesserung der Luftqualität und die Reduzierung des Feinstaubs, was vorher kaum eine Rolle in der Drei-Millionen-Metropole gespielt hatte. Dabei hat Madrid, wo die sich meisten Einwohner wegen der enorm hohen Mieten mit sehr kleinen Wohnungen begnügen, mit 5300 Menschen pro Quadratkilometer die höchste Bevölkerungsdichte der europäischen Hauptstädte. Zum Vergleich: Berlin hat 3800 Einwohner pro Quadratkilometer, London 4700.

Bauarbeiter Jaime, dessen Firma derzeit am Ufer nahe der Puente de Segovia einen Restaurant-Pavillon errichtet, ist vom Wandel immer wieder verblüfft. Schließlich ist er selber viele Jahre lang nahezu täglich über die berüchtigte Autobahn M-30 gefahren, die Madrid einst strangulierte. Auch die 20-jährige Yolanda hat als Kind nie etwas anderes kennengelernt als Lärm, Staub und die Warnungen der Eltern, auf der Straße bloß vorsichtig zu sein. Denn direkt vor ihrem Haus in der Avenida de Portugal, dessen Fenster nie aufgemacht wurden, lief der sechsspurige Autobahnzubringer vorbei, die andere Straßenseite war nur über einen Tunnel zu erreichen. „Das ist jetzt wie ein Paradies für uns“, sagt die Studentin, die noch bei ihren Eltern wohnt. Nun kann die Familie auch auf dem vorher wegen des Lärms nicht nutzbaren Balkon sitzen, mit Blick auf die Stadt und die Berge im Hintergrund. Was einst eine tosende Schneise war, ist nun ein beliebtes Wohnviertel.

Vor allem die weiter südlich angesiedelten Quartiere, früher eher abseits liegend, haben eine deutliche Aufwertung erfahren. Die einst eher bescheidene Gegend, wo in den 50er Jahren Mietskasernen entstanden sind, ist nun als Wohnort begehrt, seit der Fluss nicht mehr nur ein hässliches Rinnsal ist. Die Bewohner haben auf vielfältige Art den Park in Besitz genommen und machen ihn an den Wochenenden zu einer lebendigen Bühne ungekünstelten Madrider Lebens. Mütter unterhalten sich, während ihre Kinder auf den 17 aufwendig gestalteten Spielplätzen tollen, Ältere haben barrierefreien Zugang, jüngere Madrilenen spielen auf den Fußballplätzen und Basketballfeldern, nutzen den BMX-Parcours oder die extra angelegten Bahnen für Skater und Skateboarder. Auch eine Kletterwand mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden gibt es.

Auf den Weg gebracht wurde das Parkprojekt vom damaligen Madrider Bürgermeister und jetzigen Justizminister Alberto Ruiz-Gallardón. Statt Investoren die wertvollen Flächen zu überlassen, setzte er den Grüngürtel durch, um den in Franco-Zeiten begangenen städtebaulichen Fehler der autogerechten Ausrichtung Madrids zu korrigieren. In einem ersten Schritt der gigantischen Umgestaltung der Metropole, vergleichbar mit Londons Umbau der Docklands, wurde von 2003 bis 2007 die Autobahn unter die Erde gezwungen, die für den Großraum Madrid mit seinen mehr als sechs Millionen Einwohnern unverzichtbar ist. Der Kraftakt war anfangs heftig umstritten, denn er bedeutete für die Madrilenen jahrelang vor allem eine gigantische Staufalle und riesige Baugruben.

Heute merkt man nur noch an den im Erdreich versenkten Lufteinlassrosten, dass unter dem Grün die Autobahntunnel verlaufen, die täglich von mehr als 200 000 Fahrzeugen genutzt werden.

Erst in einem zweiten Schritt wurden die vier Parkabschnitte in Angriff genommen, die sich vom Zentrum bis in die Vorstädte ziehen. Entstanden sind abwechslungsreiche Gartenlandschaften und architektonische Blickfänge wie die vom Franzosen Dominique Perrault entworfene Fußgängerbrücke, deren spektakuläres Eisengeflecht sich wie eine Spirale über den Fluss windet. Zu finden sind daneben eine sich in der Flussmitte teilende Brücke in Y-Form oder der mit Bäumen bepflanzte Übergang Puente Oblicue, der aus einiger Entfernung wie ein schwebender Garten wirkt. Auch die mitten im Fluss stehenden historischen Häuschen der sieben Flusswehre oder die seit dem spanischen Bürgerkrieg schwer beschädigte Kapelle Ermita de la Virgen del Puerto wurden liebevoll restauriert.

Profitiert vom Park haben auch die ehemaligen Schlachthöfe am südlichen Rand Madrids. Die historischen Backsteinbauten haben sich zu einem riesigen Kulturzentrum entwickelt. Vom Park aus haben die „Mataderos“ mit ihren Kunstausstellungen, Theaterprojekten und Musik-Events nun direkten Zugang. Das gilt auch für das direkt danebenliegende, mehr als 100 Jahre alte Gewächshaus des städtischen Gartens, unter dessen Glasdach sich tausende Pflanzen finden.

Nahezu vier Milliarden Euro hat Europas größte Grüngestaltung gekostet. In den Zeiten des spanischen Wirtschaftswunders gestartet, so wird von Madrilenen ironisch angemerkt, zeigt sich in der Krise eine unerwünschte Nebenwirkung von „Madrid Rio“: Das Megaprojekt am westlichen Stadtrand hat der Stadt einen Fluss wieder neu geschenkt, zugleich aber dazu beigetragen, dass Madrid heute die am höchsten verschuldete Kommune Spaniens ist. Die Madrilenen werden die Schulden wohl noch abtragen, wenn die jungen Bäume längst groß sind.

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